Erinnerungen der 2 Brüder Kulemeyer bei ihren Aufenthalt in Oerlinghausen
Die Befragung fand anläßlich eines Besuches in unserer Wohnung statt
Heinz Kulemeyer - geb.1927, verheiratet, 5 Kinder
Fritz Kulemeyer - geb.1930, nicht verheiratet, 1 Kind
Die Vorlage der 10 Fragen brachte bei Fritz Kuhlemeyer keinerlei Erinnerungen an Oerlinghausen. Er war bei der Auswanderung seiner Eltern erst 7 Jahre alt.
Bei Heinz Kuhlemeyer welcher im Gegensatz zu seinen lebhaften Bruder Fritz, eher einen nachdenklichen Eindruck machte, waren noch einige Erinnerungen vorhanden. Auch war seine Einstellung, im Gegensatz zu seinen Bruder Fritz, doch mehr zurückhaltender. Bei beiden Brüdern und ihren Frauen (bzw. Lebensgefährtin) war in den Gesprächen doch immer wieder ein ängstliches Fragen ob es wohl ein zweites Hal einen Hitler geben könnte.
Nun zu den Fragen:
1. Im August 1935 beschloß der Rat der Stadt einstimmig „Maßnahmen gegen die Juden“. Wie sahen diese aus?
Zu 1. Keine Erinnerungen
2. Ist Näheres über den Freitod von Hans Windmüller in Köln bekannt? Ursache? Motiv?
Zu 2. Keine Erinnerungen
3. Bestand schriftlicher Verkehr mit der Familie Herz nach 1938? Teilten sie ihre Absicht zur Auswanderung mit? Oder die Schwierigkeit nach 1939 aus Hamburg ins Ausland zu gelangen?
Zu 3. Es wäre möglich das er zu Haus noch 2 Briefe von 1938 hätte.
4. Warum wurde Julius Kulemeyer im Dezember 1933 für 3 Wochen in „Schutzhaft“ genommen?
Zu 4. Keine Erinnerungen
5. Wie war die zum Christentum übergetretene Jüdin Hedwig Loewnthal aus Lipperreihe damals bei den Juden angesehen? Gab es Kontakte?
Zu 5. Der Name ist ihm völlig unbekannt. Hat er nie zu Haus gehört.
6. Wie sah der Alltag für die Oerlinghauser Juden nach 1933 aus? Pöbeleien? Ausschreitungen, etc.? Übergriffe von SA und Partei? Als Schüler?
Zu 6. Hier waren noch Erinnerungen an die Schulzeit vorhanden, die er heute anders sieht wie damals. (Seine Mutter hat damals seine Zweifel an einer ungerechten Behandlung in der Schule immer versucht auszuräumen, was ihr aber nur halbwegs gelungen ist). Sein Klassenlehrer E. hat ihn nicht schlecht (im Sinne des Wortes gehandelt, sondern er hat ihn überhaupt nicht behandelt. Er ist nie aufgerufen worden um eine Antwort zu geben, vorzulesen oder vorzutragen. Wenn die 4er oder 5er Bank ihrer Hausaufgabenhefte nach vorn schob, zur Einsicht des Lehres, dann schob dieser mit dem Zeigefinger sein Heft etwas zur Seite, sah es nicht nach und sagte nichts dazu, und machte auch kein Zeichen darunter wie bei den anderen.
Er erinnert sich weiter das bei der 900 Jahrfeier seine Klasse an der Straße Spalier stehen durfte, aber die anderen Mitschüler ihn nicht in ihre Reihe ließen, daraufhin faßte ihn der Klassenlehrer sehr unsanft am Oberarm (es hätte geschmerzt) und schob in zwischen seine Mitschüler in der vordersten Reihe. Dieses wäre für ihn die schöne Erinnerung an die 900 Jahrfeier.
Eine andere Erinnerung besteht an die Schulzeit mit einer Filmvorführung. (Ein Film über Rußland mit vielen verhungerten Menschen auf der Straße). Als der Film zu Ende war gab es für jeden eine kleine Schüssel mit Pudding (H. Kulemeyer meint es wäre eine Werbung von Dr. Oetker gewesen). Die großen Jungen (ältere Klassen) hatte hierbei den jüngeren den Pudding weggenommen. Anderen Tags hat es in der Schule auf Beschwerden einiger Eltern dann eine Untersuchung gegeben. Auch Heinz K. meldete sich und bezeichnete einen Jungen in der Klasse nebenan als seinen Puddingesser. Als dieser dann aber sagte „Judenkinder lügen", mußte Heinz K. sich vor die Klasse stellen und sagen: "Ich entschuldige mich, ich habe mich geirrt." Eine Überprüfung fand nicht statt.
Als sie 1937 auswanderten war ein Nachbarskind in seinem Alter zu ihm gekommen und hatte um sein Spielzeug gebeten was er ja wohl nicht mitnehmen dürfte. Auf Vorhaltungen seiner Mutter das er doch von Juden nichts annehmen dürfe, hatte dieser geantwortet: "Legt man alles auf eure Mauer, dann hole ich es und sage ich hätte es gefunden.“
Übrigens durfte er ab 1936 nicht mehr an Schulausflügen und Schulfeiern teilnehmen.
7. Was hing im „Stürmer-Kasten“? Fotos? Wenn, welcher Art?
Zu 7. H. K. meint der Kasten hätte auch gegenüber von Bornheim gestanden. Er kann sich nur an 2 Sätze im Stürmerkasten erinnern - Juda verrecke - und - Die Juden sind unser Unglück!
8. Sind noch verwertbare Fotos oder Dokumente vorhanden?
Zu 8. Es sind nur noch einige Familienfotos vorhanden.
9. Sagt Ihnen der Name Gretenkord bzw. Wilhelmine Goldschmidt etwas?
Zu 9. Keinerlei Erinnerungen
10. Letzte Lebenszeichen der Deportierten Kulemeyers und Herz. Nach dem Krieg etwas über das Schicksal bekannt geworden?
zu 10. Keine Erinnerungen
Im Mai 1986
Fritz Soll sen.