Wenn sie Pistolen gehabt hätten

Stadtgeschichte - Es gab heftige Reibereien, als vor 50 Jahren

 

[Bild: Ewald Berkemeier - hier bei der Begrüßung des Jugendmusikkorps Bad Kissingen - verlor sein Helpuper Bürgermeisteramt nach der Gebietsreform 1969. | © NW-Archiv]

Oerlinghausen, Helpup und Lipperreihe zu einer Stadt zusammengelegt wurden. Eine Protestwahl danach strafte die Politiker ab

Oerlinghausen. Es war keine Liebesbeziehung, wohl eher eine Zwangsheirat, was damals Ende der 60er Jahre in Oerlinghausen, Helpup und Lipperreihe passierte. Die kommunale Neuordnung verlangte überall im Lande die Zusammenlegung von kleineren Städten und Gemeinden zu größeren Kommunen. Am 1. Januar 1969 war es soweit: Helpup und Lipperreihe wurden mit Oerlinghausen zur Bergstadt Oerlinghausen zusammengeführt.

Aber im Vorfeld gab es heftige Reibereien, es wurde kräftig gerauft und geschachert. Oerlinghausen Bürgermeister Heinrich Schildmann, der 1965 Heinrich Kramer im Amt abgelöst hatte, forderte bereits lange vor der Neugliederung, „auch die Gemeinden Asemissen, Bechterdissen und Greste in die neu zu bildende Großgemeinde Oerlinghausen einzubeziehen“. Der Oerlinghauser Stadtrat ging sogar noch weiter und vertrat die Ansicht „dass auch die Eingliederung der Gemeinden Leopoldshöhe, Krentrup, Schuckenbaum und Nienhagen in die neue Großgemeinde zweckmäßig wäre.“ Interessanterweise hätten sich seinerzeit die Asemisser, Grester und Bechterdisser Bürger gern Oerlinghausen angeschlossen und hatten bereits dafür gestimmt.

Lipperreihe wollte zu Sennestadt

[Bild: Bürgermeisterwahl-Krimi 1969. Nach der öffentlich ausgetragenen Wahl im Saal des Stadthotels gratuliert Heinrich Schildmann (SPD) (re.) seinem Nachfolger Konrad Dreckshage (FDP). | © NW-Archiv]

Doch es kam anders. Um eine vernünftige Gemeindegröße zwischen den Zentren Bad Salzuflen/Schötmar und Oerlinghausen von mindestens 10.000 Einwohnern zu bilden, so hatte Kreisplaner Köstering argumentiert, müsse es eine Großgemeinde Leopoldshöhe mit Asemissen, Bechterdissen, Greste, Schuckenbaum, Nienhagen und Bexterhagen geben. Der damals SPD-geführte Oerlinghauser Stadtrat war recht zufrieden mit der Entscheidung des Kreises und letztlich mit der neuen Rolle als Kommune gemeinsam mit Helpup und Lipperreihe. Nicht jedoch alle Bürger und schon gar nicht die beiden ehemals selbstständigen Gemeinden.

[Bild: August Prante - hier beim Richtfest der evangelischen Kirche im Oktober 1961 - war Lipperreihes Bürgermeister bis 1965. | © NW-Archiv]

Lipperreihe zum Beispiel wehrte sich heftig gegen die Eingemeindung nach Oerlinghausen. Viel lieber wäre man zu Sennestadt hinübergewechselt, das damals auch noch selbstständig war. Argumente dafür gab es: die räumliche Nähe, die Verkehrsanbindung, die Schulwege. Lipperreihes Bürgermeister Heinz Heidbrink, der den langjährigen, beliebten Bürgermeister August Prante abgelöst hatte, startete mehrere Initiativen, um zur Nachbarstadt zu kommen. Immer wieder gab es Informationsveranstaltungen in Lipperreihe, in denen die Emotionen hochkochten.

Horst Steinkühler, der seinerzeit als junges Oerlinghauser Ratsmitglied auf einem turbulenten Info-Abend im Pollmannskrug dabei war, sagte später humorvoll: „Wenn sie Pistolen gehabt hätten, ich glaube, die hätten auf uns geschossen.“

Helpup war ein Sonderfall

Helpup war ein Sonderfall bei der Gebietsreform 1969. Gerade erst zwölf Jahre zuvor hatte man die Gemeinde Helpup aus der Taufe gehoben, eine Kommune, die aus den Dörfern Währentrup, Mackenbruch und Wellentrup sowie Teilen von Greste, und Kachtenhausen entstand. Bis 1957 war Helpup nur eine inoffizielle Bezeichnung für die Gegend um die Kirche und den Alten Krug. Da wollte man natürlich die jüngsterworbene Eigenständigkeit wahren.

Und so stemmte sich Helpups Bürgermeister Ewald Berkemeier mit aller Kraft gegen die Eingemeindung. Bereits vorher hatte er vehement die Interessen eines Groß-Helpup im Kreis vertreten, denn er setzte alles daran, um als erste lippische Gemeinde in den 60er Jahren ein eigenes Hallenbad zu betreiben. Auch wenn die Kosten riesig und zum Teil unüberschaubar waren.

Vor der Gebietsreform 1969 pokerte er ebenfalls hoch. So planten Berkemeier und sein Gemeindedirektor Fritz Bollhorst eine eigene Großgemeinde Helpup mit den Dörfern Asemissen, Greste, Kachtenhausen und Wellentrup zu etablieren. Auch ein Gymnasium solle hier angesiedelt sein. Die Entscheidung der Kreisplaner in Lippe fiel jedoch gegen Berkemeiers Vorstellungen von einer eigenständigen „Talgemeinde“ aus. Walter Knörrich, der heutige Initiator vieler Helpuper Aktivitäten, erinnert sich: „Das Kirchturmdenken war damals eben sehr stark ausgeprägt, ist leider zum Teil heute noch nicht ganz überwunden, im Sinne von: die da oben und wir hier unten.“ Auch die Grenzziehung zwischen Oerlinghausen und Leopoldshöhe war einen Zankapfel. So lag die Helpuper Bahnhofstraße nun zum Teil auf Oerlinghauser und zum Teil auf Leopoldshöher Gebiet. August Rettich, der langjährige Gastwirt des Alten Kruges, sagt: „Es zeugte von wenig Weitsicht der Verantwortlichen, wenn Straßenanwohner und Nachbarn auf einmal in zwei Gemeinden lebten.“

Die Bürgermeisterwahl war ein echter Krimi

Nun aber, mit Beginn des Jahres 1969, waren die Würfel gefallen und die Gemeindegrenzen neu festgelegt. Doch die Bürger verpassten den Politikern drei Monate später einen kräftigen Denkzettel. Bei der Kommunalwahl am 23. März 1969 verlor die SPD erstmals ihre absolute Mehrheit, blieb aber mit etwa 47 Prozent stärkste Fraktion.

Die FDP mit Konrad Dreckshage an der Spitze erhielt etwa 27 Prozent, die CDU mit Hubert Hölz etwa 25 Prozent. Die Bürgermeisterwahl im Stadthotel sollte sich danach zu einem echten Krimi entwickeln. Aber mit knapper Mehrheit setzte sich Konrad Dreckshage gegen Heinrich Schildmann durch.

Doch die FDP-CDU-Koalition endete schon nach sechs Jahren. Zur Kommunalwahl 1975 hatten sich die Wogen wieder geglättet, und die SPD und ihr neuer Bürgermeister Erich Diekhof übernahmen wieder das Ruder. Die drei Kommunen Oerlinghausen, Helpup und Lipperreihe hatten sich offenbar aneinander gewöhnt.