Die Straße der Kriegsgefangenen in der Wistinghauser Schlucht
Stadtgeschichte - Die Wistinghauser Schlucht besitzt eine bewegte Vergangenheit. Sie war Passstraße mit Zollstelle, Arbeitsplatz für französische Soldaten und lieferte Holz für deutsche Schützengräben
[Bild: Französische Kriegsgefangene des Ersten Weltkriegs bauten um 1916 eine Straße in der Wistinghauser Schlucht. Bewaffnete Soldaten bewachen den Trupp der Arbeiter. | © Repro: Horst Biere / Quelle: AFM]
Oerlinghausen. Eine kleine Asphaltstraße führt von Währentrup hinauf in die Wistinghauser Schlucht. Eher unscheinbar und still schlängelt sie sich zwischen Tönsberg und Hunekenkammer durch den Wald, wird zur Schotterpiste und verläuft dann hinunter zum Segelflugplatz. Vor allem Wanderer, Jogger und Forstfahrzeuge nutzen sie. In früheren Zeiten allerdings besaß die Wistinghauser Straße mitten durch den Hauptkamm des Teutoburger Waldes eine wesentlich größere Bedeutung. Der ruhige Passweg wurde von Fuhrwerken wegen der geringen Steigung sehr gern befahren - in manchen Zeiten sogar häufiger als die Tönsbergstraße in Oerlinghausen.
Das erkannten auch die lippischen Grafen und sicherten sich am Sennerand eine zusätzliche Einnahmequelle. „Von etwa 1400 bis 1650 errichtete man auf der Südseite der Wistinghauser Schlucht, kurz vor der lippischen Landesgrenze in der Senne, eine Zollstation“, sagt Werner Höltke. Immer wieder hat er sich mit der Geschichte der Wistinghauser Schlucht beschäftigt.
Der Oerlinghauser Ortshistoriker vermutet, dass der kleine Pass hier schon zu Zeiten der Römer eine Rolle spielte. In späteren Jahrhunderten wurde es stiller in der Wistinghauser Schlucht, denn immer mehr Fuhrwerke rollten dann durchs Dorf Oerlinghausen.
Holzbedarf für die Stellungen der Soldaten in Flandern und Nordfrankreich
[Bild: In den Unterständen der Soldaten an der Front und auch für die Schützengräben brauchte man viel Holz. Gutachten haben später gezeigt, dass auch Holz aus dem Teutoburger Wald verbaut wurde. | © Repro: Horst Biere / Quelle: AFM]
Während des Ersten Weltkriegs aber gewann die Strecke oberhalb des Gutes Wistinghausen mit einem Mal enorm an Bedeutung. Größere Bautrupps aus französischen Kriegsgefangenen begannen, eine breite Kalkschotterstraße in der Nähe des Bachlaufs mit Schaufeln und Spitzhacken herzurichten. Der Grund war die zunehmende Holzknappheit in Deutschland. Holz bildete das wichtigste Baumaterial für den Grubenausbau der Kohlezechen und - mit fortschreitender Kriegszeit - als Verbauholz für die Schützengräben. Der Holzbedarf für die Stellungen der Soldaten und Unterstände in Flandern und Nordfrankreichs Kriegsgebieten wurde immer größer.
Als die Wälder an der Front in Nordfrankreich radikal gerodet worden waren, mussten die Hölzer von weit her importiert werden. „Archäologische Untersuchungen haben gezeigt“, sagt Karl Banghard, der Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums, „dass das deutsche Militär teilweise Fichten aus dem Schwarzwald und aus dem Teutoburger Wald heranschaffte“. Kiefern- und Fichtenholz habe bessere Eigenschaften bei Granatbeschuss als Eiche, da es biegsam ist. Die Splitter bleiben auch eher stecken, als dass sie abprallen. Karl Banghard: „Die Kiefern und Fichten aus unserer Region waren also kriegswichtig.“
Holz aus dem Teuto konnte leichter transportiert werden
Deshalb habe der Ausbau der Wistinghauser Straße wohl nur den Sinn gehabt, das Holz vom Teuto leicht transportieren zu können. Und Grund genug, dass von der Militärverwaltung französische, aber auch belgische Kriegsgefangene zur Verfügung gestellt wurden, die die Straße durch die Schlucht für die Holzfahrzeuge planierten. Als eine weitere Besonderheit der Wistinghauser Schlucht gilt ein unscheinbares, verrottetes Gebäude aus braunem Sandstein, das in Oerlinghausen unter dem Namen Malerhaus bekannt ist. „Dieses Haus diente erstmals Steinbrucharbeitern um 1870 als Unterkunft“, erzählt Werner Höltke. Denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann man, den Sandstein des Tönsbergs als Baumaterial zu nutzen.
Nach dem Ende der Steinbrucharbeiten wohnten immer wieder andere Personen in dem Gebäude. „In den Kriegsjahren ab 1941 lebten dort polnische Frauen, die man als Zwangsarbeiterinnen verschleppt hatte“, berichtet Höltke. Sie waren von den Behörden dem Gut Wistinghausen zugeteilt worden und hatten dort Feld- oder Hausarbeiten zu verrichten. Als diese nach Kriegsende in ihre Heimat zurückkehrten, zog der Maurermeister Heckmann für einige Zeit mit seiner Familie in das leerstehende Häuschen ein.
1960 übernahm der Kunstmaler Herbert Ebersbach aus Bielefeld das Gebäude, baute es in mühevoller Wochenendarbeit zu einem schönen Atelier um. Ebersbach, der an Bielefelder Schulen als Kunsterzieher lehrte, schuf vielbeachtete Werke mit Motiven der Wistinghauser Schlucht und der Senne in jener Zeit. Seit seinem Tod Mitte der 1980er Jahre wurde das Gebäude immer wieder mal bewohnt, ist aber jetzt völlig dem Verfall preisgegeben.
Auch ein Pumpenhäuschen gab es hier mal
Wer in der Schlucht nach weiteren Bauwerken forscht, der stößt am Weg entlang des kleinen Bachs auf ein kleines, verschlossenes Gebäude, das früher einmal als Pumpenhäuschen diente. „Die Eigentümer vom Gut Wistinghausen kamen im Jahr 1932 auf die Idee, Vorzugsmilch für Kinder herzustellen“, erzählt Werner Höltke. „Dazu benötigte man viel sauberes Wasser zum Spülen der Behälter und Flaschen“. In einem aufwendigen Verfahren bauten die Gutsbesitzer deshalb eine Wasserrohrleitung, die von der Quelle des Schnakenbachs am Tönsberg bis zum Gut führte. Das Pumpenhäuschen sorgte für den nötigen Druck des Quellwassers bis zur Gutsmolkerei.
Die Vorzugsmilch des Gutes muss vor allem in der Zeit des Zweiten Weltkriegs für die Versorgung der Region sehr wichtig gewesen sein. Über viele Jahre hinweg transportierte ein Lieferwagen des Gutes täglich in den frühen Morgenstunden die Milch nach Bielefeld. „Auch als jugendlicher Erntehelfer bekam man nach Arbeitsschluss die gute Milch als Erfrischung zu trinken“, erinnert sich Werner Höltke.