Synagoge und Jüdische Gemeinde in Oerlinghausen während des Nationalsozialismus

Auszug aus dem Buch „Die Geschichte der Oerlinghauser Synagoge von 1803 bis 1988“

 

[Anmerkung: Aus Platzgründen wurden im Anmerkungsapparat nur die wichtigsten Quellen angeführt. Interessierte seien verwiesen auf das Kapitel „Juden und Judenverfolgung in Oerlinghausen“ in: Uwe Gartenschlaeger / Jürgen Hartmann / Hans-Christoph Seidel, Eine rote Festung wird erobert, Der Nationalsozialismus in Oerlinghausen, 1986, S. 147-177 und den Ende 1988 erscheinenden Beitrag des Verfassers „... da sie uns hier nicht mehr länger haben wollen, Die Verfolgung jüdischer Mitbürger in Oerlinghausen 1933-1941“ in den Lippischen Mitteilungen, Bd. 57/1988. J. H.]

Die Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Endphase der Weimarer Republik hinein war geprägt von einer beinahe vollkommenen Integration der Juden in das gesellschaftliche Leben Oerlinghausens. Das Verhältnis zwischen der Bevölkerung und den jüdischen Bürgern war im allgemeinen gut. Namen wie Siegfried Bornheim oder Carl Paradies standen für Engagement in zahlreichen Vereinen und genossen Achtung. Viele waren Kriegsteilnehmer im Kriege 1914-1918 gewesen; noch heute zeugt ein Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof von zwei Gefallenen. Persönliche Freundschaften zwischen Christen und Juden verstärkten das Gefühl und Bild der Dazugehörigkeit. Darunter findet man sogar Freundschaften und Beziehungen, die im Hinblick auf die spätere Entwicklung durchaus als kurios bezeichnet werden können. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter (1937-39), zugleich einer der Hauptakteure des Novemberpogroms 1938, sah sich sicherlich nicht gern erinnert, als Schützenkönig des Jahres 1913 die Jüdin Else Windmüller zu seiner Königin auserwählt zu haben. Eine innige Freundschaft verband den Geschäftsführer und das Mitglied des Kriegervereins, Joe Meyer, mit einem Major a. D., welcher schon 1932 Parteigenosse wurde und als „alter Kämpfer“ 1937 vom Hausverkauf eines Juden profitierte. Und als Joe Meyer im Oktober 1931 verstarb, erwiesen ihm zahlreiche Veteranen des Kriegervereins das letzte Geleit. Ein gutes Jahr später reihte sich der Verein als einer der ersten geschlossen in den „nationalsozialistischen Aufbau“ ein.

Seit der Jahrhundertwende war die Zahl der Juden in Oerlinghausen stetig gesunken. Von ca. 3.450 Einwohnern im März 1933 gehörten gerade 20 Personen (= 0.57 %) dem jüdischen Glauben an. Dieser Rückgang auf natürliche Weise bedeutete die Einstellung religiöser Handlungen in der Gemeinde um das Jahr 1927 herum. Da zum Gottesdienst zehn erwachsene Männer notwendig waren, konnte die Synagoge offensichtlich nicht mehr genutzt werden. Die Gläubigen fuhren regelmäßig nach Bielefeld [Fußnote: Staatsarchiv Münster, Landgericht Dortmund, Rückerstattungsakten Detmold RüT 71/51].

Mit dem Auftreten der NSDAP in der Bergstadt setzte die antise-mitistische Propaganda ein. Die erste aktenkundige Aktion war die Verteilung eines Flugblattes „gegen den Juden Fechenbach“, den sozialdemokratischen Redakteur des Detmolder „Volksblattes“, im Mai 1930. Doch noch fruchtete diese Hetze nicht, noch sah sich die Jüdische Gemeinde nicht gefährdet. Die Kaufleute Bornheim und Paradies wurden als Vorstandsmitglieder der bürgerlichen „Einheitsliste“ wiedergewählt; die Bewohner kauften weiterhin in den jüdischen Geschäften. Und noch Ende 1932 wurde Bornheim trotz massiver Drohungen der NSDAP als Vorsitzender des Schutzverbandes für Handel und Gewerbe bestätigt. Die Nationalsozialisten rechneten daraufhin in ihrer Tageszeitung, dem „Lippischen Kurier“, mit den Juden und ihren Freunden ab.

Die Machtergreifung brachte dann allerdings schmerzlichere Einschnitte ins Leben der Oerlinghauser Juden. Wenn auch der sogenannte „Juden-Boykott“ am 1. April 1933 am Orte vermutlich kaum befolgt wurde, so deutete das Regime mit dem Ausschluß der Juden bei der Gleichschaltung der Vereine und Verbände in den Monaten April bis Juni an, daß es gewillt war, sie aus jeglicher Gemeinschaft zu verdrängen. Freunde und Bekannte wandten sich im Geist der „neuen Zeit“ von ihnen ab. Im Dezember 1933 nahm die SA Julius Kulemeyer für drei Wochen in „Schutzhaft“. Die lange Festsetzung Kulemeyers wegen „abfälliger Äußerungen“ sollte - wie eine Augenzeugin sich erinnnerte - der Oerlinghauser Judenschaft als Warnung dienen [Fußnote: Frau K., Lage, am 14.11.1987].

