Fritz Heißenberg - Oerlinghausen
Aus der Geschichte
der Firma - Von Bürgermeister a. D. August Reuter
Hille - bille.
Hille - Bille! So ging das schon eine Weile auf Brinkmeiers Hofe, wo ein neues Kötterhaus sein Dachgerüst erhalten hatte und nun die „Hiusbörnje", die Haushebung, gefeiert wurde.
Über der großen Deelentür berichtete neben einem
frommen Spruch die gut herausgearbeitete Inschrift, daß
Johann Henrich Brinkmeier und dessen Ehefrau Anna Ilsabein
Luckebart dieses Haus hatten „bauwen
und auffrichten" lassen den 4. März 1751. In
einer Ecke aber standen noch die Buchstaben MH. und das hieß „Meister Heißenberg“. Er, Hermann Hinrich Heißenberg,
war der Zimmermeister, der Ständer und Balken fest gefügt und gerichtet hatte.
Damals war er 35 Jahre alt und in voller Manneskraft. Mit besonderer Heftigkeit
hatte er heute den letzten eichenen Sparren verriegelt und blickte nun mit
Befriedigung auf das gelungene Werk. Nach kurzem Umtrunk verabschiedete er sich
von Brinkmeier und verließ das Richtefest. Es drängte ihn heimzukommen, denn in
der niedrigen Kammer lag seine Frau in den Wochen. Vor wenigen Tagen hatte sie
ihm einen Sohn geschenkt, und der Pastor v. Cölln hatte diesen gestern, am 3.
März 1751, auf den Namen Bernd Henrich getauft. Von ihm hoffte der Meister, daß er dereinst sein Nachfolger im angestammten Handwerk
sein würde. Hille - bille, hille
- bille tönte es ihm noch eine Weile nach auf dein Heimwege, und er überdachte, wieviel Kötterhäuser, Hoppenplöcker- und Leibzuchtwohnungen er nun schon in den
letzten Jahren hier in Heiden und in den Nachbardörfern Heßloh
und Hardissen, in Trophagen,
Hedderhagen und Bremke hatte errichten dürfen. Würde
sein Erbe wohl auch noch genügend Arbeit finden? - Ja, wenn er sein Handwerk
verstand, würde auch er sein gutes Auskommen in der Heimat haben und nicht wie
so viele andere junge Leute in Heiden als Hollandgänger sein saures Brot
verdienen müssen.
Bernd Henrich Heißenberg ist wie sein Vater Zimmermann geworden. Mit 25
Jahren heiratete er am 28. April 1776 Annemarie Bödeker aus Heiden. Das war ein
Jahr nach dem Tode seines Vaters, dessen Nachfolger er nun in Heiden war. Und
auch aus seiner Zeit stand das Meisterzeichen MH über der Deelentür
einiger Häuser. Aber nur vier Jahre dauerte die Ehe. Am 21. Februar 1780 starb
der junge Meister. Er hinterließ einen am 18. Juli 1779 geborenen Sohn Johann
Ludolph, der wie ein rechter Lipperjunge dort am Ötternbach und in Niewalds Holz
aufwuchs und im Jahre 1792 von Pastor Adolf Ludwig Reuter konfirmiert wurde.
Die Mutter hatte einen Zimmermann wieder geheiratet, und dieser nahm nun seinen
Stiefsohn in eine strenge Lehre.
Als er Geselle geworden war,
gefiel es Johann Ludolph Heißenberg in Heiden nicht
mehr. Es mögen Zwistigkeiten mit den Stiefgeschwistern die Ursache gewesen
sein. Jedenfalls finden wir ihn mit 20 Jahren im Westen des Lipperlandes,
wo gerade in der Zeit des Rheinbundes die Bautätigkeit stark zunahm und das
gesamte gewerbliche Leben einer neuen Blüte entgegen ging. Am 11. Februar 1807
heiratete er in Lage die Anne Margarethe Ilsabein
Koch aus dem Wedderwillen bei Pottenhausen
und ließ sich mit seiner jungen Frau in Mackenbruch
als Tischler- und Zimmermeister nieder. Dort wurde ihm am 30. 12. 1807 ein Sohn
geboren, den Pastor Neubourg in Oerlinghausen auf den
Namen Bernd Rudolf taufte. Johann Ludolph aber hat in Mackenbruch
schnell festen Fuß gefaßt, er galt als fleißig und
strebsam und nicht nur Ständer und Balken und Sparren konnte er richten,
sondern auch manchen Webstuhl des durch Leinenweberei bekannt gewordenen
lippischen Westens hat er angefertigt. Schade, daß
wir alte Webstühle nur noch selten antreffen; sie verschwanden allzu schnell
aus den Häusern, weil sie als schwere Ungetüme im Wege standen, als die
Hausweberei sich nicht mehr lohnte. Johann Ludolph hat ein Alter von 62 Jahren
erreicht. Er starb am 9. Mai 1841 in Mackenbruch, und
Pastor Volkhausen sprach in der Leichenrede von dem „treuen und klugen
Haushalter, welchen der Herr selbst setzet über sein Gesinde.“ (Luk. 12,
42.) Seine Witwe hat ihn 26 Jahre überlebt. Doch das ragt schon beinahe in
unsere Zeit, denn von der „alten Heißenbergschen
aus’m Mackenbruche" und wie die ihre große
Kinderschar mit starker Hand geleitet habe, davon erzählten ja noch unsere
Großeltern.
