Über die Verarmung der Einlieger im Lippeschen
Vortrag im landwirthschaftlichen Local - Verein des Amts Oerlinghausen - gehalten vom Amts-Assessor Meyer am 15. Februar 1845.
Es ist das allgemeine Zugeständniß, daß die Einlieger, oder vielmehr diejenigen, welche keinen Grundbesitz haben, immer mehr verarmen und nicht ferner bestehen können. Der von der Verarmung und Noth bedrängte Theil der bürgerlichen Gesellschaft ist die größte Anzahl der Bevölkerung, namentlich in hiesiger Gegend. Die Einlieger find die vorzüglichsten Consumenten der landwirtschaftlichen Producte und es sind ihre Interessen daher mit denen der Landwirthe auf das engste und einflußreichste verbunden. Es liegt deshalb im statutenmäßigen Zweck des landwirtschaftlichen Vereins, die Ursachen der Verarmung der Einlieger zu erforschen und die Mittel zu erwägen, derselben abzuhelfen und vorzubeugen; und es wird nicht unpassend gefunden werden, wenn ich in dieser Versammlung auf den Zustand der s. g. Einlieger die Aufmerksamkeit ihrer Mitglieder hinzulenken suche und mit ihnen zu berathen wünsche, wie die Noth derselben abzuhelfen in den Kräften des Vereins liegt. Forschen wir zunächst nach ihrer Entstehung.
Die meisten Einlieger hiesiger Gegend find Weber und Spinner. Schon seit längerer Zeit sind durch Verbrauch des Maschinengarns und durch die Concurrenz fremder Leinen die Garn- und Linnen-Preise sehr gefallen; es ist mithin der Verdienst der Spinner erheblich vermindert. Dagegen find die Erwerbsquellen durch das Zunehmen der Ziegelarbeit und durch die Beschäftigung auf den Eisenbahnen ergiebiger geworden. Nicht allein ist daher die Zunahme der Noth der Einlieger in jenen mißlichen Handels - Conjuncturen zu suchen.
Eine andere Erscheinung der Zeit scheint mir mehr auf die Quelle der Verarmung hinzuweisen. Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die größeren Grundbesitzer, d. h. diejenigen, deren einzige Erwerbsquelle der Ackerbau Lurch ihren Grundbesitz ist, so kann uns nicht entgehen, daß dieselben in dem gleichen Zeitraum, in welchem die Einlieger immer mehr verarmten, in auffallender Weise wohlhabender geworden find. Der Zusammenhang ist einfach. Durch den langjährigen Frieden ist die Zahl der Einlieger, nicht aber der Ackerbautreibenden enorm vermehrt, alle wollen wohnen, essen, nicht frieren. Die Nachfrage nach Wohnung, Speise und Holz übersteigt die Vorräthe; nothwendige Folge ist die Erhöhung der Preise jener unentbehrlichsten Bedürfnisse. Der Grundbesitzer ist der glückliche Inhaber derselben; er erhält gute und durch die zunehmende Bevölkerung anscheinend gesicherte Preise für sein Korn; die Miethweise für Wohnung und Ackerland haben sich fast verdoppelt, die Holzpreise verdreifacht; der Grundwerth ist nicht minder um 100 Procent gestiegen; vorzüglich derjenigen Grundstücke, welche zu Neuwohnerstätten veräußert werden. Dagegen haben sich ihre Ausgaben nur wenig vermehrt, im hiesigen Lande durch den Zollanschluß und durch den in Folge desselben entstandenen Steuernachlaß vielmehr nicht unbedeutend vermindert; der Lohn ihrer Dienstboten, der Tagelohn ist nur gering erhöht und es ist diese Erhöhung nicht einmal aus dem guten Willen der Dienstherren, sondern durch die durch zufällige und vorübergehende Umstände vermehrte Ziegelgängerei, wodurch die hiesigen Arbeiter vermindert wurden, hervorgegangen.
