Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe
Auszug – Ortsartikel Oerlinghausen
OERLINGHAUSEN
1.1 Stadt Oerlinghausen, Kr. Lippe
1.2 Bis 1918 Hft./Gft./Fstm. Lippe.– 1926 Stadtrechtsverleihung. Die Synagogengemeinde Oerlinghausen umfasste Oerlinghausen, Hovedissen, Wellentrup und Leopoldshöhe; das Statut wurde 1860 genehmigt.
2.1.1 1706 war Jacob David in Oerlinghausen ansässig; sicher nachgewiesen ist er außerdem 1711. 1713 wurde ihm Dünger entwendet, den er in seinen Garten hatte fahren lassen. Ostern 1714 wurde er durch einen aus der Kirche kommenden Jungen als „Schelm und Juden-Gepack“ tituliert. 1716 beklagte er sich darüber, dass Westermann zu Ubbedissen die Herausgabe eines von ihm entliehenen Reitkissens verweigere. In der Geleitkonfirmation des Grafen Simon Henrich Adolf zur Lippe von 1719 wird Jacob David erneut erwähnt. 1730 kaufte er von Anna Elisabeth Grothe ein ‚auf dem Berge‘ gelegenes Wohnhaus mit Garten für 350 Reichstaler. Diese Immobilie gehörte zu den sog. Wistinghausischen Gütern, die eine Braugerechtigkeit besaßen. 1747 sind in Oerlinghausen 6 jüd. Haushaltsvorstände nachgewiesen: Meyer Aron, David Jacob, Schlom, Michel, Witwe Joseph, Witwe Salomon und Meyer Isaac. Die Witwen zahlten mit 4 Rtlr. die Hälfte des normalerweise üblichen Schutzgeldes. Vor 1748 gelang es dem Juden Joseph, das Haus des Kleinschmiedes Lepper zu erwerben. Er geriet aber schon bald in Zahlungsschwierigkeiten. Auch der Besitz von Holzeigentum ist 1755 erschließbar, ihm waren Bäume abgeholzt und gestohlen worden. 1750 gerieten David (Jacob) einmalig und Meyer Isaak mehrmals in verbale Auseinandersetzungen mit Nichtjuden, u.a. beschimpfte Letzterer die ‚Feuerherren‘, als sie ihm Nachlässigkeiten vorwarfen. Auch innerjüd. Streitigkeiten sind für 1750 überliefert. 1755/56 wurde der Oerlinghausener Jude Joseph als Zeuge bei einem Wirtshausstreit zwischen Nichtjuden vorgeschlagen.
Der Vergleich der Schutzgeldzahlungen zwischen 1756 und 1763 zeigt, dass von den 7 bzw. 6 in Oerlinghausen ansässigen Juden David Jacob, Schalom Michel und Michel mit 8 Rtlr. bis 13 Rtlr. 19 Gr. 3 Pf. die höchsten Beiträge zahlten, während Salomon Israel, Meyer Aron sen. (1756–1758), Joseph (1756–1757) und Meyer Itzig jun. mit 1 Rtlr. 4 Gr. bis 5 Rtlr. 4 Gr. niedrige Beiträge zahlten. 1759 und 1762 ist es Meyer Aron sen. offensichtlich gelungen, höhere Einnahmen zu erwirtschaften, denn er zahlte 8 Rtlr. 15 Gr. bzw. 10 Rtlr. 9 Groschen. 1762 und 1763 gehörte der erstmals veranlagte Aron Meyer mit 11 Rtlr. 3 Gr. bzw. 12 Rtlr. zu denen, die hohe Beiträge entrichteten. 1763 zahlte jedoch der erstmals veranlagte Hirsch Isaac Heilbronn mit 20 Rtlr. 32 Gr. mit Abstand das höchste Schutzgeld. Letzterer war Sohn des wohl um 1728 in Hessen geborenen Hirsch Heilbronn, der die Tochter des Oerlinghausener Juden David Jacob geheiratet und das Geleit des verstorbenen Großvaters seiner Frau übernommen hatte, das jener 1742 erhalten hatte. Ein Sohn des Hirsch Isaac Heilbronn war der 1797 in Oerlinghausen geborene Mindener Arzt und Stadtverordnete Dr. David Julius Heilbronn.
