Das Schicksal der jüdischen Familie Kulemeyer aus Oerlinghausen
Jürgen Hartmann, Jägerstraße 2, 4811 Oerlinghausen
DAS SCHICKSAL
DER JÜDISCHEN FAMILIE KULEMEYER
AUS OERLINGHAUSEN
Beitrag für den Band
"Kleinstadtjuden in Lemgo und Lippe
im 19. und 20. Jahrhundert"
der Stadt Lemgo
1.
Ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen ist es nicht mehr möglich, diese in vollem Umfang darzustellen. Zuviele Akten und Dokumente der nationalsozialistischen Judenverfolgung sind unwiederbringlich verloren, zuviele Augenzeugen umgekommen, verstorben oder aus den verschiedensten Gründen verschlossen und schweigsam. So bleiben denn die Vorgänge der Jahre 1933 bis 1945 in der Lokalgeschichtsschreibung oftmals bruchstückhaft oder gar widersprüchlich.
Auch in dem im folgenden geschilderten Beispiel, der Familie Kulemeyer aus Oerlinghausen, verhält dieses sich nicht anders. Obwohl hier die Quellenlage in einiges Belangen als relativ günstig zu bezeichnen ist, stoßt man auf Lücken, weiße Flecken, welche wohl niemals mehr ausgefüllt werden können.
Einer Reihe behördlicher Unterlagen stehen nur wenige persönliche Dokumente oder Aussagen der Betroffenen gegenüber. Letztere tragen jedoch dazu bei, daß die Opfer der Verfolgung nicht gesichtslose Namen bleiben und der Anonymität entrissen werden. Und dieses sollte eine vorrangige Aufgabe der Lokalgeschichtsforschung sein.
2.
Julius und Eduard Kulemeyer waren Söhne des jüdischen Kaufmannes Meier Kulemeyer und seiner Frau Pina im lippischen Haustenbeck. Der im Jahre 1887 geborene Sohn Eduard, von Beruf ebenfalls Kaufmann, bewohnte mit seiner Frau Else, geborene Frankenstein, seit ungefähr 1906 das Haus Bahnhofstraße 41 in Oerlinghausen. Jenes Grundstück entstammte dem Besitz seines Vaters, im Jahre 1918 erhielt der 1891 geborene Julius nach seinem Heeresdienst einen Teil des brüderlichen Grundstückes. Mit seiner Frau Klara geborene Katz, lebte der Viehhändler Julius nebenan im Haus Bahnhofstraße 39. [Fußnote: Stadtarchiv Oerlinghausen: Schreiben des Einwohnermeldeamtes an Institutum Judaicum Deltitzschianum vom 10.7.63; Kopien der Grundbucheintragungen im Besitz N., Lemgo. Vgl. zum allgemeiner. Überblick über die Judenverfolgung in der Stadt Oerlinghausen, Gartenschiaeger/Jürgen Hartmann/Hans-Christoph Seidel, Eine rote Festung wird erobert, Der Nationalsozialismus in Oerlinghausen, Oerlinghausen 1935, S. 147-177].
Eduard und Else Kulemeyer blieben kinderlos. Klara Kulemeyer brachte 1927 und 1930 die Söhne Heinz und Fritz zur Welt. Wie die anderen Juden im evangelischen Oerlinghausen waren die Kulemeyers geachtet, anerkannt und in das gesellschaftliche Leben integriert. Über antisemitische Vorfälle ist bis zum verstärkten Auftreten der NSDAP ab 1931 in der sozialdemokratischen Hochburg ist nichts bekannt. [Fußnote: vgl. Gartenschlaeger/Hartmann/Seidel, a.a.O.].
3.
Bereits in Landtagswahlkampf um die Jahreswende 1932/33 attackierten die Oerlinghauser Nationalsozialisten im "Lippischen Kurier” bekannte Juden der Stadt, welche sich in der bürgerlichen "Einheitsliste" und dem Schutzverband für Handel und Gewerbe engagierten [Fußnote: Sondernummer des "Lippischen Kurier" vom 31.12.1932 über die "Marxistenpleite im roten Oerlinghausen"]. Die Situation verschärfte sich vehement nach der Machtergreifung im Frühjahr 1933. In den Tageszeitungen waren immer häufiger antijüdische Parolen zu lesen, besonders im Vorfeld des sogenannten "Judenboykott-Tages”, dem 1. April [Fußnote: Beispielsweise "Lippischer Kurier" vorn 30.3.1933]. Dennoch fand diese Maßnahme offensichtlich in Oerlinghausen keinerlei Widerhall in der Bevölkerung. Von Aktionen oder Ausschreitungen ist nichts bekannt.