Ihr ältester Sohn, der 1807
geborene Bernd Rudolf Heißenberg, wurde ebenfalls
Tischler und Zimmermann auf der Osterheide. Er hat es
im Leben nicht leicht gehabt, denn er war jung in einer Zeit, als es mit aller
gewerblichen Tätigkeit abwärts ging. Als er 1833 Hanne Marie Luise Lohmeier aus
Oerlinghausen heiratete, stand es um die den Westen des Landes beherrschende
Leinenindustrie denkbar schlecht. Ein Handweber nach dem andern wurde
arbeitslos. Neue Webstühle wurden nicht mehr bestellt, und auch die
Bautätigkeit lag jahrelang danieder. Erst nach der Revolution von 1848 trat
eine langsame Besserung der Wirtschaftslage ein. Nur durch zähen Fleiß hat
Bernd Rudolf Heißenberg seine zahlreiche Familie über
diese Hungerjahre hinweggebracht. Es war die Zeit schwerer Not, da alles Vieh
geschlachtet werden mußte und die Mütter ihren Kindern zuriefen: „Kinner, eet Fleusk! Katuffeln
künt wui nich mehr betahlen!“ Und doch
sind trotz der schlechten Zeiten aus seinen Söhnen und Enkeln, die wir
kennengelernt haben, tüchtige Menschen geworden. Wir wollen uns dabei erinnern,
daß sie sich fast sämtlich eigene Häuser bauten, fast
alle im Holzgewerbe geblieben sind und daß es beinahe
eine Selbstverständlichkeit war, einen Heißenberg
auch als Tischler oder Zimmermann zu sehen, ob er nun in Wellentrup
oder Mackenbruch oder Lipperreihe wohnte. Bernd
Rudolf Heißenberg (wir finden im Amte Oerlinghausen
noch mehrere Fachwerkhäuser mit seinem Meisterzeichen BRH) hat ein Alter von 69
Jahren erreicht. Er starb auf der Osterheide am 20.
Januar 1876. Seine Frau folgte ihm drei Jahre später nach.
[Bild: August Karl Heißenberg]
Der älteste, am 30. Juni 1834
in Mackenbruch geborene Sohn, August Karl Heißenberg, der uns noch wohlbekannte Zimmermann und
Tischlermeister mit dem Fräsenbart, heiratete am 18.
September 1864 die am 5. Juli 1840 in Trophagen bei
Lemgo geborene Dorothea Sophie Henriette Kochsiek. Er
verzog aus Gründen, die uns nicht bekannt sind, von Osterheide
(Wellentrup) nach Lipperreihe und später, nach dem
frühen Tode seiner Frau, zu seinem Sohn nach Oerlinghausen, wo er am 18. Nov.
1899 gestorben ist. Was sollen wir aus seinem Leben berichten? Muß es denn immer etwas Besonderes sein? Oder muß es immer etwas sein, das der Überlieferung wert ist?
Wenn das Leben ohne aufzufallen verlief, so war es vielleicht besonders
wertvoll, denn dann war dies Leben ausgefüllt von einem stillen Schaffen an der
Hobelbank, dann war es im natürlichen Pflichtgefühl bei Säge und Hammer, bei
Bohrwinde, Stemmeisen und Leimtopf verlaufen, bis der Rücken krumm war und die
Kinder versorgt waren.
[Bild: Friedrich Wilhelm Heißenberg]
[Bild: Wilhelmine. gen.
Minna. Heißenberg, geb. Meier]
So war es bei den Vorfahren
gewesen, und so war es auch bei August Karl Heißenberg
in Lipperreihe. Und wenn wir hier bei allen Heißenbergs
auch die Ehefrauen erwähnten, dann geschah es absichtlich, weil sie immer wesentlichen
Anteil hatten - nicht nur an der Erziehung der Kinder, sondern auch am Erfolg
des Ehemannes. Immer konnten sich die Heißenbergs auf
ihre Frauen verlassen, und immer achteten die Frauen darauf, daß es nicht rückwärts ging im
Betrieb. Was ich hier sage, gilt bis auf den heutigen Tag.