1737 forderte Joseph Jacob aus Oerlinghausen vom Meyer zu Wistinghausen nicht nur die Rückzahlung kleinerer Darlehen, sondern auch die Bezahlung einiger Pfund Tee und anderer Waren, wobei er mit seinem Schuldner die Lieferung von Brennholz anstatt Geldzahlung vereinbart hatte. Meyer Aaron aus Oerlinghausen drängte 1754 den Herforder Stiftskapitular Graf Arco bzw. dessen Erben auf Begleichung einer seit 1733 laufenden Warenrechnung: Er hatte den auf Haus Lübrassen (Bielefeld-Heepen) wohnenden Grafen 2 Jahrzehnte mit Textilien und Goldspitzen, mit Rind- und Hammelfleisch, Kaffee und Tee beliefert. Anscheinend war Meyer Aaron mittlerweile selbst in finanzielle Schwierigkeiten geraten, denn 1752 wurde sein überaus bescheidener Hausrat inventarisiert, offenbar um die Forderungen Dritter sicherzustellen. David aus Oerlinghausen musste sich 1739 mit einem ravensbergischen Schuldner, dem Meier zu Wrachtrup, auseinandersetzen, der ihm vorwarf, zahlreiche Pfandobjekte– darunter Silbersachen, Kupfer- und Messinggerät, Garn und selbst ein Gesangbuch– ohne seine Einwilligung an Glaubensgenossen in Gütersloh sowie an Nichtjuden in Rietberg bzw. an die Dienstmagd des örtlichen Pfarrers verkauft zu haben. David (Jacob) selbst gehörte 1753 zu den Geschädigten eines nichtjüd. Krämers im Ort, der seine Kunden u.a. durch die Verwendung falscher Gewichte betrog. 1755 ist ein Geschäft des David Jacob mit einem Bremer Händler auf dem Mindener Martinimarkt belegt.
1766 sind 8 jüd. Haushalte im Amt Oerlinghausen nachgewiesen sowie eine Witwe ohne Geleit und ein Schulmeister. Zudem gehörte Peretz Bonefang aus Brake als Knecht dem Haushalt des Aaron Meyer an. Hirsch Heilbronn beschäftigte als Knecht seinen aus Renneroth im hessischen Amt Hadamar gebürtigen Neffen Juda Jacob. 1773 verfügten die Pferdehändler Hirsch Heilbronn und David Jacob - Letzterer lebte zusätzlich vom Ackerbau - sowie die Metzger Michel Meyer und Salomon (Scholum) Michel über Wohneigentum. Der Metzger, Altkleider- und Pelzhändler Salomon Meyer und der Metzger Aaron Meyer sowie die Witwe des Meyer Isaak, die ihren Lebensunterhalt durch Stricken verdiente, wohnten dagegen zur Miete. Als Aaron Meyer 1778 starb, hinterließ er seine Frau und 5 unmündige Kinder in großer Armut. Menke Scholum erhielt 1796 durch seine Heirat mit Mergel Calm, Tochter des Schwalenbergers Calm Moses, das erledigte Schwalenberger Geleit ihrer Verwandten, der Witwe Pesge Abraham, für Oerlinghausen. Primäre Erwerbsquelle war für die Oerlinghausener Juden der Wanderhandel, wie aus einer Eingabe an die lippische Regierung 1785 hervorgeht, die sich vehement gegen eine geplante Einschränkung dieses Handels richtete. Auswärtige jüd. Wanderhändler wurden in einer Judenherberge aufgenommen und mit Nahrung sowie - bei Bedarf - mit einem guten Leumundszeugnis versorgt, so wie Michel Scholum und Hirsch Heilbronn 1794 eines für einen auswärtigen Händler ausstellten.
2.1.2 Gemäß der lippischen Verordnung von 1809 mussten die Juden im Fstm. Lippe feste Familiennamen annehmen: Isaac Hirsch wählte als Familiennamen ‚Heilbrun‘ (später wohl Heilbronn), Michel Scholum ‚Bornheim‘, Menke Scholum ‚Windmüller‘, Leeser Salomon ‚Lindenhain‘, die Witwe des Meyer David ‚Meyer‘, die Witwe des Jonas David ‚Oppenheim’ und die Witwe des David Löb Hirsch ‚Band‘. 1821war Isaak Hirsch Heilbronn aufgrund seines Konkurses gezwungen, sein Haus und 1 Scheffel Gartenland von seinem Hauptgläubiger, dem Meyer zu Milse bei Bielefeld, zu mieten. Sein aus angesehener Petershagener Familie stammender Schwiegersohn, Leeser Moses Lindemeyer, ließ sich 1832 unter der Voraussetzung, in das Geleit des Schwiegervaters einzutreten, Haus und Garten für 1.200 Tlr. übertragen und hoffte, das Ganze zur einen Hälfte aus seinem Vermögen und zur anderen Hälfte durch Kredit finanzieren zu können, was ihm offenbar gelungen ist. Meier Heilbronn, Sohn des Isaac Hirsch Heilbronn, erhielt 1838 für 20 Pistolen ein beschränktes Geleit, damit er seinen Beruf als Pferdehändler, u.a. mit aus Dänemark eingeführten Stuten, weiterführen konnte.
