Die Synagoge in Oerlinghausen von ihren Anfängen bis zur Zeit der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus
Auszug aus dem Buch „Die Geschichte der Oerlinghauser Synagoge von 1803 bis 1988“
Schon gegen Ende des 30jährigen Krieges gibt es anhand von Einwohnerlisten Hinweise auf die ersten ortsansässigen Juden in Oerlinghausen nachweisbar. Darüberhinaus sind verschiedene Geleitbriefe von Juden aus dem 17. Jahrhundert bekannt (Staatsarchiv Detmold: L 22 Nr. 170). Schon im Laufe dieses Jahrhunderts scheint sich sogar eine jüdische Gemeinde in Oerlinghausen gebildet zu haben, die gemeinschaftliche Aufgaben wahrnahm. Antwortete doch im Jahre 1766 der Amtmann Meyer in Oerlinghausen auf eine Anfrage aus Detmold bezüglich des jüdischen Totenhofes: „Der oben dieser Dorfschaft Oerlinghausen an dem Barkhauser Berge befindliche Totenhof der Juden ist nicht bei meiner Zeit, sondern nach Aussage verschiedener alter Leute schon vor Hundert und mehr Jahren angelegt worden; ob aber dieses Tuns temporis mit obrigkeitlicher Genehmigung geschehen, solches ist zwar einigermaßen zu verzweifeln, jedoch mit völliger Gewißlichkeit nicht zu behaupten, zumalen die hiesige Judenschaft auf Befragen darüber nichts Schriftliches vorzeigen können.“ (Staatsarchiv Detmold: L 22 Nr. 170) Durch Geleitbriefe der Juden und dieses Schreiben über den jüdischen Friedhof ist nachweisbar, daß schon seit dem 17. Jahrhundert augenscheinlich mehrere jüdische Familien im Dorf Oerlinghausen ansässig waren.
Anders verhält es sich dagegen mit dem jüdischen Gottesdienst in Oerlinhausen. Den ersten Hinweis darauf gibt es in einem Schreiben aus dem Jahre 1791 an die Hochfürstliche Regierung zu Detmold als Stellungnahme zu einer Klage der Schutzjuden zu Oerlinghausen Leeser Salomon, Jonas David, David Hirsch und Michel Meyer wegen Ruhestörung in gottesdienstlichen Handlungen gegen andere jüdische Familien aus Oerlinghausen. Diesem Schreiben ist zu entnehmen, daß die Oerlinghauser Juden ihren Gottesdienst schon seit mindestens 1780 im Hause des Herrn Amtsrat Rötteken, also in einem der Häuser des ehemaligen Vogtes Bracht, durchführten. Es wird darin erwähnt, daß sich die Oerlinghauser Judenschaft für die Abhaltung der Gottesdienste entsprechende Gerätschaften gekauft hätten. Diese Aussage legt den Schluß nahe, daß jüdische Gottesdienste erst seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Oerlinghausen stattgefunden haben (Staatsarchiv Detmold: L 108 Oerlinghausen Nr. 302).
Interessanterweise findet sich jedoch in einem Verzeichnis der im Amt Oerlinghausen „befindlichen begleiteten und ohnbegleiteten Juden, Schulmeisters, Rabbiner und Knechte“ aus dem Jahre 1766 neben acht jüdischen Familien und einer armen Witwe ein Rabbiner eingetragen. Sein Name ist “Meyer Abraham aus Lisha in Polen gebürtig“. (Staatsarchiv Detmold: L 77 A Nr. 5327). Leider gibt es keinerlei weitere Hinweise auf die Funktion und die Anstellung des Rabbiners. Auch in späteren Jahren gab es in Oerlinghausen nur einen Schullehrer, der auch im Gottesdienst vorlas. Die Gemeinde zählte zum Bereich des Rabbiners in Detmold. Die Zeit und das Herkunftsland des Rabbiners läßt den Schluß zu, daß er als Pogrom-Flüchtling zeitweilig hier Unterkunft gefunden hatte und als Lehrer arbeitete.