Ais August Karl Heißenbergs kraftvolle hohe Gestalt uns nicht mehr in der
Jägerstraße begegnete und als er nach kurzer Krankheit am 8. Nov. 1899 die
Augen schloß, war sein ältester Sohn Friedrich
Wilhelm Heißenberg schon 11 Jahre als selbständiger
Tischlermeister in Oerlinghausen am Werk. Er war am 21. Dez. 1867 zu
Lipperreihe geboren und hatte in Dietrich Koch. Niedernstr.
1 zu Oerlinghausen, einen strengen, aber gerechten Lehrherrn gehabt. Nach
kurzen Wanderjahren machte er sich 1888 in Oerlinghausen selbständig. Seine
Werkstatt schlug er in einem Nebengebäude des Kastanienkrugs auf. Bald lernte
er seine Braut Wilhelmine Pauline Auguste Meier kennen. Sie war die Tochter des
Steinmetzen Heinrich Meier. Der Vater starb, als sie 14 Jahre alt war. Ihre
Mutter Wilhelmine Henriette, geb. Berkemeier, wohnte nicht weit von Heißenbergs Werkstatt, Holter Str. 35. Dort konnte man das
Hämmern und Sägen des jungen Meisters deutlich hören und feststellen, ob er
fleißig an der Arbeit war. Er muß auch wohl sonst die
Prüfungen der Brautmutter gut bestanden haben. Sie stammte, wie er. aus einer
Familie, in der der Tischler- und Zimmermannsberuf seit mehreren Generationen
Tradition war.
Nach einem Jahr wurde
geheiratet, und nun hieß es schaffen, schaffen, schaffen! Zehn Kinder hat Frau
Wilhelmine ihrem Mann geschenkt, sechs Knaben und vier Mädchen, und für alle
mußte immer Brot im Schranke sein - und nicht nur Brot. Wenn ich der
85-jährigen, geistig so frischen, und wachsamen kleinen Frau gegenübersaß und
fragte, wie sie neben der Pflege und Erziehung der Kinder auch noch die Arbeit
im Haushalt und Garten bewältigen, das Kleinvieh versorgen. Wäsche nähen und
zerrissene Hosen flicken konnte, dann antwortete sie in ihrer ruhigen Art: „Wir
haben ja früh zu arbeiten gelernt, denn unsere Mutter war mit 41 Jahren Witwe
und fackelte nicht, wenn wir unsere Arbeit nicht fix genug machten.” Der
Psalmist sagt, daß ein köstliches Leben Mühe und
Arbeit ist; die energischen Züge im Gesicht der alten Frau Heißenberg
verraten uns, daß ihr Leben von einem gewaltigen
Fleiß ausgefüllt war. Sie ist am 8. Dezember 1950 in Frieden heimgegangen.
Friedrich Wilhelm Heißenberg hat es in der ersten Zeit seiner Selbständigkeit
nicht leicht gehabt. Die Oerlinghauser hatten ja nicht gerade auf ihn gewartet.
Es gab in der Bergstadt alte, angesehene Tischlermeister genug. Zwar zeigten
die Jahre nach 1890 im Gegensatz zu den krisenreichen siebziger und achtziger
Jahren im allgemeinen eine stete ruhige
Aufwärtsentwicklung der gesamten Wirtschaft, und zweifellos trug diese
allgemeine Entwicklung auch dazu bei, daß Heißenberg allmählich in Oerlinghausen festeren Fuß faßte und immer mehr Aufträge erhielt. Aber es bedurfte
doch sparsamster Wirtschaft und angestrengter Arbeit, bis ein festes Fundament
geschaffen war.
Da bot ihm eines Tages der
Kaufmann Hermann Bornheim sein Haus Jägerstr. 6 zum Kauf an. weil dieser sein
Manufakturwarengeschäft an die Hauptstraße verlegen wollte. Die Kaufsumme könne
als Hypothek auf dem Hause stehen bleiben.
[Bild: Jägerstraße 6, von der
Hermannstraße aus gesehen]
Nach kurzem Zögern und
Rechnen schlug Heißenberg zu und legte damit den
Grundstock zum heutigen Fabrikgelände an der Jäger- und Hermannstraße. Mit
diesem Haus erwarb Friedrich Wilhelm Heißenberg nicht
nur eine geräumige, helle Werkstatt, sondern auch mehr Wohnraum für seine
schnell angewachsene Familie. Hier am Tönsberg, in den Tannen und Lärchen und
verschlungenen Wegen unter der Windmühle sind sie groß geworden, die Heißenbergsjungen und Mädchen.
