Schläge, Fußtritte
Augenzeuge, der den Terror überlebte
Nur wenige der ehemals in Ostwestfalen beheimateten Juden überlebten den Holocaust. Einer von ihnen, Gustav Uhlmann, der nach dem Krieg nach Amerika auswanderte und dort 1953 starb, gab als Zeuge im Ermittlungsverfahren der Oberstaatsanwaltschaft Paderborn gegen die Gruppe von Höxteranern, die wegen ihrer Beteiligung. an den Terroraktionen der Kristallnacht vor Gericht standen, im deutschen Generalkonsulat in New York 1951 zu Protokoll:
„Ich habe in Höxter von 1925 bis 1941 gelebt und war als Angestellter in der Textilfirma I. Löwenstein tätig und In Höxter, Wegetalstr. 6 wohnhaft.
Die Vorfälle in der Nacht vom 9. zum 10; November 1938 sind mir In ihrer Brutalität unvergeßlich. Etwa um 2 Uhr in der Nacht wurde ich In meiner Wohnung von einer Horde uniformierter Leute aus dem Schlaf herausgeholt und gezwungen, nachdem ich mich notdürfig ankleiden konnte, mit diesen zu gehen. Wir wurden zum Rathaus geführt, wo mir der SA-Scharführer K. M. einen heftigen Fußtritt in das Gesäß versetzte, so daß ich die Treppe herunterfiel und mich am Schienbein verletzte.
Wir wurden dann In den Arrestzellen des Rathauses eingesperrt. Etwa eine Stunde später wurde mit schwersten Verletzungen und bewußtlos mein Glaubensgenosse David Schlesinger aus Albaxen hereingetragen. Er wurde sogar an seinen Gliedern hereingeschleift, so daß man keine Rücksicht darauf nahm, daß der Kopf dauernd auf der Erde aufschlug. Er ist noch dieselbe Nacht gestorben.
Ich wurde dann über das städtische Gefängnis In das Konzentrationslager Buchenwald verbracht, wo ich allerdings am 28. November 1938 als Kriegsbeschädigter entlassen wurde, um am 6. Dezember 1941 In ein Ghetto nach Riga verschleppt zu werden ...
Ich will auch erwähnen, daß mich M. auf dem Wege vom Rathaus zum städtischen Gefängnis mit einem harten Gegenstand derart mißhandelt hat, daß ich meine sämtlichen Vorderzähne einbüßte und Kopfverletzungen davontrug ...“
Laut Aussage eines leitenden Polizeibeamten vor dem Landgericht Paderborn befand sich wie Uhlmann auch der jüdische Arzt Dr. Richard Frankenberg im Rathauskeller, als Schlesinger blutüberströmt hereingebracht wurde. Auf seine Veranlassung hin habe der Arzt „den Schlesinger sofort an Ort und Stelle untersucht“. „Dr. Frankenberg“, berichtet der Polizeibeamte, „erklärte mir, daß Schlesinger einen doppelten Schädelbruch davongetragen habe und er jeden Augenblick sterben könne. Schlesinger gab keinen Laut mehr von sich. Er starb dann bald und Ist auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt.“