Aus dem Leben eines Oerlinghauser Ziegelmeisters

Von Werner Höltke

 

Nach dem Niedergang der Leinenherstellung um 1850 mußten sich die Hausweber aus der Not heraus andere Erwerbsquellen suchen. Viele der Weber wurden Zigarrenmacher und blieben der heimischen Region treu. Andere verdingten sich als Ziegler auf den Ziegeleien im In- und Ausland und erwarben sich dort einen guten Ruf. In Oerlinghausen gab es 1895 an der Detmolder Straße allein elf Ziegelmeister, von denen einige auch auf weit entfernt liegenden Ziegeleien den Betrieb leiteten.

Irgendwann im vorigen Jahrhundert wird sich der Fleiß und die Tüchtigkeit der lippischen Ziegler und Ziegelmeister bis zum Auswärtigen Amt in Berlin herumgesprochen haben. Jedenfalls erhielt der in Oerlinghausen wohnende Ziegelmeister August Reuter 1891 von dort einen Vertrag zugeschickt, der vorsah. daß er für drei Jahre in die damalige deutsche Kolonie Kamerun fahren könnte. Er sollte dort Ziegeleien einrichten und die einheimischen Männer das Brennen von Ziegelsteinen lehren. Diese Aufgebe reizte den jungen Ziegelmeister und er nahm das Angebot, das wir heute als Entwicklungshilfe bezeichnen würden, an.

Aus seinen Lebenserinnerungen, die er im 80. Lebensjahr erzählte und von seiner Nichte aufgeschrieben wurden, ersieht man, daß sein Leben von schönen und schlechten Zeiten und vor allem durch Arbeit geprägt war.

Am Anfang seines „Lebenslaufes“ erzählte August Reuter, daß er als Sohn des Ziegelmeisters Carl und Henriette Reuter, geb. Niehaus, aus Pottenhausen, am 28. November 1854 in Oerlinghausen geboren wurde. Von seinen sieben Geschwistern waren um 1880 zwei nach Amerika ausgewandert. Gerne erinnerte er sich an ein Jugenderlebnis, als er am Gut Niederbarkhausen beim Schütteln eines Walnußbaumes vom Förster gefaßt wurde: „Er sperrte mich in den alten Barkhauser Wehrturm. Als ich mich nach kurzer Gefangenschaft an dem Glockenseil hinunterließ, fing die Glocke an zu bimmeln. Ich bin dann über eine Mauer gesprungen und durch den nahe liegenden Grütewald nach Hause gelaufen.“

„Nach meiner Konfirmation im Jahre 1868 zog ich auf eigenen Wunsch mit meinem Vater in eine Ziegelei im dänischen Westjütland. In jener Zeit konnten wir schon den größten Teil der Strecke mit der Eisenbahn zurücklegen. Hier habe ich gleich als Geselle schwer arbeiten müssen. Später war ich als Ziegelmeister noch mehrmals in Dänemark, und zwar auf Seeland, Fünen, Falster und auf Laaland. Infolge meiner Sprachkenntnisse hatte ich dort viele Freunde. Dabei habe ich auch manche vergnügte Stunde in Dänemark erlebt. Die letzten sieben Sommer vor meiner Kamerun reise habe ich auf der 1864 deutsch gewordenen Insel Fehmarn gearbeitet.“ Inzwischen halte er die am 11. November 1859 in Oerlinghausen geborene Lina Nolte geheiratet. Nach der Geburt der ersten Kinder war es im elterlichen Hause an der Detmolder Straße sehr eng geworden, und er erwarb in unmittelbarer Nähe einen Bauplatz. Bei den Vorbereitungen für den Hausbau erfolgte die Berufung von Berlin für seinen Arbeitseinsatz in Kamerun. Es wird in der Dorfschaft Oerlinghausen sicherlich Aufsehen erregt haben, als August Reuter von hier Abschied nahm und von seiner Frau zum Hamburger Hafen gebracht wurde.