In diesem Hause begann
Friedrich Wilhelm Heißenberg gewissermaßen von neuem
und zwar jetzt mit einem Gesellen und Lehrling. Was wurde nicht alles
fertiggestellt! Fenster, Türen und Treppen für zahlreiche Neubauten oder
Tresen, Fächer und Backtröge für Bäckereien. Auf der Hermannstraße sah man
Karren und Leiterwagen für die Landwirte der Umgebung entstehen.
Dielentäfelungen, eichene Tische, Kleider- und Küchenschränke u. a. m. zeugen
in vielen Häusern noch heute von der gediegenen Arbeit des Meisters Heißenberg.
Als bald nach der
Jahrhundertwende die neue Weberei der Firma Carl Weber & Co. gebaut wurde,
erhielt Heißenberg große Aufträge für Regale,
Garderoben, Kontormöbel u. dergl..
Auch der übrige Kundenkreis hatte sich im Laufe der Zeit derart erweitert, daß die bisherigen Arbeitsräume sich als zu klein erwiesen.
[Bild: Fritz Heißenberg]
[Bild: Ida Heißenberg, geb. Altmoos]
Durch einen nach Osten
gelegenen Anbau wurde eine wesentliche Vergrößerung des Betriebes erzielt.
Längst waren die ersten Holzbearbeitungsmaschinen aufgestellt und dadurch die
Leistungsfähigkeit des Betriebes bedeutend gesteigert worden. Die Jahre vor dem
ersten Weltkrieg waren durch zahlreiche Innenausbauten gekennzeichnet. Der
letzte Innenausbau 1914 war das von Architekt Kopf. Frankfurt-Main, entworfene
Wohnhaus Rich. Müller, Detmolder Str. 20.
Dann kam der Krieg und
brachte eine völlige Umstellung mit sich. Massenherstellung war die Parole.
Kriegswichtige Aufträge mußten termingerecht erfüllt
werden. Neue Arbeitskräfte wurden eingestellt. Munitionswagen verließen in
großer Zahl die Heißenbergschen Werkstätten.
Noch ein anderes Ereignis
brachte das Jahr 1914 mit sich: Der älteste Sohn, Fritz Heißenberg,
war Anfang des Jahres heimgekehrt. Er war 24 Jahre alt und hatte als Wandergesell
im In- und Auslande nicht nur praktische Tischlerarbeit geleistet, sondern auch
der kunstgewerblichen Bewegung jener Jahre längere, aufmerksame Studien
gewidmet, sonderlich in Mittel- und Süddeutschland. Auch in der Schweiz und in
Italien hat er die Möbelherstellung kennengelernt. Dann war er am Rhein wieder
abwärts gewandert und hatte 1913 im schönen Bacharach sich mit Ida Altmoos verlobt, die er im Mai 1914 als seine Ehefrau nach
Oerlinghausen holte.
Die junge stattliche
Rheinländerin hat sich nur langsam an den so gänzlich anderen Menschenschlag in
Lippe gewöhnen können; aber dann hat sie umso fester hier Wurzeln geschlagen.
Und heute? – „Eine angesehene Bürgerin der Stadt?" - Ach, sie ist
viel, viel mehr! Sie wurde Mutter und Trösterin für viele. Sie hat als Frau und
Mutter die Ängste zweier Kriege durchstanden und muß
um ihren gefallenen Sohn weinen und Gräber pflegen. Was uns hier jedoch am
meisten angeht, das ist das Urteil der Angestellten und Arbeiter der Firma
Fritz Heißenberg, und das lautet: „Sie ist der
gute Geist des Unternehmens, nun schon an die 35 Jahre". Das heißt
ferner „fest und stark geblieben in guten und bösen Zeiten.“ - Können
wir besseres von ihr sagen? - Ihre Großmutter, die Anna Elisabeth Auler, Wirtin
des Gasthofs und Weinguts „Zum kalten Keller“ in Bacharach. war 35 Jahre
Witwe und ist bekannt gewesen am ganzen rebengesäumten Rhein als die tapfere
Frau, die ihr großes Anwesen besser als mancher Mann regierte. Und wenn hier in
Oerlinghausen Ungemach drohte und die Wogen hochschlugen oder Krankheiten
Überhandnahmen, dann hat Frau Ida an diese tapfere Ahnfrau gedacht, mit
sicherer Hand die Zügel ergriffen und gewußt, was
ihre Aufgabe war.
