Zum Besuch des Ehepaares Kulemeyer

Protokoll von Fritz Soll sen.

 

Oerlinghausen, den 5. August 1982

Am gestrigen Tage (Mittwoch dem 4. August 1982) besuchte Heinz Kulemeyer aus Argentinien zusammen mit seiner Ehefrau seine Geburts- und Heimatstadt Oerlinghausen.

Seine Eltern,

der Händler Julius Kulemeyer,

geboren 22.9.1891 in Haustenbeck,

und Ehefrau Klara, geb. Katz,

geboren am 2.1.1890 in Exten,

verheiratet seit 18.10.1925

verließen am 23. Februar 1938 zusammen mit ihren Kindern Heinz, geboren am 5.5.1927 in Oerlinghausen und Fritz, geboren am 11.12. 1930 in Oerlinghausen die Heimat, weil für sie als Juden keine Existenzmöglichkeit mehr in Deutschland gegeben war.

Die Eheleute Heinz Kulemeyer besuchen z.Zt. ihren in Köln studierenden Sohn Jorge. Dort hatten sie sich am Dienstag auf den Zug gesetzt und sich am Bahnhof Oerlinghausen ein Taxi genommen mit der Bitte, sie zu einem Hotel in Oerlinghausen zu bringen. Hans Meyer fuhr sie zu Pension "Waldesruh", Friedrichstr. 3, wo sie übernachteten. Am anderen Morgen machten die Eheleute Kulemeyer dann einen Stadtbummel. Nachdem sie u.a. sich das Elternhaus angesehen hatten -leider nur von außen- wollte Heinz K. seiner Frau auch die Volksschule zeigen, die er bis zum 10. Lebensjahr besucht hatte (Seine Lehrer waren Herr Elbracht und zuletzt Herr Wittenberg). Er mußte dort feststellen, das dort jetzt die Stadtverwaltung sitzt. Einen Herrn der aus dem Rathaus kam, sprach er in seinem noch immer vorzüglichen Deutsch an, und fragt ob Schule und Verwaltung jetzt zusammen in diesem Gebäude sei. Wie sich nachher herausstellte war sein Gesprächspartner Herr Ruhwinkel, der ihm gut Auskunft geben Konnte und der hellhörig wurde als er merkte, daß es sich um einen früheren jüdischen Mitbürger handelte. Herrn Ruhwinkel ist es zu verdanken, daß er die Eheleute Kulemeyer dann zu Fritz Soll im Rathaus brachte, andernfalls hätten sie sich das alte Schulgebäude nur von außen angesehen und wären unbemerkt wieder abgereist. Fritz Soll informierte Erwin Pott und Adolf Schütte, die dann zusammen mit den Eheleuten Kulemeyer im Sitzungszimmer des Rathauses etwa 3 Stunden zusammengesessen und miteinander erzählt haben.

Zu dem Schicksal der Familie Julius Kulmeyer folgendes:

Kulemeyers vertrauten sich damals einer belgischen Gesellschaft an, die Ansiedlung jüdischer Familien in Argentinien betrieb. Heinz Kulemeyer legte uns noch alle Auswanderungspapiere von damals vor (Passe, Geburts- und Heiratsurkunden, Führungszeugnisse usw.). Bei ihrer Ankunft mit dem Schiff in Argentinien wurde ihnen sofort ein Stück Land zugewiesen, das sie als Farmer zu bewirtschaften hatten. Das Land war völlig unbebaut. Die erforderlichen Wohn- und Wirtschaftsgebäude mußten selbst erstellt werden. Heinz K. erklärte, daß der Anfang für seine Item sehr schwer gewesen sei. Ein Wirtschaftlicher Aufschwung sei auch für seine Familie erst von 1943/46 an. eingetreten, als Europa argentinisches Fleisch in großen Mengen abgenommen habe. Er selbst habe von Anfang an mit auf der Farm gearbeitet und sie auch nach dem Tode der Eltern (Vater im November 1964 mit 73 Jahren verstorben) (Mutter am 1.3.1967 im Alter von 77 Jahren verstorben) übernommen. Dort wohne er auch heute noch, habe die Farm allerdings abgegeben und betreibe jetzt einen Baumaterialienhandel. Von seinen p Kindern befindet sich einer z.Zt. in Israel, der auch vor 2 Jahren in Oerlinghausen war und mit Adolf Schütte in der Stadtverwaltung gesprochen hat. Im Gespräch ergab sich, daß Heinz Kulemeyer sehr an Deutschland hängt. Er liest viel deutsche Zeitungen, hat u.a. "Die Zeit" und auch jetzt die "Oerlinghauser Zeitung" abonniert, wir haben ihm von Oerlinghausen Zeichnungen, Prospekte, Schriften, Bücher, wie "Heimatland Lippe" und "Oerlinghausen auf alten Postkarten" als Geschenk übergeben. Er bat darum, ihm neu herauskommende Veröffentlichungen über Oerlinghausen zukommen zu lassen.