[Bild: Der Betrieb einer Ziegelei in Kamerun 1891. Unter der Palme die Ziegelmeister August Reuter und Wilhelm Korte, rechts ein Regierungsbeamter. Quelle: Sammlung des Verfassers]

Nach ihrer Rückkehr mußte sie sich in Oerlinghausen manches anhören, wobei der Ausspruch des Oerlinghauser „Originals“ Adolf Wültners: „Lina, hoffentlich fressen die Schwarzen deinen Mann nicht auf", noch jahrelang erzählt wurde. Sie hoffte, daß sie ihren August nach drei Jahren gesund wiedersehen würde. Mit an Bord war auch der Ziegelmeister Korte aus Helpup, der das gleiche Ziel wie er hatte.

Nach neun Tagen erreichte das zur Woermann-Linie gehörende Dampfschiff den Hafen von Funchal auf Madeira. Während das Schiff zum Kohlennachfüllen zwei Tage im Hafen lag, machte er mit Korte einen Ausflug in das bergige Hinterland. Da Madeira über keine eigenen Kohlenvorkommen verfügte, wurden die Kohlen von England herangeschafft. Nach weiteren drei Wochen Fahrt kam das Schiff im Hafen von Duala in Kamerun an.

„Meine Erinnerungen an Kamerun waren die große Hitze, die wunderbare Vogelwelt und die Pracht der großen Schmetterlinge. Auch die kleinen und großen Schlangen möchte ich noch erwähnen, Im Urwald gab es viele wilde Tiere. Erstaunt war ich darüber. daß dort die Frauen die schwerste Arbeit verrichten mußten."

Von seiner Arbeit auf den Ziegeleien wollte er ein anderes Mal berichten. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen, doch aus seinen Briefen und späteren Erzählungen konnte man entnehmen, daß die Ziegelmeister in Kamerun viel bewirkt haben.

Bemerkenswert ist, daß die Briefmarken von seinen Briefen schon auf der Oerlinghauser Poststelle abgelöst wurden. Der da malige Postverwalter Beckmann erahnte schon den Wert der seltenen Kamerunmarken der Jahre 1891 bis 1892. Da der Ziegelmeister Korte aus Helpup das schwülheiße Klima im Inneren des Landes nicht vertragen konnte, haben sie nach 18 Monaten ihren Aufenthalt in Kamerun beendet. Für die Rückfahrt nach Hamburg brauchte das Schiff wegen des schlechten Wetters sieben Wochen. August Reuter hieß seitdem in Oerlinghausen nur noch „Kamerun-Reuter“, und er mußte sich oft die Frage gefallen lassen, ob er nicht ein paar Reuter-Neger zurückgelassen habe. Erwähnenswert ist sicher, daß sich in seinem Rückreisegepäck auch sieben junge Papageien befanden. Von diesen konnte er sechs in Hamburg verkaufen. Den buntesten brachte er mit nach Hause. Er bekam einen großen Käfig, der im Sommer seinen Platz in der Veranda an der Straßenseite hatte. Von hier sprach der Papagei, der auf den Namen Männe hörte, die Vorbeigehenden mit seinem großen Wortschatz an, den ihn die Kinder des Hauses gelehrt hatten. Wenn er den Leuten einen guten Tag zurief. hat mancher zurückgegrüßt. Noch heule erinnern sich Zeitzeugen an den Papagei, wenn er „Lina, Kaffee kochen" oder „Männe hat Hunger", sagte. Er gehörte 29 Jahre zum Haus und als er 1921 starb, waren nicht nur die Hausbewohner traurig. Während seines einjährigen Aufenthalts in der Heimat hat sich August Reuter um den Fortgang der Bauarbeiten an seinem Hause und auch um das Bepflanzen des Gartens gekümmert. Die Bestätigung seiner guten Arbeitsleistungen in Kamerun wurde ihm in einer erneuten Berufung des Auswärtigen Amtes nach Jassy in Rumänien zuteil.