Es mag wohl auffallen, daß ich hier reichlich viel von den Frauen der Heißenbergs spreche. Wer diese beiden hier zuletzt
erwähnten, Frau Minna und Frau Ida. kennt, wird mir sagen, daß
ich recht daran getan habe.
Wenn wir nunmehr zum Jahre
1914 zurückkehren, so gewahren wir einige wichtige Veränderungen. Der junge
Fritz Heißenberg hat inzwischen die Leitung des
Betriebes übernommen und das in die Praxis umgesetzt, was er in seinen Werde-
und Wanderjahren gesehen und gelernt hatte. Ein Kontor wurde eingerichtet, ein Fernsprechanschluß hergestellt, die erste Schreibmaschine
angeschafft und - was die Hauptsache war - die Serienanfertigung der
Heereslieferungen organisiert.
Nun ging es schnell aufwärts.
1917 kaufte er das Weekesche Kolonat Nr. 86 an der
Jägerstraße und siedelte mit Frau und Tochter dorthin über. 1918, noch während
des Krieges, erwarb er das Haus Hermannstr. 6. Kolonats-Nr. 110. (Im alten
Saalbuch stehen als Vorbesitzer Holzkamp. Ramm. Tölke und Schleppenbäumer
eingetragen.) Heute ist es ein Teil der Fabrikanlagen und als Einzelhaus nicht
mehr wahrzunehmen.
[Bild: Architektenzeichnung
der Fabrikgebäude]
Gleich nach Beendigung des
Krieges wurde die Serienherstellung von Schlafzimmern aufgenommen. Der
vorhandene Raum erwies sich dafür wieder als viel zu klein. Durch Ankauf des Brenkerschen Hotelgartens wurde der nötige Platz erworben
und die dazu gehörige Kegelbahn sofort zu Fabrikationsräumen umgebaut.
„Umstellung auf
Serienmöbel.“ Das sagt sich leicht; sie war damals aber eine Tat, die nicht
nur viel Kapitalinvestierung, sondern auch die Beseitigung von Vorurteilen
erforderte; glaubte man doch, daß einwandfreie
Möbelstücke nur in handwerksmäßiger Einzelherstellung anzufertigen und
abzusetzen seien. Hinzu kam, daß die vor 1914
gelieferten Heißenbergschen Erzeugnisse in dem Rufe standen, „100 Jahre zu halten“. Deshalb
mußte Fritz Heißenberg das Prinzip seiner Vorfahren,
nur gute Hölzer zu verwenden und nur technisch einwandfreie Ware zu liefern,
weiterhin hochhalten. Es ist ihm gelungen, beides mit der Serienherstellung zu
verbinden und zwar in scharfem Wettbewerb mit süddeutscher Konkurrenz. Diese
grundlegende Umstellung des Betriebes von der Tischlerwerkstatt zur Möbelfabrik
wuchs dem Senior Friedrich Wilhelm Heißenberg über
den Kopf. Er fühlte sich den Anforderungen nicht mehr gewachsen, und da er den
Fähigkeiten seines Sohnes vertraute, übertrug er ihm durch Verkauf Mitte 1920
den Gesamtbesitz. Gleichzeitig wurde die Firma Fritz Heißenberg
handelsgerichtlich eingetragen.
Die Erzeugnisse der Firma
fanden in den Nachkriegsjahren guten Absatz. Die Möbelfabrik Fritz Heißenberg wurde in Abnehmerkreisen schnell bekannt für
formschöne Qualitätsarbeit, so daß das Absatzgebiet,
das sich anfänglich auf das rheinisch-westfälische Industriegebiet beschränkte,
sich bald über das ganze Reich und über Oesterreich.
Sudetenland, die Niederlande und Belgien ausdehnte.
Die Zahl der Beschäftigten stieg entsprechend.
Und wiederum mußte gebaut
werden. Aber mit kleinen An- und Umbauten war der Raumnot nicht zu steuern.
Eine durchgreifende Planung für einen großen Fabrikbau unter Einbeziehung der
vorhandenen guten Gebäude wurde 1927 vorgelegt, nach allen Seiten erwogen und
1928/29 in die Tat umgesetzt. Die beiden durch die Jägerstraße getrennten
Fabrikgebäude wurden durch eine Brücke miteinander verbunden. Nach
Fertigstellung aller Bauten betrug die Gesamtlänge der Fabrik rund 130 m. In
den alten Bau, Jägerstr. 6, wurden alle Maschinen verlegt, während der Neubau.