Hach Äußerungen von Augenzeugen schikanierten Hilfspolizei und SA haben politischen Gegnern auch einige jüdische Bürger [Fußnote: Frau K. , Lage, in einem Gespräch mit dem Verfasser am 14.11.1937]. Der Viehhändler Julius Kulemeyer war der erste Andersgläubige, welcher in sogenannte "Schutzhaft” genommen wurde. Im Dezember 1933 wurde er für drei Wochen - eine verhältnismäßig lange Zeit - im Amtsgerichtsgefängnis festgehalten. Der Grund ist unbekannt; es scheint sich aber um "abfällige Äußerungen" gegenüber einigen Parteigenossen gehandelt zu haben [Fußnote: Stadtarchiv Oerlinghausen: Verzeichnis über die Schutzhaftgefangenen das Jahres 1933; Frau K.. Lege: "... Der Kulemeyer hat sich nicht unterkriegen lassen wollen, bis die SA ihn wegen seines losen Mundes eingesperrt hat."].
4.
Die Monate bis zum Sommer des Jahres 1935 stellen einen weißen Fleck in der Geschichtsschreibung über die Oerlinghauser Juden dar. Weder in der damaligen Tagespresse noch in den Akten der Archive lassen sich Hinweise finden. Das Jahr 1934 könnte als ‚Ruhe vor dem Sturm‘ betrachtet werden. Aus dem Vereins- und Verbandsleben zwar vollkommen ausgeschlossen bestanden eine Vielzahl sozialer und ökonomischer Kontakte fort. Die Juden hatten sich in ihrer Mehrheit mit den neuen Verhältnissen arrangiert und befürchteten keine weiteren Verschlechterungen. Im Mai/Juni 1935 setzte jedoch das "Gewitter" mit der Anbringung und Einweihung eines "Stürmer"-Kastens durch die NSDAP-Ortsgruppe ein. [Fußnote: Staatsarchiv Detmold: Ml IP Nr. 633 Bd. 1, Politische Berichte aus Minden, Lippe a.a.O. vom 16.6.1935, S. 20]. Bespitzelung, Denunziation und Hetze zogen in die beinahe dörfliche Atmosphäre der Bergstedt ein. Neben der antisemitischen Wochenzeitung und unter der Parole "Die Juden sind unser Unglück" wurden fortan die Namen - und wie Augenzeugen berichten - auch heimlich aufgenommene Fotographien von Bürgern, die bei Juden kauften oder in anderer Weise in Verbindung mit ihnen standen, für die Öffentlichkeit ausgehängt [Fußnote: In einem. Gespräch mit Fritz Soll in Juni 198 5 erinnerte sich Heinz Kuleneyer noch an einen weiteren "Stürmer"-Kasten mit der Parole "Juda verrecke" in Oerlinghausen.]. Hartnäckigere Fälle von sogenannten "Judenhandlangern“ oder "Judenknechten" wurden in der "Lippischen Staatszeitung gehässig an den Pranger gestellt. Nebenher griff man sich einzelne Juden heraus, die nach Auffassung der Machthaber besonders den teuflischen Charakter des Juden verkörperten ober in der Bevölkerung noch Achtung genossen. Bösartig wurden mit Vorliebe "Geschäftstricks” oder Unsittlichkeiten unterstellt und gehässig kommentiert.
