Als in Oerlinghausen auf einmal 100.000 RM fehlten
Stadtgeschichte
[Bild: Ordnungshüter: Die beiden Oerlinghauser Ortspolizisten Neese und Dreischmeier vor dem Stadthotel in den 1940er Jahren. Im Gebäudeteil hinter ihnen (heute Goldschmiede Hess & Rickert) lagen die Räume der Landessparkasse. (© Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv)]
Oerlinghausen. Die dramatischen Kriegstage Ostern 1945 hatten der Bergstadt sinnlose Opfer und viele zerstörte Häuser gebracht. Denn mit fanatisierten jungen Soldaten, die fast alle starben, hatte ein Nazi-Offizier versucht, die Bergstadt gegen die anrückenden alliierten Truppen zu verteidigen.
Nach dem Desaster bemühten sich einige Bürger, die öffentliche Ordnung wieder herzustellen, allen voran der Webereibesitzer Georg Müller. Gemeinsam mit dem stellvertretenden Verwaltungsleiter Wilhelm Butenholz, dem Apotheker Dr. Carl Wachsmuth-Melm und Weberei-Geschäftsführer Edwin Warneken berief er eine Bürgerversammlung ein. Das Nötigste waren die Strom- und Wasserversorgung, Lebensmittelzuteilung, Aufräumarbeiten, Schutz vor Plünderungen, Sicherstellung der Finanzen.
Die erste Schadensbilanz fiel dramatisch aus. Hinzu kam: Die Stadt besaß kein Geld mehr. Zwar hatte der Leiter der Landessparkasse, Dietz, noch kurz vor Ostern von der Reichsbank-Nebenstelle in Bielefeld 120.000 Reichsmark in kleineren Scheinen persönlich abgeholt, um Renten, Gehälter oder sonstige städtische Ausgaben bezahlen zu können.
Doch da die Stadt bereits von amerikanischen Panzern beschossen wurde, gelang es ihm nur, etwa 20.000 Mark über die Stadtkasse auszuzahlen. Dietz rief den Landrat in Detmold an und bat um Befehle, was mit den übrigen 100.000 Mark geschehen solle. Er solle das Geld im Tresor des Bürgermeisters sicherstellen, habe der Landrat gesagt. Das ist in einem Protokoll der Stadtverwaltung vom 11. April 1945 beschrieben.
Aber Bürgermeister Friedrich Möller, der 1933 von den Nazis ins Amt geholt wurde, war sofort nach dem Einmarsch der Amerikaner verhaftet worden. „Einige Stunden vor seiner Verhaftung ist Herr Bürgermeister Möller zu Herrn Dietz gekommen und hat in Gegenwart von Fräulein Elges eine braune Ledertasche mit RM. 80.000 zu RM. 100-Scheinen und RM. 20.000 zu RM. 20-Scheinen erhalten", steht im Protokoll. Doch wo diese Ledertasche geblieben ist, sei ungeklärt, stellt die dreiköpfige Finanzkommission aus Wilhelm Butenholz, Dr. Carl Wachsmuth-Melm und Edwin Warneken ernüchtert fest.
Wilhelm Butenholz war der Ansicht, dass sich das Geld im Panzerschrank des Bürgermeisters befinden dürfte. Als man ihn gewaltsam öffnete, war er leer. Dr. Wachsmuth-Melm wusste genau, dass Bürgermeister Möller bei seiner Verhaftung auch keine braune Ledertasche bei sich gehabt habe.
Ohne Bargeld lief bei den Aufräumarbeiten nicht viel. Butenholz hatte ausgerechnet, dass sich die ständigen Ausgaben der Stadt auf monatlich 25.000 Reichsmark beliefen. Man beschloss, eigenes Geld bei der Druckerei Blume anfertigen zu lassen. 500.000 Mark sollte im ersten Durchgang aus Blumes Druckmaschine kommen.
Nicht „Notgeld" - es sollten Gutscheine in Stückelungen von einer bis zu 50 Reichsmark sein. Die Entwürfe mit dem Oerlinghauser Wappen waren schon fertig - da griff die amerikanische Militärverwaltung ein. Geld wurde unter Aufsicht der Alliierten zugeteilt, Blumes Gelddruckmaschine brauchte nicht angeworfen zu werden.
Die Frage nach dem Verbleib der 100.000 Reichsmark konnte nicht geklärt werden. Sparkassenleiter Dietz hielt nach Zeugenaussagen den Bürgermeister für tatverdächtig. Möller war zwar von den Nazis ins Amt geholt worden, doch er galt in erster Linie als preußischer Verwaltungsmann, der sich früh der NSDAP angeschlossen hatte und von den Amerikanern bald nach seiner Verhaftung als „entnazifiziert" entlassen wurde.
Seine Schwiegertochter beschreibt ihn als „zwar Nazi, aber außerordentlich korrekt". Er habe prinzipiell eigene Vorteile nicht angenommen. Dass er das Geld wohl nicht besessen habe, zeige auch sein bescheidenes Leben nach dem Krieg in Cappel bei Blomberg.
Der Historiker Jürgen Hartmann hält eine andere Erklärung für wahrscheinlich: „Deutsche Soldaten, die im Rathaus einquartiert waren, haben sich wohl im Trubel der Kämpfe um die Stadt überall, bedient."