Hermannstr. 4, die Tischlerei, Beizerei, Packerei,
Versandhalle und Büroräume aufnahm. Eine neuzeitliche Trockenanlage wurde mit
dem neuen Holzschuppen hinter dem Neubau verbunden. Die Geländeschwierigkeiten
am Tönsberghang wurden in geschickter Weise durch
Brücken, Transportbänder und Aufzüge überwunden. Alle Maschinen erhielten
Einzelantrieb durch Elektromotoren; Stromlieferant ist das Elektrizitätswerk
Oerlinghausen: Wärmelieferant ist ein Niederdruckdampfkessel.
Nun, da die Fabrikgebäude fix
und fertig waren, als alle Maschinen liefen, als Produktion und Verkauf sich
die Waage hielten, konnte der Chef daran denken, ein neues größeres Wohnhaus zu
bauen. Er wählte dazu den Südabhang des Tönsberges, ein sonniges Gelände am
Piperweg, das eine weite Sicht in die Senne bot; das war 1929/30. Das Haus und
der Garten, von Fritz Heißenberg selber entworfen,
sind heute eine Zierde der Stadt. Die damals gepflanzten Bäume und Sträucher
sind inzwischen reiche Schatten- und Obstspender geworden und bieten Tieren und
Menschen Nahrung und Erholung. Ich habe da die Tiere zuerst genannt, denn
manchmal kommt es mir so vor, als ob den Tieren - Rehen, Hühnern, Enten und
Immen - seitens des Gartenbesitzers mehr Aufmerksamkeit geschenkt würde, als
den Menschen. Aber das scheint nur so. Sollte ich das ernstlich behaupten, so
würde mich sein Enkel Lügen strafen und seine vielen Gäste auch.
Am meisten Freude bereitete
es ihm, wenn sein Vater mal in den Garten kam, was selten genug geschah.
Friedrich Wilhelm Heißenberg glaubte in der Fabrik so
unentbehrlich zu sein wie früher in der kleinen Werkstatt. Zwar kränkelte er
seit langem. Ein Herzfehler machte ihm zu schaffen. Aber er konnte noch nach
dem Rechten sehen, und seine scharfen Augen sahen sogleich, wo ein Mangel war
oder wo etwas nicht hingehörte; und auch die Heizungsanlage konnte er noch
beaufsichtigen. Wenn er dann auf die Straße trat, waren die Mütze und sein
gepflegter Henriquatre-Bart mit Sägemehl bestaubt. Die kräftige Gestalt des „Alten
vom Berge“ in der gestreiften Jacke und der blauen Schürze war stadtbekannt
und bleibt uns allen als imposante Erscheinung in Erinnerung. Er starb
76-jährig am 20. Dezember 1943 und wurde unter starker Beteiligung der
Bevölkerung von seinen Arbeitern zu Grabe getragen.
In dem neuen Hause und im
Garten am Piperweg wuchs ein anderer Friedrich Wilhelm Heißenberg
heran; das war der am 7. Mai 1922 geborene einzige Sohn Fritz Heißenbergs. Schon früh begleitete er seinen Vater auf
Pirschgängen am Tönsberg, wenn der Rehbock aufs Blatt springen sollte, oder im
Winter, wenn es galt, Wildfährten zu verfolgen. Liebe zur Natur und zur schönen
Heimat zeigten sich bei ihm schon stark ausgeprägt, als er noch die höhere
Schule besuchte. Als er die Schule verlassen und der Werdegang des künftigen
Besitzers der Möbelfabrik besprochen wurde, da antwortete er in unbeirrbarer
Sicherheit: „Vater, ich will Tischler werden und eine regelrechte Lehre
durchmachen!" - So geschah es.
[Friedrich Wilhelm Heißenberg, gest. 1944]
Friedrich Wilhelm trat 16-jährig
beim Tischlermeister Osterkrüger in Detmold in die
Lehre. Nach drei Jahren machte er sein Gesellenstück, einen großen Nußbaumschreibtisch, an dem ich heute wehmütig Notizen
gemacht und Bilder des Frühvollendeten betrachtet habe. Ja. er war beliebt,
nicht nur in Detmold in der Familie seines Lehrherrn, sondern auch hier bei
allen Betriebsangehörigen, und alle Arbeiter meinten, daß
er mal ein guter Mensch würde.
Aber gleich nach Beendigung
der Lehre (1941) wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Er kam an die
Fliegerschulen in Soest und Pocking und dann zum Fliegerhorst Radom in Polen.
Er ist am 8. März 1944 bei einem Nachtflug von einem Kameraden gerammt und
tödlich verunglückt. Am Geburtstag des Vaters, am 15. März 1944, wurde seine
Leiche im Wintergarten des Elternhauses aufgebahrt. Ein zu allen guten
Hoffnungen berechtigendes Leben hatte durch den Krieg einen jähen Abschluß gefunden.
