Charakterzeichnung der lippischen Bauern
Auszug aus einem Artikel aus den „Ravensberger Blätter“
Aus dem Jahre 1784 liegt uns eine ausführliche Abhandlung „Beitrag zur Charakteristik der Lippischen Bauern" vor, als deren Verfasser der damalige Oerlinghauser Pfarrer von Cölln zeichnet und die wir ihres kultur- und heimatgeschichtlichen Interesses wegen auszugsweise hier wiedergeben wollen, wobei wir zur Wahrung des unmittelbaren Eindrucks möglichst die vorliegende zeitgenössische Form beibehalten. Unser alter Gewährsmann berichtet:
So tätig wie im südlichen Teile von Deutschland ist das Volk hier nicht; aber arbeitet es einmal, so beschickt es auch ungleich mehr als jenes. Es ist schwer zu rühren, ist es aber in Bewegung, so kann man auf die Fortdauer seiner Empfindung bauen. Es liebt den Kampf, und jagen, schöne Pferde haben, sowie einen starken Arm, ist ihm Ehre! Treu und bieder ist es im ganzen noch.
Verrat ist ihm Schande und Diebstahl die größte, unverzeihlichste Sünde. Es ist verschlossen und zur Menschenscheu geneigt, teilt sich spät und schwer mit, aber dann auch mit ganzem Herzen. Seine Leidenschaften äußern sich nicht bald, aber tun sie es, so sind sie über alle Vorstellung heftig. Es hat ein lebendiges Gefühl für Freiheit und besteht mit einem oft unerträglichen Starrsinn auf seinem Recht. Es sieht nicht selten seine Herrschaft als seinen Feind an, der ihm nicht wohl will, und das ist traurig. Ein Lipper sieht außerordentlich aus Ehre! Wer freundlich mit ihm redet, ihn ruhig anhört, der kann viel von ihm haben; wer es aber in diesen Dingen versäumt, dem traut er nicht. Der geringste Schein von Verachtung bringt ihn auf, und dann ist er zu allem fähig.
Der lippische Bauer liebt starke Speisen. Gewöhnlich isst er viermal des Tages: morgens ein Frühstück, „Jmbt" genannt, mittags, nachmittags (Vesperbrot) wieder reichlich, am stärksten aber abends, was er „Nachtmahl" nennt. Nach eingenommener Abendmahlzeit legt er sich gleich zu Bett. Morgens steht er um 2, spätestens um 3 Uhr auf und verrichtet seine Hauptarbeit in den Morgenstunden. Er misst seine Zeit nach dem Lauf der Sonne, dem Haynenrus und nachts nach dem Lauf des Siebengestirns und des großen Bären, den er „Peiterstab" (Petristab) nennt. Auch sind mancherorts Uhren, die jene Zeitmessungen überflüssig machen.
Die Kleidung ist nach den einzelnen Gegenden und Dörfern sehr verschieden. Die männliche Kleidung ist zwar ziemlich gleich, die weibliche aber sehr wechselnd. Ein goldener Gürtel um den Leib und eine Mütze mit breiten goldenen Tressen besetzt findet man nicht selten. Daneben ist eine Reihe Bernsteinketten ein wesentliches Erfordernis zum vollkommenen Putz; je größer und schwerer, umso besser. Das Haar wird bei den Frauen unter der Haube in der Mitte des Kopfes zusammengebunden.
Ihre Wohnungen sind dauerhaft, aber einfach und ihrem Zweck entsprechend. Wer eine sieht, hat sie alle gesehen. Durch die Tür tritt man auf die weite Diele. Auf der einen Seite sind die Kuhställe, an der anderen die für die Pferde und - Unrechte, denn den Namen Kammern verdienen diese Behältnisse nicht, vielmehr sind es Futterkammern für beides Vieh. Am Ende der Diele ist der Feuerherd, über ihm eine bretterne Bühne, „Asse" genannt, die den Rauch abzieht. Wer einen Schornstein machen lässt, ist ein „Sonderling". Hinter dem Feuerherd ist die allgemeine Wohnstube und daneben die Schlafkammern für die Herrschaft und ihre Kinder. Darüber liegen die Behältnisse für gedroschenes Korn und sonstige Lebensmittel. Ein großer Teil der Bauern wohnt einzeln, hat um sein Haus sein Feld liegen und erst in ziemlicher Entfernung seine Nachbarn. Da hier jedes Haus seinen eigenen Viehhirten halten muss, während in anderen Gegenden ein Hirt das Vieh des gesamten Dorfes hütet, so geht den dazu angestellten Kindern die beste Zeit, ihren Geist zu bilden und entwickeln zu lassen, hinter dem Vieh verloren (Anmerkung: Im Ravensberger Land ist kürzlich die Einrichtung getroffen worden, dass kein Kind vor der Konfirmation das Vieh hüten darf).
