Flüchtlingskrise anno dazumal
Stadtgeschichte - Wie es Oerlinghausen nach dem Krieg gelang, Menschen mit Wohnraum zu versorgen - auch und vor allem durch das Engagement von Bürgermeister Heinrich Kramer
[Bild: Ein besonderer Tag: Viel Publikum kam zur Eröffnung des neuen Schulraums. Ende der 1950er Jahre wurde die damals sehr moderne Volksschule (heute Heinz-Sielmann-Schule) in Betrieb genommen. | © Repro: Horst Biere]
[Bild: Geschenk: Einen Bildband überreicht Schulrektor Bruno Hunke 1958 Bürgermeister Heinrich Kramer für den Neubau der Volksschule. Rechts sitzt Landespräsident Heinrich Drake. | © Repro: Horst Biere]
Oerlinghausen. Flüchtlingskrise - das Schlagwort unserer Tage besaß früher eine ganz andere Dimension. Nach dem Kriegsende 1945 strömten Millionen Menschen nach Westdeutschland und suchten ein Dach über dem Kopf, auch in Oerlinghausen. Die Einwohnerzahl der Bergstadt lag 1939 bei 3.600, Ende des Jahres 1950 war die Zahl auf etwa 5.000 angewachsen. Und das, obwohl viele Kriegsopfer zu beklagen waren.
Wohnraum war knapp, Hausbesitzer mussten Einquartierungen von Flüchtlingen und Vertriebenen akzeptieren. Familien, die bisher in einer eigenen Wohnung oder einem Haus lebten, hatten es hinzunehmen, dass noch zwei weitere Familien zum Beispiel aus Schlesien oder Ostpreußen dazukamen. Man musste seinerzeit Zimmer abtreten.
Brennholz für die Öfen suchen sich die Bürger im Wald
Die Bäder und Toiletten wurden statt von vier Personen jetzt von 15 Personen oder mehr genutzt. In den Küchen verabredete man separate Zeiten, in denen die Familien für sich kochten. Um die Räume, in denen nun die Flüchtlinge wohnten, zu beheizen, wurden weitere Öfen aufgestellt. Die Ofenrohre schloss man einfach zusätzlich an den Schornstein an. verheizbares Holz suchte man sich im Wald.
Häuser, Brennmaterial, Möbel, Schulen für die Kinder - es mangelte an allem. Die Oerlinghauser Stadtverwaltung, alle Verantwortlichen im Rathaus, waren pausenlos damit beschäftigt, den Zustrom von hilfesuchenden Menschen zu bewältigen - eine Riesenherausforderung für die Kommune.
Zu der Zeit gab es einen Wechsel an der Spitze der Stadtverwaltung: Heinrich Kramer wurde im Januar 1946 vom Landrat des Kreises Lemgo mit der Führung der Verwaltung in Oerlinghausen beauftragt. Die offizielle Bestätigung als Bürgermeister durch den Rat bekam der Sozialdemokrat knapp einen Monat später. Er löste damit August Reuter ab, der bis zur Machtergreifung der Nazis 1933 Oerlinghauser Bürgermeister war und nun, nach Kriegsende, von den britischen Militärbehörden kurzzeitig noch einmal ins Amt geholt worden war.
Heinrich Kramer war ein Macher. Mit vollem Einsatz ging er daran, die Nachkriegsflüchtlinge unterzubringen und die Oerlinghauser Bürger mit dem Nötigsten zu versorgen. Sein langjähriger Weggefährte Fritz Broscheit schreibt später: "An einem einzigen Tag mussten einmal sogar 132 Heimatvertriebene in Oerlinghausen untergebracht werden."
Es waren dringend neue Häuser erforderlich, neue Baugebiete mussten in der Bergstadt erschlossen werden. Wie organisiert man das? Die Idee einer Wohnungsbau- und Siedlungsgenossenschaft wurde geboren. Einer der Gründerväter war Bürgermeister Kramer.
Die ersten neuen Siedlungshäuser entstanden auf der Hanegge, weitere Wohngebiete und Straßen kamen hinzu: am Bruchweg, Mehrfamilienhäuser an der Emilien- und Marienstraße. Ein großes Wohnungsbaugelände insbesondere für Flüchtlinge erschloss die Oerlinghauser Kommune mit der sogenannten Roten Erde. Ein Gebiet entlang der Detmolder Straße Richtung Helpup. Straßennamen wie Königsberger Straße, Breslauer Straße oder Heidersdorfer Straße gaben den neu zugezogenen Flüchtlingen so etwas wie Heimatgefühl. Und im Süden der Bergstadt begannen Anfang der 1950er Jahre die Bauarbeiten am Wehrenteich.
Auch die Situation in den Schulen war durch den Zustrom untragbar geworden. Noch vor der Währungsreform im Jahre 1948 veranlasste Heinrich Kramer einen Erweiterungsbau für die Volksschule, heute das Gebäude der Stadtverwaltung. Bei den Betonarbeiten legt er sogar selbst mit Hand an.
Auf Kramers Betreiben hin wurde später die damalige Rektorschule zum Progymnasium erhoben, und eine ganz neue Schule, die Hauptschule mit einer angegliederten Turnhalle, stand dann auf der Agenda. Die Halle an der heutigen Ravensberger Straße war die erste Sporthalle der Bergstadt.
1960 startet das größte Bauprojekt der Stadtgeschichte
Das Meisterstück in Sachen Stadtentwicklung gelang Heinrich Kramer jedoch im Süden Oerlinghausens. Durch sein Verhandlungsgeschick und seine guten Beziehungen zum damaligen Landespräsidenten Heinrich Drake und zum Landesverband gelang es ihm, große Flächen des Hofes Sültemeier für die Bergstadt zu erwerben. Im Austausch für ein anderes Gelände stand schließlich ein Areal von 50 Hektar Baugelände zur Verfügung. Die Planungen für einen neuen Stadtteil konnten beginnen. 1960 startete das größte Bauprojekt in der Geschichte Oerlinghausens, die ersten Häuser der Südstadt wurden errichtet.
In elf Jahren, von 1949 bis 1960, entstanden in Oerlinghausen etwa 630 neue Wohnungen. Die Zahl der Einwohner wuchs um rund 1.300. Durch die Südstadt kamen von 1961 bis 1969 noch einmal 1.800 Menschen dazu, so dass Oerlinghausen zum Zeitpunkt der kommunalen Neuordnung 7.580 Einwohner zählte.
Heute zählt die Stadt Oerlinghausen, nach der Eingemeindung von Helpup und Lipperreihe, knapp 17.000 Einwohner.
Information
Altbürgermeister Heinrich Kramer
• Heinrich Kramer (geb. 1910) war Bürgermeister von Februar 1946 bis September 1965. Von 1949 bis 1969 gehörte er auch dem Kreistag des Kreises Lemgo an.
• Der gelernte Metallfacharbeiter war seit 1928 Mitglied der SPD. Als begeisterter Turner und Sportler schloss er sich bereits in jungen Jahren der Arbeitersportbewegung an und zählte auch zu den Mitbegründern des TSV Oerlinghausen.
• Er engagierte sich stark für die Wiederbelebung des Segelflugsports nach dem Krieg. Viele Jahre war Heinrich Kramer Vorsitzender der Flughafengemeinschaft Oerlinghausen.
• Er starb am 9. März 1987.