Fester Bestandteil im kulturellen Leben der Stadt: Kunst in der Synagoge
Auszug aus dem Buch „Die Geschichte der Oerlinghauser Synagoge von 1803 bis 1988“
Als sich im Juli 1976 junge Oerlinghauser Bürger zusammenschlossen, um in einem Kunstverein ihre Begeisterung für die Kunst durch Ausstellungen und gemeinsame Aktionen zu dokumentieren und auch anderen Mitbürgern und Interessenten die Begegnung mit zeitgenössischer Kunst in ihrer Stadt zu ermöglichen, war als künftiger Ausstellungsort bereits die ehemalige Synagoge an der Tönsbergstraße im Gespräch. Das Haus stand seit geraumer Zeit leer und drohte zu verfallen. In bespielhaftem Einsatz wurde es in Feierabendarbeit so weit instandgesetzt, daß im Juni 1979 die erste Ausstellung eröffnet werden konnte. Für die endgültige Restaurierung unter Einbeziehung der Außengestaltung und Einrichtung eines Skulpturenhofes setzte sich dann Anfang der achtziger Jahre die Stadt Oerlinghausen ein. Mit finanzieller Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen wurde hier ein Beispiel behutsamer Denkmalpflege gegeben.
„Kunstverein in der Synagoge“ ist heute, nach 50 Ausstellungen im Verlauf der letzten Jahre, ein fester Begriff in Oerlinghausen geworden, der weit über seine Grenzen hinausstrahlt und Gewicht hat. Namhafte Künstler aus dem In- und Ausland haben hier bereits ihre Arbeiten gezeigt. Sie haben in ihrem Werk den Dialog aufgenommen mit der Architektur dieses schlichten Bauwerks mit seinen hohen Fenstern, mit seiner ganz besonderen Atmosphäre. Es war von jeher das erklärte Ziel der Programmkonzeption, auf die vormalige Bedeutung des jüdischen Gotteshauses hinzuweisen. Daraus erwuchsen inhaltlich thematisierte Ausstellungen wie „Zeitzeugen“ von 1981, als in einer Dokumentation der Nazi-Opfer Felix Fechenbach und Pater Kilian Kirchhoff gedacht wurde. Die Holocaust-Holztafeln von Karl Kleist bildeten in diesem Zusammenhang die eindringliche Umsetzung des Motivs in eine überzeugende Formsprache.
„Shalom heißt Frieden“ war 1982 eine Ausstellung jüdischen Kulturguts bezeichnet. Erstmals seit vielen Jahrzehnten stand wieder ein Pessach-Tisch im Mittelpunkt dieses Hauses.
Neben diesen eher historisch orientierten Veranstaltungen setzten Künstler Akzente, die wie Felix Droese 1984 mit der Installation „Einer muß wachen“, wie Lore Bert 1987 mit ihren Gebotstafeln und dem Objekt „Sinai“ oder die junge Künstlergruppe „heimArt“ mit der Inszenierung „Raumtransport“ in konkreten Aussagen Stellung bezogen zu jüdischer Religion und jüngster Geschichte. Ihre Arbeiten entstanden direkt für die Synagoge, blieben aber doch - und das machte ihre Glaubwürdigkeit aus - integrierter Bestandteil ihres Ouevres.
Im Jahr 1988, in dem sich zum 50. Mal das Unrecht des Naziregimes in der sogenannten „Reichskristallnacht“ jährt, nehmen drei Ausstellungen auf das Schicksal desjüdischen Volkes und auf die Synagoge Bezug. Peter Sommer errichtete im angegliederten Skulpturenhof sein „Großes Kreuz“ aus Blei und Erden. Gerd Winner setzte in der sehr bewußt auf die Zahl 12 begrenzten, sensibel gestalteten graphischen Folge „Synagoge - Spuren - Zeichen“ Bildchiffren von Zeit und existentiellem Sein. Günther Uecker schließlich knüpfte im November mit der Arbeit „Fall Synagoge“ in strenger Kontinuität daran an, was er seit Jahren in Werken wie „Tor der verlorenen Trauer“, „Tisch der Austreibungen“ oder Black Mesa“ deutlich macht und im „Aufruf gegen den Krieg“ manifestierte, nämlich mit Hilfe künstlerischer Mittel Mahnmale gegen die Zerstörung des Menschen durch den Menschen zu schaffen. “Die Kunst kann den Menschen nicht retten, aber mit den Mitteln der Kunst ist ein Dialog möglich, der zur Bewahrung des Menschen aufruft.“ Dieser Satz von Uecker faßt auch die Intentionen des Kunstvereins in aller Bündigkeit zusammen. Sein Programm wird auch in Zukunft neben der Vermittlung von Kunst der Erinnerung an die Bedeutung seines Ausstellungsortes, einer ehemaligen Synagoge, gewidmet sein.