Der Lärm war ohrenbetäubend
Bielefelder Augenzeugen berichten von Pogromnacht vor 50 Jahren - Ausschreitungen gegen die Juden erst der Anfang vom Ende
Bielefeld (Gün/con). In der Nacht vom 9. auf den 10. November schläft Edith Weinberg (Name von der Redaktion geändert) Immer schlecht - und das seit genau 50 Jahren. Edith Weinberg ist heute 72 Jahre alt, damals, 1938, war sie jung und frisch verheiratet. Edith Weinberg Ist Jüdin. Ihr Mann besaß in Bielefeld ein Haushaltswarengeschäft. An die Ausschreitungen gegen die Juden, von den Nazis beschönigend „Reichskristallnacht“ genannt, heute vor 50 Jahren am 9./10. November 1938, hat sie noch präzise Erinnerungen.
Es war ein ohrenbetäubender Lärm, der das Ehepaar in der fraglichen Nacht aus dem Schlaf riß. Als die Weinbergs vorsichtig aus dem Fenster schauten, sahen sie die ganze Straße mit Scherben übersät. Jacob Weinberg (Name von der Redaktion geändert) rief die Polizei an. Die Familie stehe unter Polizeischutz versicherte ihm der Beamte am anderen Ende der Leitung. Eine Lüge, denn die ganze Nacht ließ sich kein einziger Ordnungshüter blicken.
Nachtzug
Die Mutter von Jacob Weinberg drängte ihren Sohn, so schnell wie möglich Haus und Stadt zu verlassen. Auch der Rechtsanwalt der Familie riet zu diesem Schritt. Weinberg nahm noch in der Nacht einen Zug nach Essen zur Schwiegermutter. Dort bot sich ihm das gleiche Bild wie in Bielefeld, zerstörte Geschäfte, Schmierereien, zerborstenes Glas. Mit einer Droschke fuhr er vom Bahnhof zur Schwiegermutter. Feixend drehte sich der Taxifahrer zu ihm um: „Den Juden, den haben wir es heute nacht aber gegeben."
Der Pogrom war erst der Anfang. Weinberg konnte zwar untertauchen, aber in Bielefeld wurden in der Zwischenzeit jüdische Männer verhaftet. Auch der Vater von Renate Kamp, Rechtsanwalt Dr. Julius Kamp. Am Morgen nach dem Bielefelder Synagogenbrand standen zwei Polizisten in Zivil vor der Tür, die Kamp mitnahmen - ins KZ Buchenwald.
Nach ungefähr zwei Wochen kam der Vater wieder, stand einfach vor der Tür, erzählte sehr wenig, war mager und kahl, behaftet mit einem merkwürdigen Geruch, der sich noch Wochen hielt. Dann wurde er schwer krank. Die Nazis hatten den Rechtsanwalt nur gehen lassen, weil er sich verpflichtet hatte, Deutschland bis zum 5. Januar 1939 zu verlassen. Die Familie reiste nach Holland aus, in der Hoffnung, dort vor den braunen Machthabern sicher zu sein.
Am 10. Mai 1940 wurde alles anders. Die deutsche Wehrmacht besetzte auch die Niederlande. Ende Juli 1943 kam die Familie erst nach Theresienstadt, dann im Oktober 1944 nach Auschwitz. Die Eltern wurden vergast, die Tochter überlebte.
Überlebt hat auch Lise Loewenthal, Bielefelderin des Jahrgangs 1922, die 1933 mit ihrer Schwester per Kindertransport nach England kam und dann nach Palästina emigrierte. Heute lebt die Schriftstellerin in Rom. In der Erzählung „Shalom, Ruth, Shalom“ beschreibt sie ihre Erlebnisse in Bielefeld während der braunen Zeit. (Erschienen in: Ein Spiegel des eigenen Ich, herausgegeben von Joachim Meynert.)
Lise Loewenthal schildert, wie die Juden aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Leben gedrängt wurden, ehe die Nazis sie umbrachten. In ihrer Erzählung nennt sie sich selbst Ruth Warburg.
Der Vater von Ruth war Achritekt, der bald keine Aufträge mehr bekam, weder von Behörden noch von Privatleuten. Und dennoch, das Land verlassen wollte der alte Warburg nicht: „Ich kann es einfach nicht glauben, daß die Regierung dieser Herren lange dauern wird. Alles, woran ich mein ganzes Leben geglaubt habe, kann doch nicht einfach über Bord geworfen werden. Ich würde die Achtung vor mir selbst verlieren, wenn ich wegginge. Wir müssen darum kämpfen, daß es in Deutschland nicht völlig dunkel wird und die Gerechtigkeit sich wieder durchsetzt."
Die Warburgs im ganzen Land standen auf verlorenem Posten. Die Machthaber schnitten sie vom Leben ab. Die kleine Ruth mußte die Schule verlassen.
1973 tat sie einen schweren Schritt: Sie kam zurück in die Stadt ihrer Kindheit und suchte dort ihre eigene Geschichte. In einem Archiv fand sie ihren Vater.
Der Vater
Diesen Augenblick schildert die Autobiographie so: „Jemand hatte ihr etwas von einem Gestapo-Archiv in B. erzählt, und am Morgen nach ihrer Ankunft machte sich Ruth auf die Suche danach. In der hellen Empfangshalle wurde sie von einer freundlichen Dame empfangen. „Was für ein Buchstabe, bitte?“ fragte sie höflich, während sie die Besucherin in ein Zimmer voller Aktenregale führte. „W ... Warburg ... Richard Warburg.“ Ruths Stimme zitterte leicht. Vorsichtig, ja fast ehrfurchtsvoll zog die Dame eine vergilbte Akte heraus und legte sie auf den Besuchertisch am Fenster. Für einen Augenblick hatte Ruth das Gefühl, das Zimmer würde sich um sie drehen. Unter dem Hakenkreuzstempel der Gestapo las sie den Namen ihres Vaters und den Bestimmungsort Riga. Es folgte ein Text, in dem Richard Warburg sich damit einverstanden erklärte, in ein Arbeitslager zu gehen - und darunter mit zittriger Hand seine Unterschrift. Er hatte sein eigenes Todesurteil unterzeichnet!
(Siehe auch Sonderseite „Zwischen Weser und Rhein“.)