Im Jahre 1800 entschließt sich die jüdische Gemeinde, eine eigene Synagoge errichten zu lassen. Offensichtlich waren die Räume im Brachtschen Hause des Amtsrates Röttken baufällig geworden und die Gemeinde fand keinen neuen Raum zur Miete (Staatsarchiv Detmold: L 108 Oerlinghausen Nr. 304). Zum Bau der Synagoge erhielt die jüdische Gemeinde einen kleinen Platz von der Witwe des Schutzjuden Meyer David im Garten bei einem Hause geschenkt. -Alte Oerlinghauser wissen noch, daß auf dem Hof hinter der Synagoge früher ein Haus gestanden hat. - Das Amt Oerlinghausen teilt der Regierung am 13. August 1800 „betreffs den vorhabenden Bau einer Synagoge von hiesiger Judenschaft“ mit, daß die Judenschaft über einen Platz der Synagoge verfüge und „dieser Platz ist von der Kirche so weit entlegen, daß der christliche Gottesdienst durch die Synagoge im geringsten nicht gestört werden kann; daher das Amt die Bitte der Judenschaft, den Bau der Synagoge zu verstatten, untertänig unterstützen muß“ (Staatsarchiv Detmold: L 108 Oerlinghausen Nr. 304). Es gibt weitere Hinweise darüber, daß die jüdische Bevölkerung für den Bau der Synagoge eine Kollekte durchführte. Im Jahr 1803 wird dann von der jüdischen Gemeinde in Oerlinghausen eine Synagogenordnung vorgelegt. Dieses Jahr kann als Gründungsjahr der Oerlinghauser Synagoge gelten. Die Synagogenordnungen legten den Verlauf und die Regeln der Gottesdienste fest, die in dieser Zeit zwischen orthodoxeren und liberaleren Juden umstritten waren.
Im Jahr 1809 mußten alle lippischen Juden auf Erlaß der Fürstin Pauline einen Nachnamen annehmen, durch den sie den christlichen Mitbürgern gleichgestellt wurden. Zugleich wurde dabei ein Verzeichnis aller in den Orten lebenden Juden angelegt und auch deren Berufe aufgeführt. Für Oerlinghausen ergibt sich aus diesem Verzeichnis, daß sieben jüdische Familien in Oerlinghausen lebten. Als Gewerbe gaben vier Familien den Handel an, zwie den Pferdehandel und eine den Landhandel. Oerlinghausen hatte als ein alter Händlerort eine zur Ortsgröße relativ große jüdische Gemeinde, deren Mitglieder auch vorzugweise vom Handel lebten.
Neues zur Synagoge erfahren wir aus einem Schriftstück aus dem Jahre 1832 an die Hochfürstliche Regierung in Detmold, den Bau einer neuen Synagoge betreffend. Der Beamte Plage schreibt nach Detmold, daß die alte hölzerne Synagoge baufällig geworden sei und die jüdische Gemeinde daran dächte, einen Neubau in Stein vorzunehmen. Sie möchten eine Kollekte unter den inländischen Glaubensgenossen durchführen und hoffen, zusammen mit eigenem Geld den Neubau bestreiten zu können (Staatsarchiv Detmold: L 108 Oerlinghausen Nr. 304). In den Unterlagen des Staatsarchivs findet sich ein „Anschlag zur Synagoge zu Oerlinghausen aus Holz und anderen Materialien benebst Arbeitslohn“ aus dem Jahre 1832 (Staatsarchiv Detmold: L 77 A Nr. 5344). Die Aufstellungen der verschiedenen Materialien für den Neubau der Synagoge belegen, daß auf ein Gewölbe eine neue Synagoge errichtet werden sollte. Der Auftrag sollte an den Baumeister Brathuhn aus Osnabrück, welcher für Tenge in Niederbarkhausen und in Oerlinghausen selbst gearbeitet hatte, und an den Baumeister Brinkmann für die Holzarbeiten gehen. Ein „Riß“ (Bauzeichnung), der in diesem Schreiben angekündigt wird, ist dagegen in den Unterlagen nicht zu finden (Staatsarchiv Detmold: L 77 A Nr. 5344). Letztendlich ist aber bisher nicht zu klären, ob der angekündigte Neubau der Synagoge im Jahre 1832 auch wirklich ausgeführt wurde und welche Form das Gebäude hatte.
