Zweierlei Maß
Was kann die Erinnerung an den 9. November 1938 nützen?
Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war für Deutschland eine Nacht der Schande. In dieser Nacht übersprang der amtlich inspirierte Terror gegen die Juden unwiderruflich die Grenze, die Zivilisatin und Mördergrube trennt. Etwa 7.500 jüdische Geschäfte wurden damals zerstört, fast alle Synagogen im Deutschen Reich, und etwa 100 Menschen kamen ums Leben. Mit jener Akribie, die das Brennen und Morden noch fürchterlicher macht, meldete der Chef der Sicherheitspolizei, Heydrich, schon am 11. November: „An Synagogen wurden 191 in Brand gesteckt, weitere 76 vollständig demoliert. Ferner wurden 11 Gemeindehäuser, Friedhofskapellen und dergleichen in Brand gesetzt und weitere drei völlig zerstört. Festgenommen wurden rund 20.000 Juden, ferner drei Arier und drei Ausländer. Letztere wurden zur eigenen Sicherheit in Haft genommen ...“
Wie konnte das alles geschehen?
Im Frühjahr 1933, nach „Machtübernahme“ und „Ermächtigungsgesetz“, hatte die antijüdische Kampagne mit Boykott-Aktionen gegen jüdische Geschäfte, mit dem Ausschluß nichtarischer Beamter und mit der Bücherverbrennung vor allem jüdischer Autoren offizielle Dimensionen angenommen. Mit den sogenannten Nürnberger Gesetzen vom 15. September 1935 „zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" wurden die Juden unter Sonderstatus gestellt. Von nun an wurde amtlich mit zweierlei Maß gemessen. Mit der Ermordung des deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in der Pariser Botschaft durch einen 17-jährigen deutschen Juden am 7. November 1938 erhielten die NS-Machthaber, voran Reichspropagandaleiter Goebbels, die Handhabe, einen „spontanen Volkszorn“ zu entfesseln. Mit einer Rede in München provozierte Goebbels die Angriffsbefehle für die SA und die Anweisungen für die Polizei, bei „spontanen Demonstrationen“ nicht einzugreifen.
Der Terror brach los.
Ich war damals sechs Jahre alt, das erste Jahr in der Volksschule. Ein paar Tage zuvor hatte ich, ganz unbeabsichtigt, einen Fußball in eine Kellerfensterscheibe gekickt, war schrecklich geschimpft und mit Taschengeldentzug bestraft worden. Nun war ich völlig fassungslos: daß erwachsene Menschen, manche in Uniform, riesige Schaufensterscheiben eintreten und einschlagen durften, mit Stiefeln und Steinen und mit voller Absicht. Mir wurde klar: Es wurde mit zweierlei Maß gemessen - eine Ordnung für Sechsjährige und diese Ordnung für Erwachsene. Dabei war die Kellerfensterscheibe vielleicht eine Mark wert. Den Wert der zertrümmerten jüdischen Glasscheiben bezifferte Heydrich auf 10 Millionen Mark.
Weil so viel Glas in Scherben ging, kam das Wort „Reichskristallnacht“ für das Pogrom auf. Als ich später einmal mit Bundeskanzler Schmidt darüber sprach, verbat er sich das Wort. Er hat recht. Es ist eine falsche Verharmlosung - so wie Hermann Göring als „Reichsmarschall“ ganz sympathisch erschien und eine Schauspielerin, die sich in einigen Filmen aus Liebeskummer ertränkte, zur „Reichswasserleiche" erklärt wurde. Und es steckt Zynismus darin - denn es ging damals viel mehr zu Bruch als Kristall.
Nennen wir es Schandnacht.
Jetzt, am 9. November, wird der Schandnacht gedacht; zentral in Frankfurt am Main, vielerorts in Deutschland, in Bielefeld in der Altstädter Nicolaikirche (Gedenkgottesdienst um 20 Uhr).
Was kann ein Gedenken an die Schandnacht nützen? Es kann nützen, wenn wir uns über die Abbitte an die Opfer von damals hinaus vornehmen, in unserer Zeit nicht mit zweierlei Maß zu messen: nicht die Menschen, mit denen wir leben; und auch nicht, wenn es darum geht, unsere Umwelt vor Verschandelung zu bewahren. Wenn ich an die Umwelt denke, scheinen mir die Gefahren nicht gebannt und noch nicht einmal richtig erkannt, solange die Kinder von heute zwar streng angewiesen werden, kein Papier auf die Straße zu werfen, sie aber zugleich erleben, wie die Flüsse und die Wälder und die Meere unter der Hand der Erwachsenen sterben.