Eine Zieglerfamilie in Oerlinghausen um 1900

Nach mündlichen Überlieferungen meines Vaters und schriftlichen Aufzeichnungen meines Onkels

 

Seit unserer Kindheit war es bei uns zu Haus nicht anders gewesen, daß unser Vater (der Großvater des Verfassers) etwa Anfang bis Mitte März nach Ochtrup bei Münster auf die Ziegelei fuhr.  Er war dann für uns Kinder im Sommer einfach nicht da.  Den ganzen Sommer über hatte Mutter also die gesamte Familiengewalt in ihren Händen.  Diese „Gewalt“ wußte sie auch auszuüben, um bis Anfang Dezember, wenn Vater wiederkam, einigermaßen und ohne große Schulden über die "Runde" zu kommen.  Vater nahm einen Ganzen Schinken und eine halbe Seite Speck mit, aber nicht für sich allein, sondern er nahm schon seinen "Ältesten" Karl mit.   Da Johanne auch schon außer Haus war, mußte sich Mutter nur noch mit 3 Jungen und einem Mädchen abplagen.  

Aber bald sahen wir Vater wieder, und das war jedes Jahr so. Am Gründonnerstag kam Vater wieder von Ochtrup zurück, und fing mit Mutter am frühen Karfreitagmorgen an zu graben.  Sie hatten neben dem Land welches zu ihrer Wohnung gehörte, noch extra 4 Scheffelsaat gepachtet.  Wenn das Wetter gut war, ging ja alles seinen Gang, aber wenn es regnete, dann mußten sie sich 2-3 mal am Tage umziehen, so durchnäßt waren sie.  Aber sie hielten durch, denn am Ostermontag Mittags fuhr Vater wieder ab, und wir Kinder sahen ihn den ganzen Sommer nicht wieder.  Mutter zwar auch nicht, aber sie hätte können wenn sie gewollt hätte.  Vater lud sie jedes Jahr ein nach Ochtrup zu kommen wenn dort die Sommerkirmes war, aber Mutter wollte nicht.  Den Kindern sagte sie dann immer: "Oh, das ist viel zu teuer!" Aber ob das wirklich der Grund gewesen ist? Wir wissen es nicht, nur eins wissen wir, das Mutter mit ihren "Reisen" nie über Detmold (Hermann) hinausgekommen ist.  

Nun wo Vater weg war, ging auch für uns Kinder die richtige Arbeit los.   Jetzt wurden Kartoffel gepflanzt, das war die Hauptsache.   Hacken und Anhäufeln mußten die Jungen machen.  Das Mädchen mußte den Haushalt in Ordnung halten, denn Mutter hatte eine Nebenbeschäftigung.  Sie ging zu anderen Leuten, die sich für wenig Geld das leisten konnten, als Wäscherin.  Da Mutter bei einen Lebensmittelhändler arbeitete, bekam sie kein Bargeld als Lohn, sondern mußte für den vereinbarten Lohn Lebensmittel zu Ladenpreisen mit nach Haus nehmen.  (Auf diese Art und Weise wurde an dem vereinbarten Lohn auch noch verdient.  Der Verf.) Da zwei Schweine im Stall waren und im Sommer in der Hauptsache ihr Grünfutter bekamen, war auch dieses eine Aufgabe der Jungen, und so konnten sie schon mit 12 Jahren mit der Sense umgehen und das Gras mähen, was ja viel leichter war als das mühevolle schneiden mit der Sichel.  So ging für Mutter der Sommer schnell dahin, vorausgesetzt sie war nicht in Umständen, denn Zieglerkinder kamen von Ende August bis Ende November zur Welt.  (1901 wurden im zweiten Halbjahr doppelt so viel Kinder geboren wie im ersten Halbjahr - bezogen auf Oerlinghausen.  Der Verf.)

Anfang Dezember kam Vater zurück.  Das war für einen Ziegler reichlich spät, aber Vater mußte nachbrennen, d. h.   er kam nicht eher bis die letzten Steine aus dem Ofen waren.  Der Junge von 15 Jahren den er den Sommer über mit hatte, war schon 4 Wochen früher nach Haus gekommen.  In dieser Zeit bemühte er sich mit seinen Brüdern, bis zu Vaters Heimkehr möglichst viel Brennholz aus dem Walde nach Haus zu schaffen.  Meist handelte es sich um Baumstümpfe - Knüwe -, die gerodet werden mußten, oder um Fallholz.  

Als erstes, wenn Vater zu Hause war, legte er Mutter den verdienten Lohn in blanken Goldstücken auf den Tisch.  Anderes Geld nahmen die Ziegler nicht.  Er zog ein besorgtes Gesicht wenn Mutter davon einige Stücke wegnahm, um doch evtl.  gemachte Schulden davon zu bezahlen, vielleicht eine Arznei - der Apotheker schrieb an - oder notwendige Textilien, und was sein konnte die Hebamme.  Dann aber nahm Vater den großen Rest und brachte ihn gleich am anderen Tage zur Sparkasse, denn echte Lipper sparen!!! Vater versuchte nun für die 3 Monate wo er zu Haus war eine Nebenbeschäftigung, oder wie man damals sagte "eine Winterarbeit“ zu bekommen.  Manchmal hatte er Glück mit Steineklopfen an der Straße.  (Hier wurden grob gebrochene Kalksteine zu Schotter zerschlagen.) Vielleicht brauchte auch ein Bäcker einen Mann zum Holzsägen.  

Im März rundete sich dann das Zieglerjahr, und alles fing wieder von vorn an.  

Was sonst noch im Zieglerjahr geschah davon nächstes Mal.  

 

im Mai 1985

Fritz Soll sen.