Julius Kulemeyer, der sich offenbar durch seine mutigen Äußerungen gegenüber Parteifunktionären den Haß derselben zugezogen hatte, bot ein besonders beliebtes Angriffsziel der parteilichen Presse. Als Viehhändler hatte er häufig in den Nachbargemeinden zu tun; viele alte Kunden machten weiterhin Geschäfte mit ihm. Wiederholt wurde er dabei gezielt von der Hitlerjugend oder Parteigenossen beobachtet. Am 29. Juli 1935 informierten die politischen Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Asemissen den Lemgoer Kreisleiter Prüßner, zugleich Schriftleiter der "Lippischen Staatszeitung”, über das "Treiben" des Julius Kulemeyer: "In der heutigen Besprechung der politischen Leiter unserer Ortsgruppe war man sehr entrüstet darüber, daß sich der jüdische Viehhändler Kulemeyer wieder sehr breit macht, und daß es Volksgenossen gibt, die K. hierbei Vorschub leisten. Sehr empört ist man darüber, daß ausgerechnet bei den hiesigen Stahlhelmern genannter Viehhändler ein- und ausgehe und sogar bei einem Stahlhelmer sein Vieh als 'Gastvieh' auf dessen Weide treiben kann. ... Der Jude K. brüstet sich natürlich überall damit, daß er bei diesen Leuten noch landen kann." [Fußnote: Staatsarchiv Detmold: L 113 Le Nr. 1 (vorläufige Signatur), NSDAP-Ortsgruppe Asemissen an Kreisleitung Lemgo vom 29.7.1935]
Die politischen Leiter unterbreiteten sogleich Vorschläge, wie man "diesem Treiben endlich Einhalt gebieten” könnte. Dazu sollten die Gemeinden den Zuzug von Juden und sämtlichen Grund- oder Hauserwerb verbieten. Außerdem seien Schilder mit der Aufschrift "Juden in diesen Ort nicht erwünscht” anzubringen. [Fußnote: Staatsarchiv Detmold: L 113 Le Nr. 1 (vorläufige Signatur), NSDAP-Ortsgruppe Asemissen an Kreisleitung Lemgo vom 29.7.1935]
Mit Datum vom 9. August 1935 ergingen "Richtlinien für den Kampf gegen die Juden” an alle Ortsgruppen der NSDAP in Lippe, die ähnliche und weiterführende Empfehlungen enthielten [Fußnote: Staatsarchiv Detmold: L 113 Gr. IV Nr. 24, NSDAP-Kreisleitung Detmold an alle Ortsgruppen vom 9.3.1935]. Die Diskriminierung der Jüdischen Mitbürger erreichte eine neue Phase. Unter der Überschrift „Jude nimmt deutschen Jungen als Viehtreiber“ griff die „Staatszeitung" am 11. August Julius Kulemeyer haßerfüllt an. [Fußnote: "Lippische Staatszeitung" vom 11.8.1935] Nur drei Tage später erschien ein weiterer Artikel gegen den "Viehjuden" aus Oerlinghausen. Böswillige Hetztiraden wurden dabei verbreitet:
"Dem Juden Kulemeyer, ein übelster Vertreter der Rasse der Jordanplantscher, der sich in seinen dreisten Frechheiten selbst überbot, der gegenüber Hitler-Jugend und politischen Leitern größte Beleidigungen an den Tag legte, dem sogar deswegen die hiesigen (Asemisser, J. H.) Turner auf den Fersen waren, muß endlich einmal das Handwerk gelegt werden. Bei Kulemeyer offenbart sich der Satz: „Wer den Juden kennt, kennt den Teufel." [Fußnote: "Lippische Staatszeitung" vom 14.8.1935]. Einher gingen eindringliche Ermahnungen an Asemisser Bürger, sich nicht als "artvergessene Judenhandlanger" zu verdingen. Wiederum nach drei Tagen hetzte die "Staatszeitung" erneut gegen Julius Kulemeyer, der sich frühmorgens für "längere Zeit" in einem Asemissen Zigarrengeschäft aufgehalten hatte. In derselben Ausgabe findet sich die Meldung über die "Gewahrsamnahme" des jüdischen Kaufmannes Bornheim in Oerlinghausen [Fußnote: "Lippische Staatszeitung" vom 17.8.1935].
Die Situation hatte sich verschärft. Die Stadt Oerlinghausen verabschiedete im August basierend auf den parteilichen Richtlinien "Maßnahmen gegen die Juden" [Fußnote: Stadtarchiv Oerlinghausen: Protokolle des Stadtrates und der Stadtverordnetenversammlung vom 12. und 30.8.1935. Genauer Inhalt der '‘Maßnahmen” ist nicht festgehalten.]. Nichtjüdische Freunde, Bekannte und Käufer wandten sich von den Kulemeyers ab. Sie waren isoliert, ihre Geschäftsumsätze gingen zurück. Zudem drängte die SA nichtjüdische Geschäftsleute, in ihren Ladenfenstern, ein Schild mit der Aufschrift "Juden unerwünscht" anzubringen [Fußnote: August Westerheide, Der Konsumverein in Oerlinghausen und dessen Lagerhalter August Hausmann, (Manuskript, Oerlinghausen 1981), S. 20]. Der tägliche Gang zum Einkaufen wurde so zu einem Spießrutenlauf. In ihrer Isolation verstärkten die jüdischen Familien ihre Beziehungen zueinander. Man tauschte sich aus und half sich gegenseitig. Julius und Klara Kulemeyer unterhielten eine Freundschaft zu der Familie des Vorstehers der Jüdischen Synagogengemeinde, Heinrich Herz.