1836 lebten in Oerlinghausen 5 Schutzjuden: Leeser Lindemeyer, Salomon Windmüller, Jonas (?) Meyer, Schlom (Salomon) Bornheim und Samson Paradies. 1858 führten von den 8 jüd. Gewerbetreibenden 5 konzessionierte Handelsgeschäfte, wobei Salomon Bornheim zugleich Gastwirt war. Die Witwe des Jonas Meyer besaß 3 Handelsgeschäfte und 1 Lohgerberei, für die sie insgesamt 25 Tlr. 1 Gr. jährliche Konzessionsgebühr zahlen musste. Die anderen zahlten zwischen 4 Tlr. und 17 Tlr. jährlich. Über 2 Konzessionen verfügte Samson Jakob Paradies, eine für seinen Handel mit Leinsamen, Manufaktur und Eisenwaren, die andere für Zigarrenfabrikation und-handel. Das Geschäft wurde 1865 unter 2 seiner Söhne aufgeteilt, wobei jeder noch Immobilien im Wert von 3400 Tlr. bzw. 6900 Tlr. erhielt. Ein weiterer Sohn war bereits 1860 nach Amerika ausgewandert. Frei von einer Konzessionsabgabe blieben der Metzger (Menke Windmüller), der gleichzeitig einen Trödelhandel führte, der Pferdehändler (Meyer Heilbronn) und der Lumpensammler (Joseph Sternfeld). Die Handelswaren umfassten Leinsamen, Korn, Leder, Häute, Leinen, Garn, Tabak, Zigaretten, Kaffee, Bier, Branntwein, Wein, Manufaktur und Eisenwaren. Am Ende des 19. Jh. besaßen Isaac Meyer und sein Schwiegersohn Isaac Lindemeyer eine Holzhandlung mit Sägewerk, die allerdings 1911 in Konkurs ging; die 1896 in Lage gegründete Zweigniederlassung wurde 1910 geschlossen und das 1904 in Detmold errichtete Zweigwerk meldete 1915 Konkurs an.
Über Grundbesitz verfügten 1863 der Kaufmann Salomon Jacob Paradies aus Lage und Meier Heilbronn, dessen Sohn die Immobilie nach seinem Tod 1872 verkaufte.
In der Bauerschaft Hovedissen lebte 1910 der konzessionierte Viehhändler Sali Levi, der mit einer Tochter aus der Oerlinghausener Familie Bornheim verheiratet war.
Im 1. Weltkrieg fielen Ernst Meyer und Albert Kulemeyer, für die 1920 auf dem jüd. Friedhof ein Gedenkstein errichtet wurde.
2.1.3 Der Boykottaufruf gegen jüd. Geschäfte vom 1.April 1933wurdeinOerlinghausen nicht befolgt. Der Viehhändler Julius Kulemeyer wurde im Dez. 1933 für 3 Wochen in ‚Schutzhaft‘ genommen. Er konnte mit seiner Frau und den beiden Söhnen nach verlustreichem Verkauf seiner Immobilie an ein Mitglied der NSDAP 1938 nach Argentinien emigrieren. Am 14. Aug. 1935 meldete die Presse die ‚Gewahrsamnahme‘ des jüd. Textilkaufmanns Siegfried Bornheim. Er konnte 1938 mit Frau, Tochter und Schwiegersohn nach Uruguay auswandern, ebenso Irene Weinberg geb. Bornheim. Der Arzt Dr. Max Meyer emigrierte nach der Zwangsschließung seiner Praxis 1938 zu seinem Sohn in die USA, wo er kurze Zeit später starb. Der Textilkaufmann Carl Paradies, seine Frau und der Sohn emigrierten auf die Philippinen; der Kaufmann Hans Windmüller zog 1938 nach Köln, wo er sich im Jahr darauf das Leben nahm.
Am 10. Nov. 1938 kam es zur Zerstörung des Textilgeschäftes von Heinrich Herz, der daraufhin Oerlinghausen mit seiner Familie und seinen Eltern verließ. Der Kaufmann Eduard Kulemeyer, der im Rahmen des Novemberpogroms 4 Wochen im KZ Buchenwaldinhaftiert war, und seine Frau waren die einzigen noch in der Stadtansässigen Juden; sie mussten 1940 einen Teil ihres Grundstücks weit unter Wert verkaufen. Am 13. Dez. 1941 wurden sie nach Riga deportiert und dort ermordet. Zu den Opfern des Holocaust zählt auch die in Wellentrup geborene Bertha Arensberg geb. Meyer.