Die Grundbesitzer entgegnen, daß nicht sie die schlechten Handels - Conjuncturen verschulden, daß sie nicht unrecht, nicht unmoralisch handeln, wenn sie die durch die Übervölkerung ihnen gebotenen Vortheil, ärndteten. Aber nicht so ganz unschuldig sind sie am gesteigerten Gewinn, nein, sie wenden Mittel an, die Noth zu steigern und dadurch höhere Preise zu erzwingen; sie vermindern ihre Hülfe, welche die Existenz der Einlieger befördern muß.
Ein solches Mittel sind die Holz- und Korn-Auctionen, besonders diejenigen auf Credit. Wenn gegen diese auch nach bestehenden Rechten nichts erinnert werden kann, so ist doch deren anerkannter Erfolg die Verdopplung der Holzpreise; sie sind daher ein gesetzlich priviligirter Wucher, schlimmer als der gesetzlich verbotene Zinswucher, da das unabweißichste Bedürfniß die Einlieger zwingt, sich ihm zu opfern. Tadelnswerth muß es insbesondere erscheinen, wenn die Auctionen angekündigt, eine Nasse Menschen dazu herbeigelockt und, wenn einige Groschen weniger geboten werden, als früher, mit dem Verkauf Anstand genommen wird, um größeres Bedürfniß eintreten zu lassen. Nicht schlechter ist das Mittel der Korn-Speculanten, welche die Getraide-Vorräthe aufzukaufen suchen und sie nicht eher verkaufen, bis die Noch ihnen enormen Gewinn verschafft.
Es dürfte nur noch den Grundbesitzern belieben, die für Einlieger vorhandenen Wohnungen zum Meistgebot auszusetzen, so würde ohne Zweifel auch deren Miethpreis verdoppelt werden; man hat jedoch bisher wegen des Bedürfnisses, Arbeiter zu haben, sich damit begnügt, die Miethweise um 3 bis 5 Thlr. zu erhöhen und diese Erhöhung durch die Gefahr der Kündigung der Miethe erzwungen.
Sodann haben die Grundbesitzer durch die Theilung der Gemeinheiten den Einliegern ohne jeden Ersatz die ihnen vor denselben zustehenden Nutzungen auf den Gemeinheiten entzogen, so daß die wenigsten noch im Stande sind, eine Kuh zu halten. Während so schon die dürftigen Mittel der Einlieger beknappt sind, entzieht man ihnen von Tage zu Tage mehr die Hülse, welche ihnen zum Erwerb unentbehrlich ist. Es ist in hiesigem Amte fast kein Grundbesitzer vorhanden, welcher, außer zu seinem häuslichen Bedürfniß und wo sein Eigennutz gebietet, Leinsamen aussäet. Nur für die Kötter, welche für einen Taglohn von 3 Mgr. und freie Kost für ihre Miethsherren arbeiten müssen und hin und wieder für die Dienstboten werden einige Metzen Landes mit Leinsamen bestellt. So sind z. B. nach mir gemachter Mitheilung im vergangenem Jahre von den 12 ersten Colonen der Bauerschaft Wellentrup für 22 Kötter nur 5 Scheffelsaat mit Leinsaamen bestellt; in den übrigen Bauerschaften hiesigen Amts soll kein besseres Verhältniß vorhanden sein. Auch klagt man darüber, daß die Bestellung in eine Saat verwiesen werde, in welcher ein guter Flachs nicht mehr erzielt werden könne. Wegen des geringen Flachsbaues sind unsere Spinner genöthigt, den bedürftigen Flachs von Speculanten aus dem benachbarten Preußen anzukaufen; sie müssen dafür Preise zahlen, welche vom gesponnenen Garn nur einen geringen Verdienst übrig lassen.
