Badeanzug aus Poliermull gestrickt

Von Helga Beißner - Vor 50 Jahren: Der Kampf um das Überleben prägte auch in Lippe den Alltag

 

Als mich der Strom der Nachkriegszeit aus meiner schlesischen Heimat hier in Lippe an Land spülte, hatte ich nicht mehr als eine Schiffbrüchige. Die Kleidung, die ich trug, und eine etwas größere Handtasche aus Leder mit den wichtigsten Toilettenartikeln war alles, was ich besaß. Hier waren es neben Kamm und Zahnbürste, Unterwäsche zum Wechseln, ein Handtuch, ein Knirps (Kostbarkeit), Taschentücher, Strümpfe und ein paar leichte Turnschuhe.

Ja, nun ging in Lippe der Kampf ums Überleben los! Kapital besaß ich nicht, denn ich hatte mein Sparbuch sowie Schmuck und Kleidung in den Koffern und dem Rucksack, die ab Januar 1945 meine und meiner Mutter Fluchtbegleiter waren, in Prag verloren, wo wir in den Aufstand der Tschechen geraten waren.

1947 war das Jahr meiner Volljährigkeit und darum kann ich mich noch sehr gut daran erinnern, mit welchen Tricks und Finessen wir Flüchtlinge, genau wie auch viele Einheimische und Ausgebombte versuchten, den Lebensstandard aufzubessern.

Im Jahr des Zusammenschlusses mit NRW ging es uns schon wieder einigermaßen gut. Hungern mußten wir in Blomberg nicht mehr. Meine Mutter und ich hatten beide einen Arbeitsplatz gefunden. Wir wohnten im evangelischen Pfarrhaus in zwei kleinen Zimmern, die wir teilweise mit eigenen Möbeln ausgestattet hatten. Mutter arbeitete in einer Nähstube und hatte dadurch die Möglichkeit, ab und zu an alte Gardinen aus Tüll, mal eine Decke oder auch zerrissene Bettwäsche zu kommen. Daraus wurden dann nach Einfärben und ideenreichem Zuschneiden Blusen, Kleider, Röcke und sogar ein Mantel hergestellt.

Ich arbeitete im Büro einer Stuhlfabrik. Hier wurde „kompensiert", und wir erhielten von unserem Chef einmal im Jahr Salzheringe oder Kartoffeln und auch Kohlen. Das waren alles sehr gefragte, von uns dringend benötigte Zuwendungen als willkommene Bereicherungen unserer Lebensmittelkarten. Wir hatten jeden Abend - nach einem achtstündigen Arbeitstag - und natürlich an den Wochenenden, immer etwas vor. Da war Holz im Wald zu sammeln und mit einem geliehenen Bollerwagen nach Hause zu befördern. Einmal war er uns der Wagen, als wir noch nicht so geschickt damit umgehen konnten, umgekippt und wir mußten den ganzen Segen noch einmal aufladen. Es war ein Wunder, daß wir nach dieser Arbeit noch unser Heim vor Beginn der Sperrstunde erreichten.

Im Herbst 1947 hatten wir eine reiche Ernte in Bucheckern und Pilzen. Wir sammelten also beides und tauschten die Bucheckern in Öl ein, während wir die Pilze, nachdem wir sie von einem Kenner untersuchen ließen, trockneten beziehungsweise einen Teil sofort verwendeten. Unter Alleebäumen Fallobst zu finden war schon ein reiner Glücksfall und nur dann möglich, wenn wir uns vor der Arbeit nach Sonnenaufgang auf den Weg machten. Abends streiften wir noch über die abgeernteten Felder, um ein Beutelchen Tekebohnen oder eine Tasche Kartoffeln zusammen zu suchen.

Bald hatte sich herumgesprochen, daß im benachbarten Niedersachsen auf die Lebensmittelkarten größere Portionen zugeteilt wurden. Ich lieh mir also von unserem Pastor ein Fahrrad und fuhr an einem Samstagmorgen gen Bad Pyrmont. Auf dem Hagen, der schon zu Niedersachsen gehörte, konnte ich günstig einkaufen. Bald hatte ich das Rad links mit einer vollen Tasche behängt und machte mich auf den Rückweg. Auf dem Heimweg mußte ich in Richtung Barntrup einen recht steilen Berg hinunterfahren. Als ich frohgelaunt die rasante Abfahrt nahm und mein Lenkrad fest in den Händen hielt, landete ich unversehens im Graben. Neben mir lagen aufgeplatzte Mehl- und Zuckertüten vermischt mit weiteren Lebensmitteln. Als ich dem Pastor das etwas ramponierte Rad zurückgab, meinte er, daß er vergessen habe, mich darauf aufmerksam zu machen, daß die Griffe am Lenker lose seien. Nun, ich war auch so dahintergekommen, doch mein Einkauf war leider zum größten Teil verdorben.

In der Stuhlfabrik, in der ich beschäftigt war, gab es zum Polieren der Sitzmöbel große Lagen Poliermull. So wie sich viele Leute aus aufgeribbelten Zuckersäcken Kleidung strickten, versuchten wir es mit diesem Mull. Wenn unser Werkmeister aus seiner Zuteilung etwas übrig hatte, konnten wir es erwerben. Ich bekam also auch einen Teil, und da ich gut mit der Stricknadel umgehen konnte, beschloß ich, mir davon einen Badeanzug zu stricken, damit ich im Sommer einmal wieder meinem Lieblingssport,- dem Schwimmen, frönen konnte. Ich schnitt also mit Hilfe meiner Mutter den Mull in dünne Streifen und verstrickte diese zu einem schönen weißen Badeanzug.

Als ich stolz mit meiner neuen Errungenschaft im Blomberger Freibad ins Wasser tauchte, sog sich der verstrickte Mull derartig mit Wasser voll, daß der Badeanzug wie ein Brett von meinem Körper abstand. Es blieb mir nichts anderes übrig, als schnellstens eine Umkleidekabjne aufzusuchen und mich meines schweren, unhandlichen Kleidungsstückes zu entledigen. Ich mußte also wohl oder übel noch bis nach der Währungsreform warten, bevor ich einen Richtigen Badeanzug bekam.

An den langen Winterabenden fabrizierten wir aus Stroh lange geflochtene Bänder, die wir zu Schuhsohlen zusammennähten. Mit Hilfe von Stoffresten, die auf die Sohlen aufgenäht wurden, stellten wir leichte Sommerschuhe her, die wir bei gutem Wetter tragen konnten, zum Teil mit Keilabsatz. So war dem Einfallsreichtum keine Grenze gesetzt, und wir mogelten uns durch die schlechten Zeiten, ohne zu bemerken, wie sich die Welt um uns politisch und wirtschaftlich veränderte. Wir waren glücklich, daß der Krieg zu Ende und wir dem Grauen entronnen waren. Nun konnte es nur noch besser werden.