2.1.4 Von den Überlebenden der jüd. Gemeinde kehrte nach Kriegsende nur die Tochter des Arztes Dr. Max Meyer nach Oerlinghausen zurück. Sie schloss sich der jüd. Gemeinde in Bielefeld an. Eine 1988 enthüllte Gedenktafel erinnert an die ehem. Synagoge in der Tönsbergstr. 4.
2.2.1 1807 lebten in Oerlinghausen 38 jüd. Einwohner, 1858 waren es 52 und 1872 74, 1880 55 und 1890 49. 1905 waren von 2426 Einwohnern 47 Juden. 1932/33 lebten in Oerlinghausen bei einer Bevölkerung von 3071 Personen 19 Juden.
In Hovedissen waren 1880 von 1564 Einwohnern 8 Juden und 1900 von 1878 Einwohnern 10 jüd. Glaubens.
In Leopoldshöhe lebten 1925 3 Juden.
In Wellentrup waren 1858 von 1103 Einwohnern 1 Jude, 1880 von 1063 4, 1900 von 809 Einwohnern 4 Juden und 1925 lebten dort 3 Juden.
In Asemissen waren 1858 unter 857 und 1867 unter 835 Einwohnern je 3 Juden.
Der Synagogengemeinde Oerlinghausen waren u.a. Hovedissen, Wellentrup und Leopoldshöhe zugeordnet. Sie hatte 1863 10 stimmberechtigte Mitglieder: 8 aus Oerlinghausen und je 1 aus Wellentrup und Leopoldshöhe. 1932/33 hatten sich 2 Juden aus Währentrup und 1 aus Wellentrup angeschlossen; in Leopoldshöhe lebte kein Jude mehr.
Als in der 2. Hälfte der 1920er Jahre kein Minjan mehr zustande kam, besuchten die Juden aus Oerlinghausen die Synagoge in Bielefeld. Die Synagogengemeinde Oerlinghausen wurde 1938 der Detmolder Synagogengemeinde angeschlossen.
In den 1790er Jahren kam es innerhalb der Oerlinghausener Kehilla zu Auseinandersetzungen, die zu einer vorübergehenden Spaltung der Gemeinde führten. Bereits 1764 war es zu Störungen des Gottesdienstes durch Aaron Meyer gekommen. Ein „Vereinbartes Reglement für die Oerlinghauser Judenschaft in betreff ihres Gottesdienstes und Ceremoniells“ von 1803 (genehmigt 1804) betraf u.a. Anweisungen bezüglich der Sitzordnung für Männer und Frauen in der Synagoge, Bestimmungen für Hochzeiten, Regelungen, die das Lesen aus der Thora betrafen, die soziale Vorsorge sowie die Verpflichtung, zu bestimmten Anlässen zum Gebet in der Synagoge zu erscheinen. 1859 erfolgte eine Neuauflage dieses Reglements. 1860 wurde das Gemeindestatut von der lippischen Regierung genehmigt. Zudem existierte eine Begräbnisordnung. 1872 hieß es, dass der „neue geordnete Gottesdienst mit den braunschweiger Gesängen und deutschen Vorträgen“ abgehalten werde.
1803 hatte die Gemeinde Schulden in Höhe von 300 Rtlr. bei der ‚Leihe Casse zu Detmold‘. Zur Abzahlung musste der Lehrer wöchentlich mit der ‚Sünagogen Büchse‘ herumgehen, um von jedem Schutzjuden 1 MGr., von Söhnen und Knechten dagegen beliebige Beträge einzusammeln.1863 wurde der Synagogengemeinde ein Kredit über 400 Tlr. gekündigt, den sie Jahre zuvor aufgenommen hatte. Da sie zu einer Rückzahlung nicht in der Lage war, erbat sie einen neuen Kredit über 300 Tlr. aus der fürstlichen ‚Leihekasse in Detmold‘ mit einer jährlichen Verzinsung von 4 Prozent. Der Kredit wurde 1863 bewilligt; als Sicherheit diente das Gesamtvermögen der Gemeinde. 1872 hatte die Gemeinde noch 400 Tlr. von dem Bau der Synagoge abzuzahlen. Der Gemeindeetat betrug 1930 500 Taler.
