Die Nacht, in der die Synagogen brannten

Vor 50 Jahren: Der „Kristallnacht“-Terror gegen die jüdische Bevölkerung

 

AIs sie von ihrem Arbeitsplatz aus, hinter der Gardine, den Abtransport der Juden beobachtete, habe sie „sich geschämt, eine Deutsche zu sein", sagte mir die etwa […..] jährige Dame in einem Gespräch über die „Reichskristallnacht“. Das, das in jenen Jahren geschehen sei, werde immer zwischen ihrer und meiner Generation, der auch ihre Tochter angehöre, stehen. Sie möchte anonym bleiben, wie auch der damalige Jungakademiker, der - ebenfalls vom Fenster aus - in der Nacht die Horde durch die ostwestfälische Kleinstadt […..] sah. Natürlich habe er die Männer erkannt, auch den, der mit gezücktem SA-Dolch voranging. Namen werde er aber nicht nennen. Auch dem Landwirt, der neben der Synagoge wohnte und am Sabbat für seine jüdischen Mitbürger die Kerzen anzündete, ist immer noch die Furcht anzumerken, er könnte durch allzu offenherzige Äußerungen diejenigen, die mitmachten, belasten. Es scheint, als wirkten die Angst und die Scham, die damals mitgingen, bis heute nach.

[Bilder: Das Wohn- und Geschäftshaus der jüdischen Familie Daltrop in Gütersloh (Kirchstr. 2) wurde in der „Kristallnacht" eingeäschert, Wohnungen jüdischer Familien verwüstet. Und auch im Paderborner Land (Foto: Salzkotten) gingen die Synagogen Flammen auf.     Fotos: Privatbesitz, Dokumentation Wewelsburg]

Wer Näheres erfahren möchte über die unfaßbaren Ereignisse, die vor 50 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 eine auf die Endlösung zusteuernde schreckliche Phase der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland einleitete, ist auf archivarische Quellen angewiesen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich: „Kristallnacht", wie bitterer Sarkasmus ob der scherbenübersäten Straßen die Stunden der Schande nannte, fand nicht irgendwo, sondern in unserer Nachbarschaft statt. Und die sich an den brutalen Ausschreitungen beteiligten, waren in der Mehrzahl ortsansässige Handlanger des verbrecherischen Regimes.

„Antwort an das Judenpack. Der Judentempel brannte aus. Die freche Herausforderung des feigen Mörderjuden Seibel Grünspan konnte das deutsche Volk nicht lammfromm hinnehmen. Wie anderswo im Reich kam es auch in Bielefeld zu erregten Demonstrationen der deutschen Bevölkerung gegen das internationale Judenpack. Einzelnen Geschäftsjuden, die immer noch nicht begriffen haben, daß mit dem deutschen Volk kein Reibach mehr zu machen ist, klirrten die Fensterscheiben in den Laden Im Judentempel in der Turnerstraße brach in den Donnerstagmorgenstunden Feuer aus; die Synagoge brannte vollkommen aus. die protzige Kugel krachte in sich zusammen. Der Feuerlöschpolizei gelang es jedoch, die umliegenden Häuser vor einem Übergreifen des Feuers zu bewahren.“

Mit solch irreführenden Berichten stellte die NS-Presse die Vorgänge der sogenannten „Kristallnacht“ als „spontane Reaktion des deutschen Volkes“ hin. Doch der vorgetäuschte Ausbruch von Volkszorn wurde schnell als organisierte Gewaltaktion entlarvt. Das am 7. 11. 1938 verübte Attentat des Juden Herschel Grünspan auf den deutschen Diplomaten Ernst von Rath in Paris, der zwei Tage später seinen Verletzungen erlag, lieferte der NS-Führung einen willkommenen Vorwand für den von ihr angeordneten Terror und die sich anschließenden Maßnahmen, die unter anderem für die endgültige Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben sorgten.

„Es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden, insbesondere gegen deren Synagogen stattfinden", informierte die Gestapo in Berlin mit Fernschreiben vom 9. 11. 1938 die örtlichen Polizeistellen über den Start des Pogroms. Die Aktion sei „nicht zu stören". Vorzubereiten sei „die Festnahme von 20-bis 30.000 Juden im Reich". Ausgewählt werden sollten „vor allem vermögende Juden“.

Eine Bilanz des Schreckens, den die örtlichen Einsatztrupps in dieser Nacht verbreiteten, enthält der Bericht der Stapo Bielefeld an die Geheime Staatspolizei in Berlin:

„Im Stapobezirk Bielefeld wurden anläßlich der Protestaktion gegen Juden insgesamt 37 Synagogen zerstört. Davon wurden 19 Synagogen durch Feuer und 18 Synagogen auf andere Weise zerstört. Der Schaden beläuft sich auf etwa 450.000 RM.

An Geschäften und gewerblichen Räumen wurden zerstört insgesamt 102. Davon sind 5 durch Feuer und 97 auf andere Weise zerstört. Der Schaden beläuft sich auf etwa 420.000 RM.

Privathäuser sind zerstört oder beschädigt insgesamt 110. Davon sind 7 Häuser vollkommen abgebrannt. Die übrigen Häuser sind mehr oder weniger stark beschädigt. Die Wiederinstandsetzung der beschädigten Häuser ist in jedem Falle möglich. Der Schaden beträgt etwa 200.000 RM.

An Wohnungseinrichtungen wurden 47 vollständig zerstört. 57 Wohnungen wurden mehr oder weniger beschädigt. Der Gesamtschaden der zerstörten Wohnungen beträgt etwa 250.000 RM."

Auch über Todesopfer gibt der Bericht Auskunft:

„Bei der Aktion kamen 2 Personen ums Leben, und zwar

a) der Jude David Schlesinger, geb. 20. 11. 1880 in Albaxen (bei Höxter, d. Red.), wohnhaft in Albaxen Nr. 10.

Schlesinger ist nach seiner Festnahme aus einem Kübelwagen der SA gesprungen und zog sich einen Schädelbruch zu, an dessen Folgen er gestorben ist,

b) die Jüdin Fräulein Julie Hirschfeld, geb. 29. 9. 1856 in Horn i. L, Nordstr. 11. Die Hirschfeld ist kurzsichtig und ist auf Grund dessen die Treppe heruntergefallen. An den Folgen ist sie im Krankenhaus in Detmold gestorben.“

Es waren nicht die einzigen Opfer, wie dem Stapobericht zu entnehmen ist: „Unter den von hier in das KZ-Lager Buchenwald eingelieferten 406 Juden sind bisher 4 Todesfälle zu verzeichnen.“

[Bild: Die brennende Synagoge in Bielefeld. Zitat aus einem Brief des Gütersloher Juden Pau! Meinberg: „In Bielefeld mußten wir auf dem Weg zum Bahnhof (nach Buchenwald) alle vor der brennenden Synagoge halt machen und in die Flammen pi..., damit es nicht heißen könne, es sei nicht gelöscht worden."       Foto: Stadtarchiv Bielefeld]