Erinnerungen an eine Zieglerfamilie (um 1900)
Nach Aufzeichnungen meines Onkels und mündlichen Überlieferungen meines Vaters.
Es ist Herbst, das Laub fällt von den Bäumen. Für die Kinder deren Väter noch auf Ziegelei sind - und das sind viele - kommt eine neue Aufgabe neben den vielen anderen. Nun muß Laub geholt werden. - Buchenlaub. Es wird zum streuen des Schweinestalles gebraucht. Nur Stroh hierfür zu nehmen, wäre zu teuer, da man es ja kaufen müßte. Die Kinder bekommen also vom Haushaltsvorstand, im Sommer immer die Mutter, den Auftrag: Jetzt wird Laub geholt. An Geräten wird dafür eine Holzharke und ein großer Sack gebraucht. Mutter sagt noch: „Geht in den Landerbusch und holt dort Laub, denn dort ist es erlaubt“. Aber wir Jungen wußten es besser, denn dort lag kaum etwas Laub. Also rein in den Menkhauserberg, dort lag genug, nur es war nicht erlaubt; nein es war sogar verboten. Die Nachbarjungen hatten denselben Auftrag, und gingen alle mit. Das Ziel war der Mühlenweg. (Hinter dem Schützenplatz an der Südseite des Berges. (D. Verf.) Es ging alles wie am Schnürchen, man brauchte nur das Laub in den Sack zu stopfen so hoch lag es dort, bis, ja bis plötzlich einer rief: "Mottenfrittken kümmt!!"
Alle suchten nun ihr Heil in der Flucht, denn "Mottenfrittken" war der Gendarm des Dorfes Oerlinghausen, und der war gefürchtet, weil er sehr flinke Beine hatte. Es kam wie es kommen mußte, einen erwischte er. Dieser eine mußte an Ort und Stelle die Namen der anderen angeben, und die "Tatwerkzeuge“ (Harken und Säcke) zum Amt bringen, denn sie waren beschlagnahmt. Die geflüchteten Laubholer erzählten zu Haus die ganze Geschichte, aber mit der Zeit kam sie in Vergessenheit.
Aber auf dem Amt war nichts vergessen!!!
Als Vater kurz vor Weihnachten von der Vogelmanschen Dampf-Ziegelei in Hiltrup bei Münster wieder nach Haus kam, dachte keiner mehr an das verflixte Laubholen. Am 3. Januar aber erschien plötzlich Herr Vorwerk, seines Zeichens Gefangenenaufseher in Oerlinghausen, und hatte einen Strafzettel über 3 Mark in der Hand. Vater schluckte, sah minutenlang aus dem Fenster, drehte sich um und legte die 3 Mark auf den Tisch und sagte. "Hier Herr Vorwerk nehmen sie das Geld gleich mit. Adjö Herr Vorwerk" Es herrschte unheimliche Stille. Herr Vorwerk ging und als die Haustür hinter ihm zufiel da legte Vater los: "Dreu Mark. Dreu Mark vo nicks wat. Keun Lauw und dä Harken es auk nau weg!"
Wir Kinder mußten jede Woche einmal mit der kleinen Schiebkarre nach Bäcker Böger zum Brot holen. Für 3 Mark bekamen wir 3 große Brote a 1,20 Mark und ein 50 Pfennig Brot, das machte mit Rabatt zusammen genau 3 Mark.
Im Juni 1985
Fritz Soll sen.