2.2.2 Belegt ist ein jährl. Synagogengeld von 1 Rtlr. 9 Gr. für die Jahre 1747, 17561759, 1762 und das Folgejahr. 1764 befand sich der Betsaal im Haus des David Jacob. 1772 zahlte Hirsch Heilbronn, Schwiegersohn des David Jacob, den ‚Schul-Goldgulden‘ (Synagogengeld). Ende des 18. Jh. hielten die 8 in Oerlinghausen ansässigen jüd. Familien ihren Gottesdienst im Haus des Amtsrats Rötteken ab, wo sie einen Raum gemietet hatten. 1803 baute die Gemeinde auf einem Grundstück an der Tönsbergstr., das die Witwe des Schutzjuden Meyer David zur Verfügung gestellt hatte, eine Synagoge. 1832 sollte diese, inzwischen baufällig und noch mit Schulden belastet, durch einen Neubau ersetzt werden. Da der Neubau mindestens 476 Tlr. kosten sollte, gestattete die Regierung der unvermögenden Gemeinde die Abhaltung einer Kollekte bei den lippischen Juden. Zudem erhielt sie ein Vermächtnis von 50 Tlr. sowie eine Spende von 15 Tlr. von Fürst Leopold II. zur Lippe. Es ist nicht bekannt, ob ein Um- oder Neubau der Synagoge erfolgte. 1890 wurde das erneut baufällige Gebäude abgebrochen. Der Neubau der 1893 errichteten Synagoge belastete den Gemeindeetat mit 2.000 Talern. Weil um 1927 der Minjan nicht mehr erreicht wurde, konnten Gottesdienste nicht mehr in Oerlinghausen stattfinden, die Oerlinghausener Juden gingen daher in die Synagoge in Bielefeld. Die Oerlinghausener Synagoge wurde in den 1930er Jahren nur noch bei Trauerfeiern genutzt, das letzte Mal 1937. Den Novemberpogrom hat sie ohne größeren Schaden überstanden, da sie im Juli 1938 im Auftrag des ‚Landesverbandes der Synagogengemeinden in Lippe‘ an einen Schuhmacher und Fahrradhändler verkauft worden war, der darin eine Werkstatt mit Wohnung einrichtete. Laut mündlicher Vereinbarung mit Heinrich Herz und Siegfried Bornheim soll sich der Käufer verpflichtet haben, die noch vorhandene Inneneinrichtung, die Bänke und eine Kanzel zu vernichten. Kultgeräte waren bereits zuvor nicht mehr vorhanden.
2.2.3 1766 ist der ‚Rabbiner‘ (Schulmeister) Meyer Abraham aus Lissa in Polen für Oerlinghausen nachgewiesen. Um 1806 wird Lehrer Marcus (Rehberger) für Oerlinghausen erwähnt. 1810 wohnten in Oerlinghausen 6 schulpflichtige jüd. Kinder. Bis 1837 war Salmonsohn Kuttner aus dem westpolnischen Witkowo „konzessionierter Privatlehrer“ in Oerlinghausen; er absolvierte später eine Ausbildung am Haindorfschen Lehrerseminar. Danach war der aus Polen stammende verh. Lehrer Peretz Baumann in Oerlinghausen tätig. Obwohl es nach der landesherrlichen Verordnung von 1803 nicht zulässig war, verh. Schullehrer anzustellen, erhielt die Gemeinde Oerlinghausen 1836 eine Ausnahmegenehmigung für die Dauer eines Jahres, die 1837–1839 um jeweils 1 Jahr verlängert wurde. Die Gemeinde musste sich verpflichten, für den Unterhalt der Lehrerfamilie aufzukommen und die Kosten für deren Rückreise zu tragen. 1843–1847 erhielt Lehrer N.N. Japha aus Posen, der zuvor in Barntrup tätig war, ein Gehalt von 55 Tlr. nebst Vergütung von 20 Tlr. für Kost und Logis. Der Unterricht für die 11 Schüler fand in einem neben der Synagoge gelegenen, angemieteten Schulraum statt. 1848–1851 ist Lehrer N.N. Schöndorf, der zuvor in Horn und Lemgo tätig war, nachzuweisen. Die Schülerzahl wuchs bis 1849 auf 15, da es Neuzugänge aus Schlangen, Blomberg und Barntrup gab; dort hatten die jüd. Gemeinden keine eigenen Lehrer mehr. Vizerabbiner Dr. Hennoch J. Fahrenbach hob 1851 die jüd. Schule in Oerlinghausen als diejenige mit dem besten Unterricht hervor. 1851–1856 war als Elementar- und Religionslehrer Marcus Goldschmidt aus Hirschberg bei Warstein angestellt. Er versorgte auch die Gemeinden in Bösingfeld und Hohenhausen, zugleich war er Kantor und Schächter. Für 1861 findet sich die Nachricht, dass der für Blomberg vorgesehene Lehrerkandidat Moritz Weil aus dem hessischen Schenklengsfeld angestellt worden sei. Er erhielt als Lohn 160 Tlr. pro Jahr sowie 10 Tlr. sog. Schächtvergütung und freie Wohnung. 1867 schied ein namentlich nicht genannter Lehrer, möglicherweise Philipp Fischel, aus. 1867–1869 ist Lehrer Philipp Steeg aus Warburg in Oerlinghausen belegt. Er erhielt wie sein Vorgänger ein Jahresgehalt von 240 Tlr., wollte jedoch für Kost und Logis selbst sorgen und weder das Kantorat noch das Schächten übernehmen. Das jährliche Schulgeld betrug 2 Tlr. pro Kind, wie in einer Gemeindeversammlung 1869 festgelegt worden war, sowohl für auswärtige als auch für Schulkinder aus dem Ort.
