Als die Preußen Oerlinghausen erobern wollten
Stadtgeschichte
Seit Altersher wurde in Oerlinghausen die Mitsommerkirmes auf den Siebenbrüdertag (10. Juli) abgehalten. Weil dieser Tag alle paar Jahre auf einen Sonntag fiel verfügte die Kammer zu Detmold im Jahre 1718, daß der Jahrmarkt in diesem Falle Montags abgehalten werden solle. Er fand rund um die Kirche, z. T. direkt an den Gräbern statt.
Wenn ich nun die Kirmes des Jahres 1746 schiIdere, geschieht dieses in der Hauptsache unserer damaligen Oerlinghauser Schützen wegen, die immer dann aufgeboten wurden wenn die öffentliche Ordnung in Gefahr war. (Siehe auch Chronik der Oerlinghauser Schützengesellschaft - 1990). Getrunken wurde in den 3 Wirtschaften rund um die Kirche: Im Brachtschen Kruge (Hauptstraße 61 - abgebrochen), im Alten Vogt (Hauptstraße 53 früher Huwendiek) und im Nagelschen Kruge (Hauptstraße 68 - zuletzt Ehlebracht 1945 abgebrannt). Dieses muß ich vorrauschicken damit sich jeder Leser orientieren kann.
Das Protokoll dieser Kirmesschlacht umfaßt 27 Seiten und beginnt mit den Sätzen: "Seit altersher ist es üblich, daß am Markttage einige Schützen bestellt werden, welche die Schläger und Tumultanten auseinanderzubringen haben. Sie sollen sie in Arrest nehmen damit Mord und Totschlag vermieden werden. Der Untervogt und der Bauerrichter haben die Aufsicht und führen ein wachsames Auge".
Das Protokoll will ich nun in Berichtsform wiedergeben.
Am Kirmestagsmorgen hatte sich der Altknecht Philipsmann aus Heepen und Obermeyers Mühlenknecht, in Cramers Hause (Zuletzt Ravensberger-Hof) mit Bernd Blome aus Heepen geschlagen. Alle 3 wurden zum Amtshaus (Stadthotel) gebracht. Blome blutete an der Hand und am Kopf. Dort im Amtshaus wurden die 3 verhört. Während des Verhörs sammelten sich vor dem Amtshaus 50 Personen an, die Hälfte Ravensberger Untertanen, die andere Hälfte preußische Musketiere. Diese drangen unter Führung des Musketiers Frert, von Hauptmann Oswalds Kompanie in Bielefeld, in das Amtshaus ein und befreiten unter drohen und fluchen den arretierten Philipsmann. Nun übernahm ein Musketier Brune und ein Christoph Ramsel die Führung. Mit großem Geschrei zog die Menge durch Dorf und rief allen zu, die Marktstände umzuschmeißen. Aber vorher wollten sie den Wirt Nagel (früher Ehlebrachts Wirtschaft - Kommode!) hauen und schlagen. 30 Personen drangen in das Haus von Nagel, aber sie fanden ihn nicht. Sie durchsuchten aale Schränke - Stuben - Kammern - Keller und Boden. dann liefen Brune und Ramsel auf den Friedhof und entdeckten dort den Wirt Nagel der sich hinter einen Grabstein versteckt hatte, der Musketier Brune schlug nun mit seinen Pallas (Säbel) den Nagel auf den Kopf, daß dieser sogleich herniederfiel. Brune schlug immer weiter und als er müde wurde lösten ihn seine Kameraden im Schlagen ab. Als nun die Ehefrau vom Nagel gelaufen kam um nach ihrem Mann zu sehen, zog Brune erneut seinen Pallas um auch die Frau zu schlagen. Ein anderer Musketier schmiß sich dazwischen und nahm den Nagel hoch, trug ihn nach Haus, wobei er bemerkte, daß es ihm leid täte.
Die Schützen die für Ordnung sorgen soIlten, waren von den Musketiers blutig geschlagen und zogen sich zum Amtshaus zurück. Von hier aus wurden alle anderen Schützen alarmiert. Aber im Dorfe ging das Geschrei von neuen los. Nun mußte Nagels Bruder mit Namen Schlichting dran glauben und dann der Niebuhr aus Greste. Man hatte ihn ein paarmal mit dem Pallas geschlagen - dann mußte er sich mit Geld loskaufen.
Nun griffen die Schlägereien auch auf die Wirtschaft "Zum alten Vogt" über. Die dort Geschlagenen wußten sich nicht anders zu helfen, so das Protokoll, daß sie wie Hunde unter den gemauerten Braukessel gekrochen wären. Bei einen anderen der geschlagen wurde, wurde der Säbel krumm. Der Geschlagene mußte einen halben Gulden auf den Tisch legen, damit der Musketier seine Klinge richten lassen könne. Die Schlägerei entwickelte sich nun wieder nach draußen. Jetzt ging es den Krämern mit ihren Jahrmarktsbuden an den Kragen. Die Musketiere mit ihren Säbeln und die übrigen Ravensberger mit ihren dicken Knüppeln schmissen alles um und schlugen die Kirmes "vor sich her".
Als dieses geschehen war, wendete sich nun das Blatt. Sämtliche männlichen Einwohner und das 2. Schützenaufgebot widersetzten sich mit starker und gemeinsamer Hand den preußischen Musketieren und den Ravensberger Untertanen, bis sie gewichen sind. Einige wurden festgenommen und zur Amtsstube gebracht. Hier fanden lange Verhöre und Zeugenaussagen statt. Sämtliche Verwundeten wurden mit ihren Blessuren im Protokoll festgehalten.
Die festgesetzten Musketiere wurden anderntags dem Sergeanten Helmerding von Major Lücks Kompanie übergeben. Die Zivilisten wurden an den Amtmann zu Heepen ausgeliefert.
Im Protokollanhang befindet sich ein Attest des Chirurgen Sypolla wo dieser die Verletzungen des zerschundenen Nagels beschreibt, u. a. Absatz 4.: „im Gesichte unter dem rechten Auge mit blut beloffen die äugen leider gantz schwartz und sehr dick geschwollen“.
7/91 Fritz Soll sen.
Welcher Leser Interesse an einen Original - Protokoll - (Maschinengeschrieben übersetzt) hat, kann dieses im Herbst beim Stammtisch "Alt Oerlinghausen“ bekommen.