Die geschilderten Verhältnisse machen es erklärlich, wie die Einlieger immer mehr verarmen, die Grundbesitzer dagegen wohlhabender werden. Die Armuth, die Noth jener bedroht aber das allgemeine Wohl und gefährdet den gegenwärtigen, Staat, während der überflüssige Wohlstand dieser ohne allgemeinen Nutzen ist. Mögen die Grundbesitzer nicht glauben, daß durch Almosen eine irgend erhebliche Hülfe gewährt wird; solche sind nur augenblickliche Linderung der Noth. Nur die Übereinstimmung des Erwerbes und der Ausgabe sind das einzige Mittel, die verderbliche Verarmung der Einlieger zu verhindern. Wenn ich daher durch diesen Vortrag zur Förderung dieser Übereinstimmung des Erwerbes und der Ausgabe mir einige Vorschläge erlaube und um deren sorgsame und gewissenhafte Überlegung die Mitglieder des Vereins bitte, so bezwecke ich weniger, das Mitleid zu erwecken; ich führe vielmehr das eigne Interesse der Grundbesitzer als Motiv vor, indem ihr Besitz in der Verhinderung der Noth der Nichtbesitzenden sein Gedeihen findet. Wie viel mehr können sie sich ihres Gutes erfreuen, wenn sie ihre nicht begüterten Mitbrüder nicht darben sehen; wie behaglicher werden sie sich in ihrem Wohlstand suhlen, wenn dieser auf eigner Thätigkeit uns nicht auf die Verarmung jener gebaut ist, wenn der Arme nicht mit Mißgunst und Erbitterung auf sie, als die Urheber ihrer Noth, hinblickt. Und wie viel größer ist ihr Verdienst, wenn sie aus freiem Willen und menschlichem Gefühl Opfer bringen zur Verhinderung der Verarmung, als wenn das Gesetz die Despotie des Grundbesitzes beschränkt. Meine an die Mitglieder des landwirthschaftlichen Vereins berechneten Vorschläge sind folgende:
1) Man schaffe die Holz- und Korn-Auctionen, insbesondere die aus Credit, ab.
Zur Bestimmung des Preises möge von den Taren in den herrschaftlichen Waldungen der Maaßstab genommen werden. Wir haben ja Brod- und Fleisch-Taren, warum nicht auch Holz-Taren? Der Grund für solche Taren liegt in der Verhinderung der Übertheurung der unentbehrlichsten Lebens-Bedürfnisse, findet also beim Holz seine volle Anwendung. Was entgegensieht, sind außer dem wucherlichen Gewinn nur anfängliche Unbequemlichkeiten. Bei den Korn-Auctionen zeigt sich am deutlichsten die Berechnung, durch dieselben und durch den bewilligten Credit höhere als die Marktpreise zu erlangen und der Erfolg dieser Berechnung, da der Verkauf des Strohs an sich landwirtschaftlichen Principien entgegen ist.
2) Jeder Landwirth gebe einen verhältnißmäßigen dem Bedürfniß entsprechenden Theil seiner dazu geeigneten Ackerländereien zum Flachsbau gegen Bezahlung billiger Pacht und Erstattung der weiteren Kosten desselben her.
3) Es werde der Lohn der Dienstboten im Verhältniß der gegenwärtigen Bedürfnisse derselben erhöht.
4) Jeder Landwirth verzichte auf die Verpflichtung seiner Einlieger, für ihn zu arbeiten; die Hülfe dieser sei freiwillig und beruhe auf ohne Zwang vereinbarten Lohn.
5) Die Erhöhung der Mietpreise für Wohnung und Land darf nicht von der zunehmenden Bevölkerung abhängen.
6) Die Veräußerung von Grundstücken zur Errichtung von Neuwohnerstätten werde auf jede Weise erleichtert.
Diese Vorschläge finden theils in meinem Vortrage, theils in dem Princip, daß der Landwirth den Alleinbesitz des Grundeigenthums nicht zur Steigerung der Preise der unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse benutze und die Noth ausbeute, sondern vielmehr lediglich der Erwerb der Nichtbesitzenden den Maaßstab ihrer Ausgaben abgebe, ihre Motivirung.
Wenn die Grundeigenthümer diesen Vorschlägen Gehör geben, so können sie noch neben dem Schutz ihres Besitzes das süße Gefühl der Wohlthätigkeit, der Trost der Kranken und Arbeitsunfähigen zu sein, aus dem ihnen zu Theil gewordenen Gute mehr als irgendein anderer Stand der Gesellschaft sich verschaffen.
Um eine sorgsame Prüfung meines Vortrages bitte ich noch einmal dringend.