Daß die Nationalsozialisten die Juden in erster Linie als „Andersartige“ betrachteten, schlug sich ab 1935 in extremen Ausmaßen im Alltag nieder. Ein in der Adolf-Hitler-Straße (= Hauptstraße) angebrachter „Stürmer“-Kasten mit dem antisemitischen Wochenblatt und der Inschrift „Die Juden sind unser Unglück“ diente Partei und SA als Pranger. Versteckt aufgenommene Fotographien und Namenslisten von Oerlinghausern, die noch immer mit Juden verkehrten oder in deren Geschäften kauften, gewannen traurige Berühmtheit. Die „Lippische Staatszeitung“ stieß mit Hetzartikeln übelster Machart nach: „Viehjude nimmt deutschen Juden als Viehtreiber“, lautete die Überschrift eines von mehreren Artikeln gegen „den Teufel“ Julius Kulemeyer [Fußnote: Lippische Staatszeitung vom 11., 14. und 17.8.1935]. Wo diese Verächtlichmachung ihr Ziel nicht erreichte, wurde nachgeholfen. Im Anschluß an einen inszenierten Auflauf vor dem Geschäft Siegfried Bornheims wurde der alte Mann angeblich zur eigenen Sicherheit in Haft genommen. Demonstrativ erließ die Stadt „Maßnahmen gegen die Juden“. Dem psychischen Druck folgte die physische Bedrohung, war doch die Hemmschwelle gezielt verringert worden. Beschimpfungen, Rempeleien und das Anspeien auf offener Straße demütigten die jüdischen Bürger. Hans Windmüller, der sich 1939 in Köln das Leben nahm, wurde an einem Abend des Sommers 1935 überfallen und zusammengeschlagen [Fußnote: Frau K., Lage, am 14.11.1987]. Die beinahe zur gleichen Zeit vom Staat erlassenen antijüdischen „Nürnberger Gesetze“ heizten die Atmosphäre weiter auf. Das Denunziantentum trieb Blüten. Der Oerlinghauser Berichterstatter einer Zeitung verlor auf diese Weise seine Stellung, weil die Ehefrau den jüdischen Arzt Dr. Meyer zur Behandlung der erkrankten Tochter ins Haus gerufen hatte [Fußnote: StA DT, L 113 LeNr.4]. Die Bespitzelung machte selbst vor der Intimsphäre nicht Halt. Wegen sogenannter „Rassenschande“ verhaftete die Gestapo einen Kriegsinvaliden und dessen zugezogene jüdische Verlobte [Fußnote: StA DT, D 21B Zg. 43/1960 Nr. 8].

Dieser alltägliche Terror bewegte eine Reihe jüdischer Bürger, ihrer Heimatstadt den Rücken zu kehren, um in die Anonymität einer Großstadt zu ziehen oder Deutschland zu verlassen. Die ohnehin kleine Jüdische Gemeinde zerfiel zusehends, die Bindungen unter den Bleibenden wurden zugleich enger.

Zu Beginn des Jahres 1938 erteilte die Lippische Synagogengemeinde einem Detmolder Makler den Auftrag, ihre Grundstücke und Gebäude zu veräußern. Hierzu gehörte auch die Oerlinghauser Synagoge, welche bereits im Februar von Siegfried Bornheim einigen Bekannten angeboten wurde. Doch sowohl ein Weber aus der Jägerstraße wie eine weitere Person, der Bornheim das ehemalige Bethaus zur Einrichtung einer Süßmosterei für RM 1.400 bis 1.500 überlassen wollte, lehnten einen Kauf wegen notwendiger Umbauarbeiten und Raumenge ab. Ein Käufer für den „Judentempel“ wollte sich nicht finden. Dann im Juni bekundete der staatenlose Schuhmacher Johann Sikka sein Interesse. Ihm, der wiederholt mit den Machthabern Konflikte austrug, war vom Bürgermeister ein angemieteter Ausstellungsraum in der Hauptstraße geschlossen worden. Vermutlich bemühte er sich nun um ein geeignetes Gebäude, in welchem er zusätzlich Wohnung und Werkstatt einrichten konnte. Für RM 1.300 übernahm Sikka am 15. Juli 1938 die Synagoge. Am 26. Juli wurde der Vertrag offiziell abgeschlossen. Nach einer mündlichen Vereinbarung mit Heinrich Herz und Siegfried Bornheim war Sikka verpflichtet, sofort die noch vorhandene Inneneinrichtung, die Bänke und eine Kanzel, zu entfernen und zu vernichten. Mit Beil und Säge wurden die Möbel zerkleinert und als Brennholz verfeuert. Anderes kirchliches Inventar war 1938 nicht mehr vorhanden [Fußnote: StA MS, RüT 71/51]. Zum Zeitpunkt des Novemberpogroms, der sogenannten „Reichskristallnacht“, lebten nur noch die dreiköpfige Familie Herz und das Ehepaar Eduard und Else Kulemeyer in der Stadt. Ihre beklemmende Situation kann man den Zeilen eines Briefes, den Irma Herz im Juni an Bekannte in Südamerika schrieb, entnehmen:

„Und Sie glauben nicht, wie einsam wir uns fühlen.... Nun geht Lilly auch am 1. Juli von hier, das kann noch nett werden, wenn wir ganz allein sind. Dann habe ich keinen Menschen mehr.“ [Fußnote: Privatbesitz N.]

Das Pogrom schien an Oerlinghausen beinahe vorüberzugehen. Auf Anordnung waren vorerst die verbliebenen männlichen Juden, Heinrich Herz und Eduard Kulemeyer, in „Schutzhaft“ genommen worden [Fußnote: Stadtarchiv Oerlinghausen, B 11/03]. Doch in den Abendstunden des 10. November 1938 setzten sich Mitglieder von Partei und SA in ziviler Kleidung auf Befehl eines SA-Sturmbannführers in Bewegung. Die Gruppe sammelte sich vor dem Geschäft der Irma Herz. Pflastersteine flogen, Fensterscheiben zersplitterten. Die Ladentür wurde gewaltsam aufgebrochen und einige Männer drangen in den Verkaufsraum. Mit Akribie wurden Regale umgeworfen, Stoffballen herausgerissen und Schubladen auf dem Boden entleert. Mutig versuchte Irma Herz sich entgegenzustellen, erfuhr dafür die wüstesten Beschimpfungen und Drohungen. Bevor sie endlich abzog, zerschlug die Meute noch die Lampen und Glühbirnen. In ihrer Zerstörungswut besann sie sich eines neuen Zieles: der Synagoge. Um diese zu demolieren, begab sich eine Gruppe in die Tönsbergstraße. Hier kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen radikalen SA-Männern, die das ehemalige Gotteshaus niederbrennen wollten und dem Ortsgruppenleiter, der Konsequenzen fürchtete, da sich das Haus bereits nicht mehr in jüdischem Besitz befand. So befriedigte schließlich sein Angebot, sich beim Bürgermeister für die Beseitigung des auf dem Dach befindlichen Turmes mit Davidstern einzusetzen, die Leute und bewahrte die dritte, 1893 errichtete Synagoge vor der Zerstörung [Fußnote: StA DT, M 1 IP Nr. 1106 Bl. 84 und D 21B Zg. 34/1976 Nr. 113]. Die Familie Herz verkaufte ihr Haus und verließ die Stadt wenige Wochen später. Im November 1941 wurde sie mit einem weiteren eineinhalbjährigen Sohn von Hamburg aus ins Minsker Ghetto verschleppt und ermordet [Fußnote: Staatsarchiv Hamburg, Mitteilung vom 28.2.1986]. Eduard und Else Kulemeyer blieben in Oerlinghausen. Durch zahllose Verordnungen in ihren Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt und vollkommen isoliert ließ sich die Situation auch durch heimliche Lebensmittelzuwendungen alter Freunde kaum verbessern. Im Mai 1939 vermerkte Eduard Kulemeyer in einem Brief: „Wir müssen uns jetzt auch zur Auswanderung entschließen, da sie uns hier nicht mehr länger haben wollen.“ [Fußnote: Privatbesitz N.] Die Emigration gelang nicht. Am 10. Dezember 1941 wurde das Ehepaar am hellen Tage unter den Augen einiger Passanten mit einem Lastwagen abgeholt. Unter den dreizehn weiteren Juden aus Lemgo und Schötmar auf dem Fahrzeug befand sich auch die 1901 zum Christentum übergetretene „Jüdin“ Hedwig Löwenthal aus Lipperreihe. Nach drei Tagen Aufenthalt in einer Sammelstelle wurden sie mit dem Zug von Bielefeld nach Riga in den Tod transportiert [Fußnote: Stadtarchiv Lemgo, A 1746 und StA DT, D I Nr. 6141]. Die Jüdische Gemeinde Oerlinghausens war ausgelöscht.

Von den Überlebenden der Jüdischen Gemeinde kehrte nach dem Ende der NS-Gewaltherrschaft nur die verheiratete Tochter des Arztes Max Meyer nach Oerlinghausen zurück.