Die Kinder waren der psychischen Belastung in besonderem Maße ausgesetzt. Als einziger Schüler jüdischen Glaubens wurde der achtjährige Heinz von seinem Klassenlehrer beinahe gänzlich ignoriert. Weder wurde er aufgerufen oder ihm das Wort erteilt, noch seine Hausaufgaben eingesehen und korrigiert. Neben der Nichtbeachtung gab es auch Fälle der Demütigung. Als ein Mitschüler auf eine Aussage von Heinz hin meinte: ”Judenkinder lügen", mußte Heinz sich vor die Klasse stellen und entschuldigen. Ab 1936 durfte er weder an Schulausflügen noch Klassenfahrten teilnehmen [Fußnote: Heinz Kulemeyer in einem Gespräch mit Fritz Soll sen. im Juni 1986].
5.
Nachdem die ersten jüdischen Familien die Stadt verlassen hatten oder ausgewandert waren, entschlossen sich auch Julius und Klara Kulemeyer zu diesem Schritt. Am 11. September 1937 unterzeichnete der Viehhändler einen Vertrag über den Verkauf seines Hauses mit Grundstück. Ein wohlhabender und bekannter Parteigenosse erwarb das Anwesen anonym über seinen Anwalt für 11.750 Reichsmark. Nach einem Nachkriegsgutachten belief sich der tatsächliche Zeitwert allerdings auf 16.800 Reichsmark. Der Käufer übernahm die zinslosen Hypotheken des Hauses in Anrechnung, Julius Kulemeyer verblieben nurmehr 3.420,33 Reichsmark [Fußnote: Staatsarchiv Detmold: D 100 Lemgo Nr. 1963, 1964, Abschriften der Verträge. Kopien der Unterlagen von Rückerstattungsverfahren im Besitz II., Lemgo.]. Von dieser Summe hatte er aber noch spezielle "Judensteuern” zu entrichten, so daß der Restbetrag minimal ausfiel. Der neue Besitzer veräußerte im November 1938 das Haus und einen Teil des Grundstückes für 12.000 Reichsmark; die verbliebenen vier Parzellen verkaufte seine Frau 1945 für 6.416 Reichsmark. Ein Gewinn von 6.666 Reichsmark im Vergleich zum Kaufpreis [Fußnote: Kopien der Unterlagen von Rückerstattungsverfahren im Besitz N., Lemgo.].
Am 22. November 1937 teilte der Bürgermeister dem Finanzamt Detmold, der Staatspolizeistelle und Reichsbankanstalt in Detmold, der Zollfahndungsstelle in Bielefeld. dem Oberfinanzpräsidenten (Devisenstelle) in Münster und dem Oberfinanzpräsidenten in Berlin als Zentrale Nachrichtenstelle mit, daß Julius und Klara Kulemeyer ihren Besitz verkauft und einen Antrag auf Ausstellung eines Reisepasses zur Auswanderung nach Argentinien gestellt, hätten [Fußnote: Schreiben des Bürgermeisters au das Finanzamt Detmold vom 22.11.1937 im Besitz N., Lemgo (Kopie).]. Drei Monate später, am 23. Februar 1938. verließen Julius, Klara, Heinz und Fritz Kulemeyer Deutschland und gelangten mit dem Schiff nach Buenos Aires. Von der argentinischen Regierung bekamen sie ein karges Stück Boden im Landesinnern zugewiesen. Unter den widrigsten Bedingungen mußten sie dort ein neues Leben beginnen [Fußnote: Stadtarchiv Oerlinghausen: Einwohnermeldeamt an Institutum Judaicum Deltitzschianum vom 10.7.1963].
6.
Zurückgeblieben waren Eduard und Else Kulemeyer. Neben der dreiköpfigen Familie Herz waren sie im Sommer 1938 die letzten Juden in Oerlinghausen. Während sich jedoch die Familie Herz um ihre Auswanderung bemühte, sind gezielte Anstrengungen des Ehepaares nicht nachweisbar. Vermutlich fühlten sie sich zu alt für einen Neuanfang, hofften auf eine Wende zum Guten. Zweifellos setzte auch die finanzielle Situation Grenzen.