Als wir uns nach weiteren Wünschen der Eheleute Kulemeyer erkundigten, brachten sie zum Ausdruck, daß die Mutter immer Pickert gebacken habe und sie diesen gern auch mal in Oerlinghausen essen würden. In Köln hätten sie zwar Pfannekuchen gegessen, der aber nicht sehr gute geschmeckt habe. Da gerade Mittwoch war, wußten wir, daß im Gasthaus "Tönsbergshöhe” Pickert serviert wurde. Kulemeyers wollten gern auf ein Mittagsmahl verzichten, um dann gegen 14 Uhr auf dem Tönsberg nach lippischer Art Kaffee zu trinken.

Da Kulemeyers nach dem Welschenweg gefragt hatten, den sie am Vormittag nicht haben finden können, hat Fritz Soll sie dann in gewünschter langsamer Fahrt bis hinten zum Naturfreundehaus, wo vor allem Frau Kulemeyer über die Forst erstaunt war, gefahren, von dort über den Pipenbrink, Piperweg zum jüdischen Friedhof. Auf dem dort befindlichen Ehrenmal der jüdischen Gemeinde für die Gefallenen des 1. Weltkrieges fand er auch den Namen seines gefallenen Onkels. Im Laufe des Gesprächs hatte Heinz K. schon erwähnt, daß seine Tante vor Jahren bereits die Entfernung der Namen der jüdischen Gefallenen von der Ehrentafel an der Kirche beanstandet habe. Wir haben ihm erwidert, daß unseres Wissens die Namenstafel sich dort nicht mehr befinde.

In diesem Zusammenhang kamen wir auch auf das Schicksal seines Onkels Eduard Kulemeyer zu sprechen, der zusammen mit seiner Frau im Winter 1941/42 wahrscheinlich mit anderen lippischen Juden nach Riga deportiert sei. Herr Kulemeyer erklärte, daß seine Eltern in den Jahren nach 1945 Briefe über das Schicksal seines Onkels und Frau von anderen Personen erhalten hätten, die mit seinem Onkel und Tante im Osten zusammen gewesen seien und überlebt hätten. Wenn wir an diesen erschütternden Briefen interessiert seien, wolle er versuchen, sie uns in Ablichtung zukommen zu lassen.

Nach dem Besuch des jüdischen Friedhofes hat Herr Soll sie zur Gastwirtschaft "Tönsberghöhe" begleitet, wo der bestellte Pickert auf sie wartete. Anschließend wurde gegen 16 Uhr Hans Meyer mit seiner Taxe bestellt, daß das Ehepaar Kulemeyer zunächst zu Gräber’s und dann weiter nach Schlangen über Haustenbeck brachte, wo noch der jüdische Friedhof besucht werden sollte. Hier ruhen auch die Eltern von Julius Kulemeyer. Von dort sollte sie dann die Taxe nach Paderborn zum Bahnhof bringen und von dort die Rückreise nach Köln angetreten werden.

Von Herrn Heinz Kulemeyer wurde auch erklärt, daß sein Bruder Fritz vorhabe, Deutschland zu besuchen, dann allerdings ca. 1 Jahr hier bleiben wolle. Wirtschaftlich gehe es seinem Bruder gut, er sei in der Kosmetikbranche tätig.

Nachstehend die jetzigen Anschriften der Gebrüder Kulemeyer:

Enrique M. Kulemeyer

2313 Moises Ville

Argentina

 

Sohn:

Jorge Kulemeyer

Cheruskerstrasse 16

5 Köln 21

Telefon 21-4648

 

Federico Kulemeyer

Dante Iliphieri 3341

1765 Isidro Casanova

Argeritina