Die jüdische Gemeinde in Oerlinghausen um 1800

Einwohnerverzeichnis der jüdischen Familien von 1779-1804-1858 und 1874 sind auf dem letzten Blatt aufgeführt.

 

Im Jahre 1800 baute die jüdische Gemeinde zu Oerlinghausen ihre erste Synagoge. Diese war aus Holz und hat etwa 30 Jahre, bis zum Verfall gehalten.  Im Jahre 1832 waren Bestrebungen für einen Neubau im Gange.

Mit dem Bau der hölzernen Synagoge, für die man 300 Rth. von der Fürstlich Lippischen Leihekasse bekam, und die Genehmigung für eine Kollekte unter den Juden im Lande Lippe, wurde ein Schlußstein unter jahrelange Querelen der Oerlinghauser Juden untereinander gesetzt.  Vom heutigen Standpunkt aus gesehen, ist das was damals vor 1800 in der hiesigen jüdischen Gemeinde vor sich gegangen ist, etwas Unverständlich, aber für die damalige jüdische Gemeinde sicherlich ein ernstes Problem.

Im Jahre 1791 war eine Klage anhängig, diese lautete auf "Störung des Gottesdienstes". Es klagten die Schutzjuden Salomon David, David Hirsch und Michel Meier gegen den Schutzjuden Hirsch Heilbronn.  Was war geschehen? Es war viel geschehen, aber schon Jahre vorher.  Die Prozessakten dieser Zeit geben darüber, und über manches andere Auskunft. Seit etwa 1781 hatte die jüdische Gemeinde in Oerlinghausen einen Raum für ihren Gottesdienst gemietet, und zwar in einem Haus welches dem Amtmann Rötteken gehörte, und früher zu den Brachtschen Gütern gehört hatte (weIches es war steht noch nicht fest. D. Verf.). Eine Prozessakte von 1784 sagt aus das in jeden Gottesdienst das Lied Hacooljulucha gesungen würde, und zwar von 2 verheirateten Männern. Das Recht zum Singen mußte erkauft werden, zugunsten der jüdischen Armenkasse. Nun (1784 hatten einfach 2 unverheiratete Männer mitgesungen; das war Sabbatschändung. Das Gericht entschied das solches nicht sein dürfte, wenn jeder mitsingen würde dann käme ja kein Geld mehr in die Armenkasse.

Aber der Krach war da und hat sich wohl immer mehr ausgeweitet, um im Jahre 1791 den Höhepunkt zu erreichen. Denn nun geht plötzlich die oben erwähnte Klage los. Nach heutigen Maßstäben war es der Antrag auf eine einstweilige Verfügung, deren Inhalt lautete: Die Familien Hirsch Isaak, Solomon Michel und die Witwe Meyer anzuweisen, wieder am nächsten Gottesdienst teilzunehmen, oder jeden 50 Rtl. Strafe anzuhängen.

Folgendes hatte sich zugetragen: Am Vorabend des Neujahrstages fanden sich die Anfangs genannten 4 Familien im Gottesdienstraum ein und mußten feststellen das alle Geräte und die Lade mit den Torarollen verschwunden waren. Die Beklagten hatten sie heimlich abgeholt. Noch schlimmer war allerdings das nur 8 Mannspersonen über 14 Jahren anwesend waren, und die Vorschriften zur Abhaltung eines Gottesdienstes schrieben vor das es mindestens 10 Mannspersonen über 14 Jahren sein müßten. Was tun, man befand sich, wie in der Akte steht: in einer unbeschreiblichen Verlegenheit, 2 Stunden vor Anfang des neuen Jahres mußten wir los und die Gegend nach 2 Mannspersonen absuchen, und glücklicherweise fanden wir 2 Betteljuden. (Bis hierher wörtlich D. Verf.) Nun konnte der Neujahrstag beginnen. Aber schon wieder stand etwas Schlimmes bevor, denn der nächste Sabbat war langer Bettag; mindestens 24 Stunden und mindestens 12 Mannspersonen über 14 Jahre. Die beiden Betteljuden waren wieder weg, aber die 3 Beklagten Familien kamen.  (Wahrscheinlich hatte irgendeine Behörde geholfen - D. Verf.) Man wünschte sich ein Gutes schwarzes Jahr, und darauf gab es wieder einen Prozeß von dessen Ausgang wir nichts wissen.

Im November 1985

Fritz Soll sen.

Quellen: Staatsarchiv Detmold

L 108 Oerlinghausen

Nr.  301-302-303

 

Nachtrag: lm Jahre 1804 gab sich die jüdische Gemeinde zu Oerlinghausen eigene Statuten, in denen der Gottesdienst und das Leben untereinander genau, einschließlich der Strafen, geregelt war.

Jüdische Einwohner in Oerlinghausen

1779

Jude David - 6 Personen - Tönsbergstraße 6

Jude Scholum - 5 Personen - Tönsbergstraße 12

Jude Michael - 6 Personen - Hauptstraße 80

Jude Hirsch - 8 Personen - Hauptstraße 57

Jude Aron Meyer - 4 Personen - Hauptstraße 48

Jude Salomon - 4 Personen - Auf dem Berge 6

Jüdin Meyers - 2 Personen - Auf dem Berge 3

1804

Israel Marcus – Schullehrer

Leeser Solomon

Jonas David

Witwe Meyer

Michel Scholum

Menke Scholum

Isaac Heilbronn

1858

Leeser Lindemeyer - Colonat Nr. 11

Salomon Bornheim -  Colonat Nr. 10

Menke Windmüller

Salomon Jacob Paradies – Colonat Nr. 25

Ww. Jonas Meyer – Colonat Nr. 73

Isaak Meyer

Meyer Heilbronn – Colonat Nr. 49

1874

L. Lindemeyer

Hermann Bornheim

Heinemann Paradies

S. Grünewald

E. Windmüller

Jacob Paradies

Michaelis Bornheim

David Meyer

Isaak Meyer

M. Meyer

Selig Meyer