Der Lehrer erhielt 1871 30 Tlr. pro Quartal für die Unterrichtung von 18 einheimischen und einem auswärtigen Kind. Die Miete für das Schullokal betrug 1872 35 Tlr., für die Lehrerwohnung 26 Tlr. pro Jahr. Der ab 1872 als Lehrer tätige Michael Nußbaum aus Neuenkirchen kostete die Gemeinde 260–270 Tlr. jährlich. 1874 ist Aron Schönlank als Lehrer nachgewiesen, 1878 Leopold Leyens aus Schwaneberg in der Magdeburger Börde. Seit 1879 war die Lehrerstelle vakant. 1882 gab es 12 schulpflichtige jüd. Kinder, die allerdings keinen Unterricht erhielten, da ein Lehrer fehlte. Seit 1892 wurde die Schule als Religionsschule weitergeführt. Der Schulunterricht fand in den 1890er Jahren - möglicherweise schon seit 1872 - im südlichen Anbau des Hauses der Familie Paradies (Hauptstr. 53) statt. Zwischen 1904 und 1906 ist Lehrer Artur Schweriner nachgewiesen. 1907 erhielten 4 jüd. Schulkinder Unterricht des Wanderlehrers Samuel Liebermensch aus Salzuflen, 1913 5 durch Lehrer Albert Wesel in den Räumen der Rektorschule. 1932/33 fand kein Religionsunterricht mehr statt.
2.2.4 In der 1804 genehmigten Synagogenordnung war u.a. festgelegt, dass verarmte Gemeindemitglieder, die nicht in der Lage waren, ihre Beiträge zu entrichten, diese Summe aus der Gemeindekasse vorgestreckt bekamen, bis ein Familienmitglied oder eine sonstige Person die Schulden abzahlen konnte. Während dieser Zeit behielt der Verarmte aber sämtliche Rechte in der Gemeinde. Bei Erkrankung eines Gemeindemitgliedes wurden 2 Glaubensgenossen verpflichtet, die Pflege zu übernehmen. Darüber hinaus existierte eine Armenkasse für Alte und Bedürftige.
2.3.1 Als Ausschussdeputierte der Judenschaft in der Gft. Lippe fungierten Jona David in der 2. Hälfte des 18. Jh., Leiser Salomon Lindenhain vom Ende des 18. Jh. bis wahrscheinlich 1825, Meyer Heilbronn ab 1845 und Abraham Meyer seit den 1870er Jahren. Zum Vorstand des LSFL gehörten um 1925 Sanitätsrat Max Meyer (stellv. Vors.) und Carl Paradies (stellv. Beisitzer). 1933 wurde Heinrich Herz zum Vorsteher und Siegfried Bornheim zum 2. Vorsitzenden des Landesverbandes gewählt.
Als Gemeindevorsteher nachgewiesen sind Abraham Meyer (1863–1874), Hermann Bornheim (ab 1874), Carl Paradies (1925 und 1932/33) und Heinrich Herz (1938), als 2. Vors. 1937 Siegfried Bornheim.
Kantor und Vorbeter der Gemeinde war in der 2. Hälfte des 18. Jh. bis wahrscheinlich 1807 Jona David. Diese Funktionen übernahm in den darauffolgenden Jahrzehnten der jeweilige Lehrer.
2.3.2 In Oerlinghausen wurde 1797 David Julius Heilbronn als Sohn des Schutzjuden Isaac Hirsch Heilbronn geboren. 1821 war er als promovierter Arzt in Bielefeld tätig, ab 1824 in Minden, wo er zwischen 1845 und 1848 Stadtverordneter und 1848/49 Redakteur der konstitutionell-demokratischen Zeitung ‚Porta Westphalica‘ war und die Spaltung der dortigen jüd. Gemeinde beenden konnte. Er starb 1870.