[Bild: Das Wohnhaus von August Reuter an der Detmolder Straße 36 um 1910. Quelle: Sammlung des Verfassers]

Bei dem Aufstellen von modernen Ringbrennöfen. verbunden mit der Einweisung von dortigen Arbeitern in den Betrieb, sollte er als Ziegelmeister erneut Entwicklungshilfe leisten. Im Jahre 1893 heiß es wieder von seiner Familie und dem neu erbauten Haus Abschied nehmen. Er blieb dort drei Jahre und mußte bei seiner Heimkehr feststcllen, daß sich seine Familie wieder vergrößert hatte. Achtmal hat er erlebt. daß im Herbst nach seiner Rückkehr von einer Ziegelei ein Kind geboren war.

Von 1896 hat er noch drei Jahre auf einer Ziegelei in Böhmen und danach auf mehreren Ziegeleien in Deutschland gearbeitet. In einer Ziegelei bei Osnabrück wurden ihm beim Einstellen einer Presse mehrere Rippen gebrochen. Dank seiner guten Kondition konnte er nach drei Wochen seine Arbeit wieder aufnehmen. Wenn er im Spätherbst von den Ziegeleien nach Hause kam. hat er sich in der hiesigen Gegend um Arbeit bemüht. So hat er u.a. bei Bau eines Verbindungsdammes vom Schiefernsteinbruch zu einer Zementfabrik und beim Errichten eines Tennisplatzes im Park der Gebr. Müller geholfen. Sehr oft arbeitete er auch in der Zigarrenfabrik seines Bruders Carl und verdiente sich mit Zigarrenmachen Geld. Mit 66 Jahren gab er seinen Beruf als Ziegelmeister auf und hat sich danach bei der häuslichen Garten- und Feldarbeit wohl gefühlt.

In dem Haus, welches August Reuter 1891 bauen ließ, bin auch ich geboren und aufgewachsen. In Erinnerung habe ich noch die langen Winterabende, wenn mein Großvater sich seine lange gebogene Pfeife ansteckte und wir Kinder andächtig seinen Erzählungen vom Zieglerleben lauschten. Hierbei spielten die Reise nach Kamerun und die im Urwald gesehenen wilden Tiere die Hauptrolle. Die bisweilen übertrieben großen Schlangen, Löwen und Krokodile hinterließen bei uns einen starken Eindruck.

Wenn bei seinen Erzählungen die Pfeife ausging, steckte er sie an einem hohen gußeisernen Ofen mit einem Fidibus wieder an. Daß der Kasten mit dem aus Furnierstreifen bestehenden Fidibussen nicht leer wurde, dafür hatten wir Kinder zu sorgen. Nachdem das Licht in der Stube eingeschaltet war, kamen zweimal in der Woche die Altersgenossen meines Großvaters zum Skatspielen. Dies waren sein Bruder Ernst Reuter, der Schneidermeister Hermann Stieghorst. der jüdische Nachbar und Viehhändler Julius Windmüller und der Polizeidiener Heinrich Müssmann. Wenn sich die alten Herren zu arg erzürnt hatten, kam meine Großmutter und schenkte ihnen einen Wacholder ein.

Erwähnen möchte ich noch, daß August Reuter über 50 Jahre Mitglied im Oerlinghauser Schützenverein war. Leider konnte er im Sommer selten an den Schützenfesten teilnehmen, da er in dieser Zeit auf irgendeiner Ziegelei beschäftigt war. Später, nach Aufgabe seines Berufes, hat er bis ins hohe Aller noch an manchem Schützenfest und an Festlichkeiten des Gesangvereins teilgenommen.

Den Umbau des Hauses hatten der Ziegelmeister August Reuter und seine Ehefrau Lina nicht mehr erleben können. Nachdem sie noch 1941 ihre Diamantene Hochzeit feiern konnten, sind sie 1943 bzw. 1947 verstorben. Der große Garten hinter dem Haus, in dem früher Kartoffeln und Gemüse angebaut wurden und in dem mein Großvater oft nach getaner Arbeit seine Pfeife vergaß, ist heute mit Rasen und verschiedenen Obstbäumen besetzt.

Literaturhinweis:

Werner Höltke. Alt-Oerlinghausen und seine Umgebung. Ansichten und Geschichten, Leopoldshöhe 1997.