Sie werden erschossen
Willi Hankl, 76 Jahre alter Porzellanfachmann aus der Elbeallee 96 in Sennestadt, löste am Ostersonnabend, 31. März 1945, denn „Feindalarm“ für Bielefeld aus. Als Flugleiter war er der letzte Soldat auf dem Flugplatz Windelsbleiche. Der gebürtige Bayer wurde auf das Herannahen der Amerikaner aufmerksam, als er Schießereien aus Richtung Autobahn hörte: „Da habe ich mich aufs Fahrrad gesetzt, um nachzuschauen!“ Er legte sich neben der Autobahn in die Büsche und sah einen feuernden amerikanischen Panzer.
„Ich sofort zurück und den Feindalarm ausgelöst!“ berichtet Willi Hankl. „Als ich beim Kreisleiter Reineking im Sedanbunker anrief, brüllte mich dieser an, was mir einfiele. Er werde sofort kommen, um mich zu erschießen!“
[Bild: Willi Hankl]
Der letzte Soldat auf dem Flugplatz wußte aber, was zu tun war: Er verriegelte das Tor und entsicherte seine Pistole. „Wenn Reineking wirklich gekommen wäre“, so sagt er, „hätte ich auf ihn geschossen“.
Später erfuhr er, daß der Bielefelder Kreisleiter tatsächlich an jenem Abend bis in die Gegend von Cafe Busch kam, sich dort aber in die Büsche schlug und eine Offiziersuniform anzog. Seine „Goldfasanen“-Uniform fand man später dort im Wald.
Willi Hankl war es auch, der den Brackweder Bürgermeister Hermann Bitter als erster davon unterrichtete, daß auf amerikanischen Flugblättern die Forderung stand: „Panzersperren sofort auflösen, sonst Bomben auf Brackwede!“
Bitter hat die Sperren tatsächlich öffnen lassen. Er mußte das mit dem Leben büßen, worüber noch zu berichten sein wird.
Auf dem Flugplatz Windelsbleiche waren zuletzt eine Heinkel 111, die Maschine eines Generals in Münster, sowie ein Fieseler Storch stationiert. Deren Besatzungen bekamen kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner den Befehl, nach Mitteldeutschland und Berlin zu fliegen. Der Fieseler-Pilot, ein Unteroffizier, nahm jedoch Kurs auf die Eifel, landete auf einem Höhenrücken und stellte sich dort den Alliierten. Später war er Bademeister in Senne I.
Hankl selbst hatte Befehl, sich bei einer Flakbatterie zu melden. Er setzte sich ab, als die Amis am Ostersonntag am Flughafenrestaurant ein Maschinengewehr in Stellung brachten. An der Endstation Senne riet ihm ein deutscher Oberleutnant: „Mensch, hau ab nach Haus und vergrab deine Uniform acht Meter tief im Boden“. Hankl schlich sich im Dunkeln zu seiner am Buschkamp wohnenden Frau. Da standen die amerikanischen Panzer schon längst an der Buschkampkreuzung.
Auf die Amerikaner hält er große Stücke: ein farbiger Militärgeistlicher, der sich um die Bestattung der Gefallenen kümmerte, habe ihn und seine Familie abends oft besucht und Verpflegung mitgebracht: „Als er abkommandiert wurde, weinte er!“