Heimat heute - Visier runter, und weiter geht’s
Wie sechs Jugendliche des Gymnasiums ihren Lebensraum Oerlinghausen sehen
Oerlinghausen. Ein Heimatbuch über Oerlinghausen ohne Kumstonne, ohne Tönsberg, ohne Segelflugplatz und ohne Stadtprominenz. Geht das überhaupt? - Die Foto-Arbeitsgemeinschaft des Gymnasiums hat mit ihrem jetzt veröffentlichten kleinen Fotoband bewiesen, daß so etwas durchaus möglich ist. Markus Schlingmann, Olaf Köster, Jan Gerth, Andreas Meske, Arndt Zeitz und Bern Jelen betrachteten ihren Heimatort Oerlinghausen einmal nicht aus der Perspektive eines Ansichtskarten-Fotografen. Was sie dabei unter Anleitung ihres AG-Leiters Fred Schierenbeck auf Zelluloid bannten und in der Dunkelkammer entwickelten, kann sich sehen lassen.
Für Markus zum Beispiel ist das Ehrenmal auf dem Tönsberg ein Stück Heimat. Das allein ist natürlich noch nicht ungewöhnlich, denn für andere ist es das auch, wie man alljährlich bei der Gedenkfeier auf dem Tönsberg feststellen kann.
Markus geht mit der Säulenhalle und dem darin ruhenden Soldaten aus Bronze allerdings zwanglos und kritisch um. Was in diesem Fall nicht gleichbedeutend ist mit respekt- und gedankenlos. „Wenn ich es mir aber genau überlege, ist seine Heimat und Geschichte auch meine Heimat, ob ich es nun will oder nicht!“ schreibt Markus in dem kurzen Text zu seinen Bildern, auf denen er mit Motorradklamotten, Handschuhen, Regenhose, Lederjacke und Mopedhelm bekleidet das Mahnmal durchmißt und ertastet. Der 17-jährige AG-Fotograf sinniert weiter: „Es ist nichts daran zu ändern; er ist für seine Heimat gefallen, die jetzt auch mir gehört. Mist, meinetwegen brauchte er aber nicht in den Krieg zu ziehen, er ist es aber trotzdem; wer weiß warum? Ach, Mann, das ist mir alles zu hoch und zu kompliziert, Hauptsache, das Moped läuft, und daß der Rest auch noch klappt, irgendwie wird das vielleicht noch besser auf der Welt, wenn nicht, na, da gibt es nur eins: Visier runter und weiter!“
Markus' Bildsequenz „Wanderer“ ist eines von insgesamt sechs Kapiteln in dem Buch „Heimat heute“ der Oerlinghauser Foto-AG, das vom Förderverein des Gymnasiums vorfinanziert und in einer Auflage von zunächst 500 Exemplaren gedruckt wurde. Nicht alle befassen sich mit einem vergleichsweise monumentalen Bauwerk wie dem Ehrenmal auf dem Tönsberg. Olaf hat sich den abseits gelegenen Oerlinghauser Bahnhof als „sein“ Stück Heimat ausgesucht. Für Olaf ist er ein „Überbleibsel aus alten Zeiten“. Seine Bilder drücken Vergänglichkeit aus. „Wird der Prozeß des Zerfalls weitergehen?“ fragt er sich. Vermutlich hat er dabei das drohende Ende der Bahnstrecke Bielefeld - Lage im Hinterkopf. Olaf: „Bedeutet dann Zukunft für den Bahnhof Stillegung und Abriß und schließlich Vergessen?“
Auch Jan stellt in seinen Bildern Vergänglichkeit dar. Sein fotografischer Streifzug führte ihn auf den Friedhof der Bergstadt. Als „Insel der Ruhe“ empfindet er diesen Ort, der Verzweiflung und Trauer ausdrückt, aber auch Trost und Hoffnung spendet.
Andreas und Arndt gehen bei ihrer ganz persönlichen Interpretation von Heimat noch einen Schritt weiter. Sie entdecken ihre Liebe zum Detail. „Architekturfragmente“ nennt Andreas seine Fotoserie, „Ecken“ heißt sie bei Arndt. Nicht immer bestehe eine Harmonie zwischen dem Zweck eines Gebäudes und seinem äußeren Erscheinungsbild, schreibt Andreas in der Erläuterung zu seinen Bildern. „Architektur bedeutet Veränderung. Vieles, was aus ihr entstanden ist, hat die Landschaft unserer Heimat ganz wesentlich mitgeprägt, und bei einigen Architekturformen frage ich mich, ob nicht das Gesicht dieser Stadt ohne derartige Veränderungen an Anmut gewinnen würde.“
Auch Arndt dürfte zu denen gehören, die wie Andreas Vorbehalte gegen eine Veränderung des Stadtbildes haben. Arndt hat sich nämlich in die unscheinbaren Winkel der Bergstadt verguckt, die ja besonders anfällig für Veränderung oder gar Beseitigung sind, weil nur wenige ihren Wert zu schätzen wissen. „Ecken“-Fotograf Arndt möchte den Betrachter seiner Bilder deshalb dazu anregen, die Augen zu öffnen und zu entdecken, wie faszinierend selbst ein trostlos wirkender Winkel sein kann, der auch zur Heimat gehört.
Bernd schließlich hat sich mit seinem Fotoapparat Menschen in der Bergstadt herausgepickt. Entstanden sind gestellte, aber dennoch (oder gerade deshalb?) sehr aussagekräftige Porträts Oerlinghauser Geschäftsleute. „Heimat, das ist für mich nicht nur Sprache urd Landschaft, das sind auch die Menschen, die meine Heimat ausmachen und prägen“, meint er dazu. „Konkret sind dies zum Beispiel Geschäftsleute, die mir im täglichen Leben begegnen.“ Für Bernd sind sie geprägt durch ihren Beruf. Sie strahlen oft Stolz und Begeisterung aus, was in seinen Fotos auch tatsächlich zum Ausdruck kommt.
Stolz, das können die sechs Gymnasiasten auch auf ihre Arbeit sein. Sie entwickelten ein erfrischend unkonventionelles Bilderbuch von Oerlinghausen, weil sie - bewußt oder unbewußt - die Schokoladenseiten ihres Heimatortes ignorierten. Fast könnte man auf den Gedanken kommen, daß hier ein ganz subjektiver Beitrag zum Stadtjubiläum geschaffen wurde. Das freilich dementieren die jugendlichen Autoren ganz entschieden.
Volker Pieper
[Bild: Durch eine Aktion auf dem Tönsberg nahmen die Oerlinghauser Grünen Stellung zum Reaktorunfall in der Sowjetunion. Mit dem Aufhängen eines Transparentes auf dem Sendemast möchten die Grünen auf die Bedrohung, die von den nahegelegenen Atomkraftwerken Grohnde und Würgassen ausgeht, aufmerksam machen. Foto: B. Peter]