Der Fassbauer vom Simonsplatz
[Bild: Oerlinghausens letzter Küfer war Simon Diekmann. In seiner Werkstatt fertigte er Fässer und Bottiche aller Arten und Formen aus Holzbrettern. (© Repro: Horst Biere)]
Oerlinghausen. Er war der letzte seiner Zunft weit und breit. „Küfermeister Simon Diekmann - Holz- und Korbwarenhandlung" stand auf einem Schild vor seinem Haus am Gehrenberg Nr. 4, unmittelbar am Simonsplatz. Ein Küfer, mancherorts auch Böttcher genannt, stellte Holzgefäße wie Wannen, Eimer und Bottiche, vor allem aber Fässer her. „Ich erinnere mich daran, dass ich als Siebenjähriger mit meinen Freunden Mitte der 1930er Jahre durch die dort gelagerten offenen Holzfässer gekrochen bin", erinnert sich Werner Höltke. Der Oerlinghauser Ortshistoriker hat sich schon vor längerer Zeit intensiv mit dem Leben des letzten Oerlinghauser Küfers befasst.
Simon Diekmann war ein alter Handwerksmeister von echtem Schrot und Korn. 1855 in Lage geboren, ging er schon als Jugendlicher mit seinem Vater „auf Ziegelei". Doch das Zieglerleben gefiel ihm offenbar nicht, denn schon in frühen Jahren sattelte er um und begann eine Ausbildung zum Küfer (Böttcher) in seiner Heimatstadt. Und da in Lage schon zwei Betriebe am Markt waren, zog er nach Oerlinghausen, um hier eine Werkstatt zu eröffnen - zusammen mit seiner jungen Frau, die als Tochter eines Küfermeisters aus Lage ebenfalls aus der Branche stammte. In einer Scheune des Kaufmanns Ludwig Pustkuchen an der Alexanderkirche startete Simon mit der Produktion von Holzbehältern und auch Korbwaren.
[Bild: Der Blick aus Diekmanns Ladengeschäft zeigt den alten Simonsplatz, der nach Simon Diekmann benannt wurde. (© Repros: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv)]
Die geschnittenen Eichenbretter kommen aus Asemissen
Die Chance auf ein eigenes Geschäftshaus eröffnete sich für Diekmanns im Jahre 1888, als man ihnen ein Grundstück am Gehrenberg - am späteren Simonsplatz - anbot. Hier, in unmittelbarer Nähe der Hauptstraße und nicht weit von der Kirche entfernt, war wohl seinerzeit die beste Geschäftslage der Dorfgemeinde. Im Ladengeschäft des neuen Hauses verkaufte man nun Flechtkörbe und Holzgefäße aller Arten und Größen. In der Werkstatt stellte der Küfermeister mit Schälmessern, Beilen, Hämmern und viel handwerklichem Geschick beste wasserdichte Holzbehälter her. Sein Rohmaterial, die geschnittenen Eichenbretter, lieferte ihm ein Pferdefuhrwerk vom Sägewerk Bobe in Asemissen.
Viel solide Handarbeit brauchte es, um ein Bierfass beispielsweise für die Brauerei Becker herzustellen. Werner Höltke sagt: „Nach dem passenden Zurechtschneiden der schmalen Bretter wurden sie in einem Waschkessel weichgekocht, damit man sie biegen konnte und sie so in eine gewölbte Fassform brachte." Um die Bretter zusammenzupressen, halfen ihm gelegentlich seine Frau und seine Töchter Marie und Else. Die Zwischenräume dichtete Simon Diekmann mit getrockneten Schilfhalmen ab. Hatte das Fass nun seine richtige Form, so schlug der Küfermeister mit einem Hammer die Eisenreifen auf das Behältnis.
Große Teile des Umlands von Oerlinghausen versorgte Diekmann mit seinen Holzbehältern. Sauerkrautfässer für die Haushalte, Jauchefässer für die Bauern, große Bottiche für die Papierfabriken Stenneberg in Stukenbrock und Tenge in Dalbke - vor allem leichtere Holzeimer für Maurerarbeiten und zum Füttern der Haustiere. Auch schmale Butterfässer, in denen durch Stampfen die Milch entrahmt wurde, gehörten zu seinem Verkaufsprogramm. Sogar Holzwannen produzierte er. Sie fanden in Oerlinghausens öffentlichem Bad ihre Verwendung, das die Familie Kespohl an der Marktstraße betrieb.
Um 1900, als Miele die ersten Holzbottich-Waschmaschinen auf den Markt brachte, sah Simon Diekmann ein ähnliches Modell bei einem Küfermeister in Pivitsheide. Sofort erkannte er, welch große Arbeitserleichterung so eine Waschmaschine mit einem drehbaren Holzkreuz bringen konnte. Mit einem Holzschwengel konnten eine oder zwei Personen die Wäsche im Inneren des Bottichs hin und her bewegen. Diekmann bekam die Genehmigung zum Nachbau und belieferte seitdem auch die wohlhabenderen Haushalte mit den moderneren Holzbottich-Geräten, die den Waschtag deutlich erleichterten.
Simon Diekmann erkannte das Ende seiner Zunft
Doch Simon Diekmann erkannte immer mehr, dass die Zeit der Küfer dem Ende entgegenging. Denn auch die besten handgefertigten Behälter aus Holz hatten allmählich keine Chance mehr gegen die in Fabriken rationell und maschinell hergestellten Waren. Und so riet er auch seinem Sohn Gustav ab, den Beruf des Küfers zu ergreifen.
Mehr und mehr spezialisierte sich die Familie auf den Laden und den Verkauf von Korbwaren. Die Familie flocht die Körbe auch nicht mehr selbst, sondern kaufte sie von Großhändlern ein. Nach Simon Diekmanns Tod im Jahre 1939 führten die Töchter Else und Marie - die von Oerlinghausern mit einem Augenzwinkern nur „Küfertanten" genannt wurden - das Geschäft mit Holz-, Stoff- und Kunststoffwaren weiter bis ins Jahr 1964.
Diekmanns Haus wurde erst bei der Neugestaltung der Innenstadt im Jahr 2000 abgerissen und durch ein neues Gebäude ersetzt. Doch der letzte Küfer Oerlinghausens bleibt unvergessen - Simon Diekmanns Vornamen wählte die Stadt Oerlinghausen bei der Namensgebung des Simonsplatzes. Die Nachbarn hatten es vorgeschlagen, die Bäckerstochter Ruth Böger und der Uhrmachermeister Georg Sprenger.