2.3.3 Die Schützengesellschaft Oerlinghausens verzeichnete 1834 die ersten Juden in ihren Reihen. 1902 gab es den ersten jüd. Schützenkönig. N.N. Meyer, 1901/02 Geschäftsführer der ‚Elektrizität-Gesellschaft‘ in Oerlinghausen, war Mitglied des Kriegervereins, Julius Kulemeyer dessen Geschäftsführer. In der Zeit der Weimarer Republik engagierten sich angesehene jüd. Geschäftsleute und ein Arzt in der bürgerlich-liberalen ‚Einheitsliste‘, die sich als Gegengewicht zu den sozialistischen Parteien verstand und hauptsächlich die ortsansässige Kaufmannschaft vereinigte. Vorsitzender des ‚Schutzverbandes für Handel und Gewerbe‘ war der jüd. Kaufmann Siegfried Bornheim, ein langjähriges Vorstandsmitglied der genannten ‚Einheitsliste‘.
3.1 Bei der 1803 errichteten Synagoge an der Tönsbergstr. 4 soll es sich um einen Holzbau gehandelt haben, der 1832 baufällig war; ob er damals um- oder neugebaut wurde, ist nicht bekannt. 1893 entstand auf dem Grundstück ein neuer eingeschossiger, aus Bruchsteinen gemauerter Synagogenbau. Die Synagoge wurde 1938 verkauft und als Werkstatt bzw. Wohnung umgenutzt. Nach dem Novemberpogrom musste der Holzturm der Synagoge samt Davidstern abgerissen werden. Nach dem Tod des Käufers in den 1970er Jahren erwarb die Stadt das Gebäude, an dem erste Restaurierungen vorgenommen wurden. Damals waren noch Reste der originalen Wandbemalung, die alte Eingangstür, die Nische für den Thoraschrein und die Frauenempore vorhanden. Zu Details s. Pracht, Jüdisches Kulturerbe 334–337. Seit 1979 wird das Gebäude vom ‚Kunstverein Oerlinghausen‘ genutzt. 1985/86 erfolgte eine durch die Denkmalbehörden begleitete Instandsetzung durch die Stadt Oerlinghausen sowie 1985 der Eintrag in die Denkmalschutzliste.
3.2 Vor der Emigration oder Deportation waren in den 1930er Jahren folgende Häuser von jüd. Bürgern bewohnt bzw. in ihrem Eigentum: Hauptstr. 47 (Siegfried Bornheim), 54 (Familie Paradies) und 78 (Heinrich Herz), Bahnhofstr. 39 und 41 (Brüder Julius und Eduard Kulemeyer), Reuterstr. 9 (Dr. Max Meyer), Philosophenweg 350 (Carl Paradies), Detmolder Str. 43 (Hans Windmüller) und Lipperreihe 51 (Hedwig Löwenthal).
3.3 Etwa 500m von der Synagoge entfernt liegt mitten im Ort der 673m2 große jüd. Friedhof an der Straße Auf dem Berge. 1766 konnte der Oerlinghausener Amtmann den Vorwurf, die Judenschaft habe ohne Genehmigung einen Friedhof eingerichtet, weder bestätigen noch verneinen: laut Aussagen existiere der Friedhof seit 100 Jahren und mehr, Schriftliches läge nicht vor. Für 1892 ist belegt, dass der Friedhof Eigentum der jüd. Gemeinde war. Insgesamt sind 61 Grabsteine erhalten, der älteste stammt von 1761. Die letzte Beisetzung erfolgte 1937. Es sind 3 Kindergräber nachweisbar. Die meisten Gräber befinden sich im Südteil, der größte Teil der älteren Grabsteine im Nordteil. Die Grabmäler weisen z.T. sprachlich aufwendige und komplizierte hebr. Texte mit Eulogien in Reimen sowie mit Wortspielen auf Eigennamen auf. Rein hebr. Inschriften waren bis weit in die 2. Hälfte des 19. Jh. üblich, ein untypischer Befund für jüd. Grabstätten im Kr. Lippe. Die Gestaltung der älteren Grabsteine verweist auf eine gute Vermögenssituation zahlreicher Gemeindemitglieder. Nur wenige Steine sind mit Symbolen und Ornamenten verziert. Auf dem Friedhof stehen noch der Gedenkstein von 1920 für 2 im Krieg gefallene jüd. Soldaten sowie 2 nach 1945 errichtete Gedenksteine. Der Friedhof wurde 1985 unter Denkmalschutz gestellt und wird von der Stadt gepflegt.
4.1 LAV NRW Abt. OWL (Detmold), L 37 XIX III Nr. 1m, und 7; L 63, Nr. 155 u. 157; L 77 A, u.a. Nr. 5417; L 86, Kriminalakten, Nr. 1104; L 89 A, Nr. 217, 218, 222; L 92 A Tit. 150 Nr. 4 u. 9; L 92 A Tit. 151 Nr. 22; L 92 A Tit. 152 Nr. 1, L 108 Oerlinghausen, u.a. Nr. 270, 275, 305; M 2 Höxter Nr. 742; D 21 B Zug. 43/1960 Nr. 8; D23Oerlinghausen und z.B. P 2 Nr. 14; sowie Abt. W (Münster), Fürstabtei Herford, Landesarchiv, Akten, Nr. 532; KDK Münster, Fach 7 Nr. 2.
