Die Vernichtung von Sachwerten ist allgemein nicht verstanden worden

Betretenes Schweigen

 

In den Tagen nach dem Pogrom forderte die Gestapo Bielefeld von Landräten und Bürgermeistern einen ausführlichen Bericht über die Vorkommnisse und Reaktion der Bevölkerung an - „in aller Offenheit und ohne jede Schönfärberei“.

Bielefelds Oberbürgermeister: „In der Bevölkerung ist das Verständnis für die Bekämpfung des Judentums unbedingt vorhanden, auch wird es allgemein als selbstverständlich hingenommen, wenn, um die Juden unschädlich zu machen, außerordentlich scharfe Maßnahmen zur Anwendung kommen. Gegen die Zerstörung der Synagoge ist im großen und ganzen auch nicht viel eingewendet worden. Die Art des Vorgehens gegen jüdische Geschäfte aber — Einschlagen der Schaufensterscheiben usw. - und damit eine Vernichtung von Sachwerten, die über kurz oder lang doch in arischen Besitz übergegangen wären, ist allgemein nicht verstanden worden. Des weiteren war in der Bevölkerung auch sofort bekannt, daß es sich hier nicht um eine spontane Entrüstung des Volkes gehandelt hat, sondern, daß hier ein Vorgang zur Auslösung kam, der organisiert war."

Der Landrat des Kreises Höxter: „Die Festnahme der männlichen Juden ist im Augenblick der Erregung über den Pariser Vorfall zunächst gebilligt worden. Als jedoch die verschiedensten Gerüchte über erfolgte Mißhandlungen bekannt wurden und als der öffentliche Abtransport der mehr oder weniger kläglich aussehenden Gestalten erfolgte, war zu beobachten, daß die Sympathie der Bevölkerung nicht bei dieser Aktion war. Völlig verurteilt ist die Zerstörung von Sachwerten."

In einem Schreiben an den preußischen Ministerpräsidenten in Berlin nahm der Regierungspräsident Minden, Freiherr von Oeynhausen, Stellung: „Im Gau Westfalen-Nord herrscht vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Staat, Partei, Wehrmacht und Wirtschaft. Die Bevölkerung des Regierungsbezirks Minden ist bestes Menschenmaterial, zur Hälfte evangelisch, zur Hälfte katholisch. Sie ist anständig im Charakter, gesund und zuverlässig und hat vollstes Vertrauen zum Führer. Über die von der Partei befohlene Aktion vom 9. bis 10. November herrscht dagegen - wie auf Verabredung - betretenes Schweigen. Man schämt sich."

[Bild: Mindestens 18 jüdische Geschäfte wurden in Bielefeld in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 demoliert. Die Gestapo kabelte nach Berlin: „Offen kritisiert wird in allen Kreisen der Bevölkerung die Vernichtung der Sachwerte.“      Foto: Stadtarchiv Bielefeld]