Erinnerungen in Plattdeutsch
Von Karl Steinmeyer, genannt Korl vom Berge
Du, das bin ich doch nicht!
Schon lange ist es her, dass sich die kleine Geschichte, von der ich schreibe, sich hier in Ankhusen zugetragen hat. Es war Ende der 90er-Jahre. Wie überall, so gab es auch hier bei uns in der Stadt – was allerdings damals noch ein Dorf war – verschiedene Leute, denen es ein großes Vergnügen machte, sich gegenseitig reinzulegen. Dazu gehörte auch der alte Wadermann. Obwohl er ein prächtiger Mensch war, hatte er doch allerhand fiese Marotten.
Wir Schulkinder hatten immer große Angst vor seinem Erscheinen. Das machte sein Bauch, seine glühenden Augen und sein mächtiger Bart. Vor allem gab es kein größeres Vergnügen, als wenn er uns in Angst jagen konnte. Uns Kindern kam er wie der leibhaftige Nikolaus vor.
Wenn wir aus der Schule kamen, wurde immer der Rat eingeholt, welchen Weg wir nach Hause nehmen sollten – über die Straße oder durch das Brombeergestrüpp. Und meistens war es so, dass er dort war, wo wir entlang gingen. Im Brombeergestrüpp sahen wir hinter jeder Brombeerhecke den alten Wadermann stehen, bis es dann endlich Öl in die Flammen schlug und der Alte vor uns stand. Wie oft ist uns Kindern da vor Angst ein Tropfen in die Hose gegangen.
Doch auf einmal war er vorbei, und wir hatten den Alten lange nicht mehr zu Gesicht bekommen. Das war so gekommen: Beim alten Reuterpappen kamen nach Feierabend die Alten aus dem Dorf zusammen, um sich beim kleinen Branntwein und Bierchen aus dem alten Fass zu erzählen. So war es auch an jenem Abend, an dem sich die Geschichte abgespielt hatte. Der Abdecker, der Doktor, der Putzer oder Schornsteinfeger, wie man so sagt, und andere Ankhuser Bürger saßen an einem Herbstabend um den Stammtisch beim Reuterpappen. Die Petroleumfunzel flackerte und schwelgte, dass es so eine Art hatte. Da geht die Tür auf und herein kommt der dicke Wadermann. „Guten Abend zusammen. Donnerwetter, ist das ein Wetter vonnöten. Lieber Reuterpappe, das Licht schwelgt so, siehst du das denn nicht?“ Alle begrüßten ihn, und der alte Reuterpappe schrieb den Docht sofort ab. Der alte Wadermann strich sich durch seinen wackeren Bart, worauf er sehr stolz war. „Was habt ihr denn vonnöten, was habt ihr ausgeheckt?“ „Ach, Wadermann,“ sagt der Doktor, „das wollen wir lieber uns selbst überlassen, aber eins muss ich noch sagen, lass doch das Angstmachen mit den Kindern sein. Das kann mal ein schlimmes Ende nehmen.“ „Wieso?“ fragt der alte Wadermann, „gegen mein Aussehen kann ich doch selbst nichts machen.“ „Dann Bart abnehmen lassen,“ ruft einer. Alle fangen aus vollem Halse an zu lachen, vor Schreck lässt der alte Wadermann seine Pfeife fallen. „Ich, meinen Bart abnehmen lassen? Um kein Geld auf der Welt.“ Nun waren sie in das richtige Fahrwasser gekommen. Es wurde getrunken und getrunken, und als sie nun alle in gehobener Stimmung waren, sagt der Doktor: „Ja, Wadermann, von dem Bart ist etwas über, das weißt du ja immer. Wenn Sie sich den Bart halb abschneiden lassen, dann müssen wir vonnöten auf ein kleines Fass ankommen.“ „Bravo,“ ruft alles durcheinander.
Dem alten Wadermann lief das Wasser im Mund zusammen, denn er war kein Kostverächter und ausspucken tat er auch nicht. Nach einer Weile sagte er: „Gut, abgemacht, ein kleines Fass gegen meinen halben Bart.“ Die Wette wurde abgeschlossen. Der Putzer, der auch kein Spielverderber war, hatte die Sache richtig begriffen. „Also Wadermann, halb ab?“ „Ja, und kein Tütchen mehr.“ Wadermann wurde in die Mitte des Raumes gesetzt, musste leuchten, und die anderen standen im Kreise ringsherum. Der Putzer schneidet alles rechts der Nase und alles rechts unter der Nase radikal ab. Das gab ein Hallo und Gelächter, als der Putzer fertig war.
„Willst du nun die andere Hälfte nicht wegschneiden?“ fragt der dicke Wadermann. „Nein, nein!“ ruft der Doktor, „so haben wir nicht gewettet, bloß halb war abgemacht, und weiter war nichts gesagt.“ „Das hätte ich wissen sollen,“ ruft Wadermann „Nun habt ihr mich doch mal reingelegt.“
Aber den größten Schrecken hatte seine Frau bekommen, als sie am anderen Morgen den als tot daliegenden Kerl mit dem halben Bart gesehen hatte. Doch als er nachher selbst in den Spiegel gekuckt hatte, soll er zu seinem Frevel gesagt haben: „Du, das bin ich doch nicht!“
Wir Kinder hatten dann das größte halbe Jahr ihn nicht zu Gesicht bekommen, und als wir ihn wieder gesehen hatten, hatte er sich mächtig verändert.