4.2 Fotos der Mitglieder der Familie Kulemeyer in Hartmann,... da sie uns hier nicht mehr länger haben wollen 359–361. Lageplan der Immobilie des Pferdehändlers Meier Heilbronn (1872) in LAV NRW Abt. OWL (Detmold), L 108, 1412. Zeichnung der Synagoge von 1893 von Carl Paradies im Centrum Judaicum, Archiv (Stiftung Neue Synagoge Berlin), 75 A Ne2 Nr. 2. Fotos und Zeichnung der Synagoge in Pracht, Jüdisches Kulturerbe 382–384 Nr. 427–433, in Brocke, Feuer an Dein Heiligtum gelegt 416f., in Moll/Hartmann/Burkamp, Die Geschichte der Oerlinghauser Synagoge 23–28, in Birkmann / Stratmann, Bedenke vor wem du stehst 179 und in Hartmann, ... da sie uns hier nicht mehr länger haben wollen 363. Fotos des jüd. Friedhofs in Pracht, Jüdisches Kulturerbe 325 Nr. 434–436, in Brocke/Pomerance, Der jüdische Friedhof in Oerlinghausen. Foto des Gedenksteins für die Gefallenen des 1. Weltkriegs sowie der Gefallenenanzeige für Ernst Meyer in Faassen/Hartmann, ... dennoch Menschen von Gott erschaffen 65f. Fotos des jüd. Friedhofes in der LWL-Denkmalpflege, Landschaftsund Baukultur in Westfalen.
4.3 AZJ 84 〈1920〉 Heft 33. - Bericht über die Marks-Haindorf’sche Stiftung 10 〈1837〉. - Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung 〈1907〉, 〈1913〉 208.– Statistisches Jahrbuch deutscher Juden 〈1905〉 118.
4.4 Brocke Michael/Pomerance Aubrey, Der jüdische Friedhof in Oerlinghausen. Eine bildlich-textliche Dokumentation 〈Bielefeld 1993〉. - Burkamp Gisela, Fester Bestandteil im kulturellen Leben der Stadt: Kunst in der Synagoge. In: Moll/Hartmann/ Burkamp, Die Geschichte der Oerlinghauser Synagoge 14f.– Gartenschläger Uwe/ Hartmann Jürgen/Seidel Hans-Christoph, Eine rote Festung wird erobert. Der Nationalsozialismus in Oerlinghausen 〈Oerlinghausen 1986〉. - Hartmann Jürgen, Das Schicksal der jüdischen Familie Kulemeyer in Oerlinghausen. In: Scheffler/Stöwer, Juden in Lemgo und Lippe 241–248. - Ders., „... da sie uns hier nicht mehr länger haben wollen“. Die Verfolgung jüdischer Mitbürger in Oerlinghausen 1933–1941. In: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 57 〈1988〉 343–363. - Ders., Synagoge und Jüdische Gemeinde in Oerlinghausen während des Nationalsozialismus. In: Moll/Hartmann/Burkamp, Die Geschichte der Oerlinghauser Synagoge 9–13.Ders., Von den Nationalsozialisten während des Pogroms 1938 beschlagnahmte Akten und Kultgegenstände 24f. - Hennigs Annette, Gesellschaft und Mobilität. Unterwegs in der Grafschaft Lippe 1680 bis 1820 〈Bielefeld 2002〉 195f., 220–227, 246f. - Moll Alex, Die Synagoge in Oerlinghausen von ihren Anfängen bis zur Machtergreifung. In: Moll/ Hartmann/Burkamp, Die Geschichte der Oerlinghauser Synagoge 4–8. - Moll Alex/ Hartmann Jürgen/Burkamp Gisela (Hg.), Die Geschichte der Oerlinghauser Synagoge von 1803 bis 1988 〈1988, 2., überarb. Aufl. unter dem Titel: Die Geschichte der Oerlinghauser Synagoge von 1803 bis 1995, Leopoldshöhe 1995〉. - Soll Karl, Die Ordnungen der Oerlinghauser Synagogengemeinde im 19. Jahrhundert und ihre Auswirkungen auf den Assimilationsprozeß. In: 81. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg 〈1994〉 51–94. - Ders., Dr. med. Julius Heilbronn. Lebensbild eines Mindener Arztes (geboren 1797 in Oerlinghausen, gestorben 1870 in Minden). In: Mitteilungen des Mindener Geschichtsvereins 64 〈1992〉 115–130.
Heike Plaß