Das Hauptvergnügen der lippischen Bauern sind die sogenannten „Döhnten" (Gastereien), auf welchen jeder Gast dem Gastgeber ein Geschenk machen muss. Hochzeiten, Kindtaufe, Ausrichtung eines neuen Gebäudes, Mergelfahren, neue Fenster einsetzen und noch unwichtigere Vorfälle geben die Veranlassung zu diesen Gastmählern. Zu dem Mahle werden die Gäste acht Tage vorher mit vieler Feierlichkeit eingeladen. Jeder bringt ein Geschenk für die Küche des Gastgebers mit. Zuerst wird der sogenannte Anbiß (Frühstück) genossen, dann eine hauptsächlich aus Fleisch bestehende Mahlzeit. Bier und Branntwein müssen im Überfluss da sein. Nach der Mahlzeit werden Tabak, Nüsse und Obst „zum Dessert" (so in vorliegender Quelle wörtlich zu lesen) gegeben. Darauf tanzt das junge Volk nach einigen Geigen, während die Alten bei einem „trüben Bier" politische Gespräche führen. Abends vorm Nachhausegehen gibt jeder Gast in ein bedecktes Becken einen Geldbetrag, der genau ausgeschrieben wird, weil der Gastgeber, wenn er bei seinem jetzigen Gast wieder ringelnden wird, auf den Heller genau dasselbe gibt, was er erhalten hat. Die Hochzeiten sind unter den Döhnten die feierlichsten, und manche merkwürdige und bedeutsame Gebräuche sind damit verbunden. Kommt der Zug der Verwandten unter Trompeten- oder Waldhornklang an, so reitet einer voraus, der ihn anmeldet und dabei fragt, ob man willkommen ist. Sind Brautgabe und Morgengabe, die am vorhergehenden Tage abgekiesert werden müssen, zur Zufriedenheit ausgefallen, so wird die Frage bejaht, und der Zug fährt mit Jauchzen, Schießen und Musik auf den Hof. Der Bräutigam empfängt die Ankommenden mit einem Bierglas (!) voll Branntwein, das, wenn es geleert ist, an den Giebel des Hauses geworfen wird. Ist man dagegen mit der Morgengabe nicht zufrieden, so muss der Zug halten, und es wird verhandelt, ob man das Fehlende ersetzen wolle oder nicht. Der Fall tritt aber selten ein, weil er für eine große Schande gehalten wird. Kommt eine Braut auf den Hof, so darf sie nicht durchs Tor kommen, sondern muss durch eine Hecke oder einen niedergerissenen Zaun, der gleich wieder zugemacht wird, gehen. Das soll die Braut daran erinnern, dass sie hübsch zu Hause bleiben und nicht viel herumlaufen soll. Der Bräutigam gibt der ankommenden Braut ein Brot, von dem sie ein Stück abschneidet und als ein Heiligtum bewahrt, das übrige aber an umstehende Arme verteilt. Dieses soll bedeuten, dass die Ehefrau freigebig und milde, aber auch immer so vorsichtig und klug sein soll, dass sie selbst das Nötige behält.