[Bild: Ansicht der
fertiggestellten Fabrik]
Er war der Stolz seiner
Eltern, und er war der sehr geliebte Bruder seiner älteren Schwester. Da wurde
ihnen jeder Tag schwer. Alles Schöne und alle Liebe, die Friedrich Wilhelm
ihnen geschenkt hat, muß nun reichen, so lange sie
leben. Das ist Herzensnot und will gemeistert sein.
Aber den Vater warf der Tod
des einzigen Sohnes für lange Zeit aufs Krankenbett. Zwei Jahre lang hat die
Fabrik ihn nicht gesehen. Da war es die starke Persönlichkeit der Frau Ida Heißenberg. die mit Umsicht und Energie dem
Betriebe vorstand. Zwar auch ihr Herz drohte an der Kriegswunde zu
verbluten. Und weiter: Daß diese Jahre ihrer Arbeit
im Kontor tiefe Spuren hinterließen, wen sollte es wundern! Umso höher schätzen
alle, die sie damals recht kennenlernten, ihre Arbeit, und umso stärker hoffen
alle Betriebsangehörigen noch auf ein langes segensreiches Wirken dieser Frau,
die sich „in rei benignitatis“
einen Namen gemacht hat.
Hier will ich die andere Frau
einflechten, die zwar in der Firma Fritz Heißenberg
nicht tätig ist, die wir aber nicht übersehen wollen, weil sie dem Unternehmen
den Erben geschenkt hat. Es ist Frau Elisabeth Niestrath,
die am 24. 9. 1916 geborene Tochter Fritz und Ida Heißenbergs.
die am 21.5.1942 den Möbelfabrikanten Heinz Niestrath
aus Schweicheln heiratete. Auch ihr ist die
Herzensnot der Kriegerfrauen nicht erspart geblieben. Jahrelang war ihr Mann in
französischer Kriegsgefangenschaft. Aber ihr Sohn Volker Niestrath,
geb. am 24.2.1943. tröstete sie und die Großeltern über
manche schlimme Stunden hinweg. Volker ist inzwischen zu einem rechten
Oerlinghauser Jungen herangewachsen.
Fritz Heißenberg
hat neue Kräfte gesammelt. Er leitet das Werk wieder, wenn auch nicht „in alter
Frische", so doch mit der Festigkeit, Bedächtigkeit und Vorsicht, die ein
Erbteil seiner Ahnen sind. Nach der Währungsreform läuft die Fabrikation von
Schlafzimmern wieder auf rationeller Grundlage in alter Qualität und in
modernen Formen. Der Verkauf geschieht in erster Linie durch intensive
Tätigkeit vom Hause aus, die ergänzt wird durch emsige Vertreter in den weiter
entfernten Gebieten. Den Einkauf des Rohmaterials besorgt der Inhaber immer
noch gern selbst. Im übrigen
wird er unterstützt von tüchtigen Mitarbeitern, unter denen seine Brüder Ernst
und Paul an erster Stelle stehen; Meister und Gesellen wachen ehrgeizig über
den glatten Ablauf der Fabrikation; schaffensfreudige, in langen Jahren
bewährte Angestellte und Arbeiter fühlen sich mit dem Werk verbunden. Zur Zeit sind ca. 30 Betriebsangehörige länger als 25 Jahre
bei der Firma Fritz Heißenberg beschäftigt. Die Zahl
steigt von Jahr zu Jahr, so daß in wenigen Jahren
mehr als die Hälfte der Beschäftigten 25 Jahre und länger im
Betriebe sein wird. Das ist sicherlich ein schönes Zeichen der Treue und
des guten Einvernehmens.
Die neuen Modelle entwirft
der Chef meistens selber. Er hat darin eine glückliche Hand gehabt, so daß „Heißenberg-Zimmer”
in Abnehmerkreisen ein feststehender Begriff geworden sind, der sich mit
Formenschönheit und Güte deckt.
War es wirklich die „glückliche"
Hand des Chefs, die zum Erfolge führte? Ich glaube, daß noch zwei weitere Faktoren zu seinem
Erfolge beitrugen:
Erstens ein ihm seit jeher eigener Ideenreichtum. Zweitens die Sachkenntnis
des Fachmanns, der „von der Pike auf" im Holzgewerbe tätig war und
in langen Wanderjahren sich den Sinn für das Schöne und den Blick in die Weite bewahrt
hat.