Im 19. Jahrhundert war die jüdische Gemeinde in Oerlinghausen am Größten und hatte auch ihre wirtschaftlich bedeutendste Zeit. In einem Bericht des Vorstehers über die jüdische Gemeinde an das Amt Oerlinghausen des Fürstentums Lippe vom 03. Juni 1872 gibt der Vorsteher die Zahl der Gemeindemitglieder in Oerlinghausen mit insgesamt 74 an, von denen 22 männliche und 16 weibliche unter 14 Jahren alt seien. Das Fürstentum Lippe hat einen gemeinsamen Rabbiner, der von allen lippischen Gemeinden bezahlt wird. In Oerlinghausen dagegen ist noch ein Lehrer fest angestellt, der zugleich als „Cultusbeamter“ fungiert. In der Schule der jüdischen Gemeinde wird Religion wie Elementarunterricht erteilt, d. h., daß die kleine jüdische Gemeinde in Oerlinghausen eine eigene vollständige Schule unterhielt. Diese Schule als Elementarschule bestand bis zum Jahre 1892 und wurde dann nur noch als Schule für religiösen Unterricht fortgeführt. An Immobilien führt der Vorsteher gegenüber dem Amt die eigene Synagoge auf, die allerdings noch mit 400 Talern belastet sei, den gemieteten Schulsaal und die Wohnung des Lehrers und den Begräbnisplatz, der Eigentum der Gemeinde sei (L 77 A Nr. 5340). Die Gemeinde wurde erst um die Jahrhundertwende bedeutend kleiner, als aus bisher unbekannten Gründen vier Familien in relativ kurzer Zeit Oerlinghausen verließen. Um diese Zeit war es dann auch nicht mehr möglich, einen eigenen Schullehrer zu besolden.
Kurze Zeit vorher baute die jüdische Gemeinde allerdings noch einmal eine neue Synagoge. Aus der Gebäudesteuerrolle des Bauerschaftsbezirkes Oerlinghausen von 1890 geht hervor, daß 1890 die Synagoge in Oerlinghausen abgebrochen wurde (Stadtarchiv Oerlinghausen). Am 24. August 1893 wird dem Vorstand der Synagogengemeinde Oerlinghausen gestattet, eine Kollekte für den Neubau einer Synagoge bei den isrealitischen Bewohnern des Landes durchzuführen (Staatsarchiv Detmold: L 79 III Abt. A Fach 12 Nr. 1). In der gleichen Akte findet sich ein Schreiben des Vorstehers der Synagogengemeinde Oerlinghausen, J. Lindemeyer, an die Hochfürstliche Regierung in Detmold, in der er feststellt, daß, nachdem der Neubau fertiggestellt sei, der Gemeinde trotz der beschränkten Erlaubnis zur Kollekte eine Schuld in Höhe von 2.000 Mark erwachsen sei. Im Jahr 1893 wurde also das Synagogengebäude, das heute noch in seiner ursprünglichen Form erhalten ist (bis auf die Dachkuppel), erbaut. Zu dieser Synagoge hat es vermutlich zwei Vorläuferbauten gegeben: die Synagoge aus Holz, die 1803 ihrer Bestimmung übergeben wurde und ein Neubau bzw. größerer Umbau aus dem Jahre 1832, der bis 1890 Bestand hatte.
Nach der Jahrhundertwende verblieben nur noch wenige Familien in Oerlinghausen, so daß sich die Einstellung eines Lehrers nicht mehr lohnte und die Kinder nach Lage zur jüdischen Religionsschule gehen mußten. Die verbliebenen Oerlinghauser Familien waren ins soziale und gesellschaftliche Leben der Stadt vollends integriert. Der Kaufmann Siegfried Bornheim, der Anfang der 30er Jahre noch das 300-jährige Geschäftsjubiläum feierte, war Vorsitzender der Vereinigung Oerlinghauser Geschäftsleute. Die Namen Oerlinghauser jüdischer Bürger finden sich in verschiedenen Mitgliederlisten von alten angesehenen Vereinen. Bis zur Mitte der zwanziger Jahre reichte die Zahl der jüdischen Bürger noch aus, um in Oerlinghausen in der Synagoge einen Gottesdienst abzuhalten, zu der die Gemeinde mehr als zehn Männer über 14 Jahren benötigte, Gegen Ende der zwanziger Jahre fanden keine Gottesdienste in der Synagoge mehr statt, stattdessen fuhren die jüdischen Bürger zum Gottesdienst nach Bielefeld. Nur zu Beerdigungen wurde die Synagoge noch weiterhin benutzt. Die letzte Beisetzung auf dem Oerlinghauser jüdischen Friedhof und die vorangehende Totenfeier in der Synagoge fand im Jahr 1937 statt (siehe den Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Oerlinghausen).