Eine Reihe von Gesetzen und Verordnungen schränkte die Rechte jüdischer Bürger rücksichtslos ein. Wie in einen Ghetto müssen Eduard und Else Kulemeyer in ihrem Haus festgesessen haben. Selbst Lebensmittel waren nur schwer zu bekommen. Die Inhaberin eines Geschäftes versteckte in den Kartoffelreihen ihres Gartens Nahrungsmittel für die Eheleute [Fußnote: s. Anm. 16]. Die vereinzelten heimlichen Hilfeleistungen von Nachbarn und ehemaligen Freunden konnten die Situation nur unwesentlich verbessern.
Die gewalttätigen Aktionen des Novemberpogromes 1938 - der sogenannten "Reichskristallnacht" - richteten sich in Oerlinghausen gegen das Geschäft der Familie Herz und die Synagoge. Heinrich Herz und Eduard Kulemeyer wurden in "Schutzhaft” genommen. Die Ehefrauen erhielten mit Schreiben vom 17. November jeweils eine Haftkostenrechnung über 6,42 Reichsmark. Erst im Januar 1939 konnten Eduard und Else Kulemeyer die Rechnung vollständig begleichen [Fußnote: Stadtarchiv Oerlinghausen: L 11/03].
7.
Im Mai 1939 - die Nationalsozialisten forcierten noch einmal den Auswanderungsdruck - schrieben Eduard und Else den ausgewanderten Verwandten nach Südamerika:
"... Wie bereits mitgeteilt, müssen (wir) uns jetzt auch zur Auswanderung entschließen, da sie uns hier nicht mehr länger haben wollen." [Fußnote: Schreiben von Eduard Kulemeyer an Julius Kulemeyer vom 6.5.1939 im Besitz N., Lemgo]. Das Grundstück würden sie erst verkaufen, wenn das Auswanderungsziel bekannt sei.
Das Ehepaar stand seit Dezember 1938 - Familie Herz hatte Oerlinghausen verlassen - allein. Die finanzielle Notlage spitzte sich zu. Im Oktober verkaufte der frühere Kaufmann einen Teil seines Grundstücks, im Februar 1940 einen weiteren weit unter Wert [Fußnote: s. Anm. 18]. Um den November 1940 herum wurde Eduard Kulemeyer offensichtlich als Hilfsarbeiter für einen Betrieb verpflichtet [Fußnote: In Dokumenten von 1940 wird Eduard "Israel" Kulemeyer als "früherer Kaufmann" und 1941 als "Arbeiter" bezeichnet.]. Die Chancen der Auswanderung waren auf ein Minimum geschrumpft.
Nach dem Verbot der Emigration im Oktober 1941 leiteten die Nationalsozialisten Maßnahmen zur "Endlösung der Judenfrage" ein. Mit Datum vom 5. Dezember wurde dem Bürgermeister die anstehende "Evakuierung" der Kulemeyers mitgeteilt [Fußnote: Stadtarchiv Lemgo: A 1746, Schreiben des Bürgermeisters von Detmold an Bürgermeister Lemgo vom 5.12.1941. Die Stadt Oerlinghausen wird ein gleichlautendes - leider nicht mehr erhaltenes - Schreiben bekommen haben.]. Einen Tag später mußte Eduard Kulemeyer im Rathaus vorstellig werden und der Stadt eine Wegfläche überschreiben [Fußnote: Staatsarchiv Detmold: D 100 Lemgo Nr. 1964]. Die noch verbliebenen Vermögenswerte, das Haus, der Hausrat und Geldforderungen zog der Oberfinanzpräsident von Westfalen für den Staat ein [Fußnote: Schreiben des Oberfinanzpräsidenten von Westfalen an Amtsgericht Oerlinghausen vom 20.5.1942. Hier wird übrigens irrtümlicherweise der 15.12.1941 als Deportationsdatum der Kulemeyers angegeben.]. Am 10. Dezember übergab der Bürgermeister das Ehepaar dem Leiter des aus Detmold kommenden LKW-Transportes. Von einer Sammelstelle in Bielefeld wurden sie am 13. Dezember 1941 mit dem Zug ins estländische Riga verschleppt und ermordet [Fußnote: vgl. Friedhelm Schaffer/Joachim Meynert, Judenverfolgung in Bielefeld, in: Wolfgang Emer u.a., Provinz unterm Hakenkreuz, Diktatur und Widerstand in Ostwestfalen-Lippe, Bielefeld 1984, S. 183. Ungefähr 420 Juden aus dem Gestapobezirk. Bielefeld wurden am 13.12.1941 nach Riga deportiert. Auf dem Lastkraftwagen dürften die Kulemeyers mit der im Juli 1941 von Lipperreihe nach Lemgo verzogenen Hedwig Löwenthal zusammengetroffen sein.].