Wir haben die Familie Heißenberg durch einige Jahrhunderte begleitet und konnten
dabei beobachten, daß nicht immer ein helles Licht
darüber leuchtete, sondern daß die Meister immer
Ausdauer in schwerer Arbeit haben beweisen müssen, um sich im Auf und Ab der
Wirtschaft zu behaupten. Die Lipper sind ein heimat- und staatstreuer
Menschenschlag. Stetigkeit, Zähigkeit und Fleiß und daneben auch Beharrlichkeit
bei Rückschlägen sind ihre Merkmale. Wir stellen sie auch bei der Heißenberg-Sippe im beachtlichen Maße fest und können zum Schluß nur wünschen, daß diese
Eigenschaften auch den Erben des Unternehmens als Unterpfand des Erfolges eigen
sein mögen bis in ferne Zukunft.
Nachwort
Als ich von Herrn August
Westerheide gebeten wurde, einen kurzen geschichtlichen Überblick über die Heißenbergs zu schreiben, der einer Betriebsordnung
angeheftet werden sollte, schwebte mir zunächst nur eine knappe Zusammenfassung
aller bekannten Daten der Ahnentafel des Herrn Fritz Heißenberg
vor. Aber im Laufe der Arbeit wurde mir klar, daß sie
der Gefolgschaft die Möglichkeit geben könne, die Sippe des Betriebsinhabers
besser kennenzulernen; denn innerlich verbunden fühlen wir uns nur mit dem, was
wir wirklich kennen. Erst wenn wir mit der Stätte unseres Wirkens auch innerlich
vertraut geworden sind, gesellt sich zu dem äußeren Band des Arbeitsvertrages
auch ein inneres Band, dessen Bedeutung heute immer höher eingeschätzt wird.
Deshalb möchte diese Schrift
einen Einblick geben in das Werden und Wachsen der Firma Fritz Heißenberg, und das konnte nicht geschehen nur durch Daten
und sonstige Zahlen (die ich nichtsdestoweniger überall angewandt habe, soweit
sie bekannt und urkundlich zu belegen sind), sondern ich habe mich bemüht, eine
lebendige, subjektive Darstellung zu finden, die jedem verständlich ist.
Bei der Beschaffung der
Unterlagen haben mir die Herren Fritz Husemann und August Westerheide.
Prokuristen der Firma, geholfen. wofür ich ihnen herzlich danke.
Genealogische Übersicht
1.
Hermann Hinrich Heißenberg. Zimmermann zu Heiden in
Lippe, geb. 1716, gest. 1775 zu Heiden, getraut zu Heiden 1743 mit Ernestine
Holste aus Heidenoldendorf.
2.
Bernd Henrich Heißenberg. Zimmermann zu Heiden, geb.
1751, gest. 1780 zu Heiden, getraut 1776 mit Annemarie Bödeker aus Heiden.
3.
Johann Ludolph Heißenberg. Zimmermann zu Mackenbruch, geb. 1779 zu Heiden, gest. 1847 zu Mackenbruch, getraut zu Oerlinghausen 1807 mit Margarethe Ilsabein Koch aus dem Wedderwillen
bei Pottenhausen.
4.
Bernd Rudolf Heißenberg. Zimmermann und Tischler in Osterheide (Wellentrup), geb.
1807 in Mackenbruch, gest. 1876 zu Mackenbruch, getraut 1833 mit Hanne Marie Luise Lohmeier zu
Oerlinghausen.
5.
August Karl Heißenberg. Tischler- und Zimmermann in
Lipperreihe. geb. 1834 in Mackenbruch, gest. 1899 zu
Oerlinghausen, getraut 1864 zu Oerlinghausen mit Dorothea Sophie Henriette Kochsiek aus Trophagen bei Lemgo.
6.
Friedrich Wilhelm Heißenberg. Tischlermeister zu
Oerlinghausen, geb. 1867 zu Lipperreihe, gest. 1943 zu Oerlinghausen, getraut
1889 zu Oerlinghausen mit Wilhelmine Pauline Auguste Meier, wohnte in
Oerlinghausen. Jägerstr. 6.
7.
August Friedrich Wilhelm, gen. Fritz Heißenberg.
Möbelfabrikant zu Oerlinghausen, geb. 1890 zu Oerlinghausen, getraut 1914 in Bacharach
mit Ida Karoline Altmoos.
8.
Elisabeth Auguste Karoline Heißenberg. geb. 1916 zu
Oerlinghausen, getraut 1942 zu Oerlinghausen mit dem Möbelfabrikanten Heinz Niestrath aus Schweicheln.
9.
Volker Niestrath. geb. 1943 zu Oerlinghausen.