Bei der Trauung leidet der Bräutigam nicht, dass die Braut ihre Hand auf die feurige legt, weil es immer heißen soll: Manneshand oben! Bei dem Hochzeitsmahle darf der Bräutigam sich nicht zu Tisch setzen, sondern muss als Auswärter die Gäste bedienen. Die großen Hochzeiten dauern zwei Tage. Am Ende des zweiten Tages wird die Hochzeit mit einem sonderbaren, deutungsreichen Tanz geschlossen. Alle Gäste, die männlichen und die weiblichen, fassen die Enden eines Tuches an, so dass zwei und zwei ein Tuch zwischen sich haben und die ganze Gesellschaft mittels der Tücher eine Reihe ausmacht. So tanzen sie erst das Feuer aus, daraus durch Stuben und Kammern, durch Ställe und Garten und endlich im ganzen Dorf herum, voran die Musikanten und der Koch, hinten der Auswärter mit einem zusammengewickelten Tuch, das „Klumpsack" heißt. Damit prügelt er die Langsamen, ruft ihnen zu, wo sie tanzen sollen, und verweist sie oft an die schwierigsten Plätze (nach vorliegender Beschreibung allerdings ein ziemlich „deutungsreicher" Tanz). Haben sie sich auf diese Weise bis zum Umfallen ermüdet, so ist die Hochzeit aus, und jeder „wandert seine Straße".
Die Erziehung der Kinder ist hart. Man lässt sie bei der rauhesten Witterung und oft mangelhaft bekleidet herumlaufen. Sobald es ihr Alter erlaubt, müssen die Kinder an den Arbeiten des Hauses teilnehmen. Die Weber und Spinner gebrauchen sie zu ihrer Arbeit, und der Landmann beschäftigt sie mit Viehhüten. Bildung des Geistes scheint ihnen im Großen und Ganzen etwas recht Überflüssiges zu sein. Schulen halten sie meist für eine Veranstaltung, um die Schulmeister zu ernähren (!). Der grobe Erziehungsfehler, die Kinder durch Schreckmittel im Zaun zu halten, ist leider sehr verbreitet (eine sehr verständige Bemerkung unseres alten Gewährsmannes). Kinderspiele hält das Volk für einen Beweis von Leichtsinnigkeit.
Eine Tugend der lippischen Bauern ist ihre Wohltätigkeit. Der Bettler findet überall seine Herberge, und ihn gut zu behandeln, verlangt die Sitte. Selbst die in anderen Dingen so stolzen Bauern halten es für eine Ehre, einen Armen zu pflegen. Vor einiger Zeit wurde hier (in Oerlinghausen) eine Frau begraben, die 25 Waisenkinder erzogen hatte. Wird ein Unbemittelter krank, so wird er allgemein verpflegt, und man schickt ihm Speisen aus den benachbarten Häusern. Ebenso macht man sich ein Vergnügen daraus, armen Kindern freie Kost zu geben. Eine andere Tugend ist die Ehrlichkeit. Es ist hier eine unauslöschliche Schande, ein Dieb zu sein. Ein Mädchen, das ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hat, bekommt viel leichter einen Mann als eine, die auch nur im Verdacht steht, ihr Garn nicht vollgehaspelt oder sonst im geringsten etwas veruntreut zu haben.
Ein Laster ist dagegen die Unmäßigkeit, besonders Trunkenheit, die nach dem Siebenjährigen Krieg stark zugenommen hat. Auch ein unerträglicher Stolz gegen Geringere, ausgenommen wirklich Arme, findet sich unter dem Landvolk sehr verbreitet. Die Meier haben wahren Ahnenstolz, verheiraten nicht gern ihre Kinder auf Bauernhöfe und ergreifen jede Gelegenheit, die anderen ihre Überlegenheit fühlen zu lassen. Die Meierkinder sollten im Hinblick auf ihren größeren Wirkungskreis eine besonders gute Bildung erhalten. Sie sind aber nicht selten die am wenigsten gebildeten, weil sie als Meierkinder aus bedenklicher Eitelkeit nicht gern unter die anderen Kinder gehen und mit ihnen in einer Klasse sitzen mögen. Dadurch wachsen sie isoliert auf, und viele geistige Fähigkeiten bleiben ungeweckt.
In Bezug auf die Religion und Sittlichkeit herrschen manche Unklarheiten (dieser sehr breit und unter dem etwas einseitigen Gesichtspunkt des Seelsorgers behandelte Abschnitt ist hier nur ganz auszugsweise wiedergegeben). Die Meinung, dass die Seligkeit ein Ding sei, das sich durch einige Stoßgebete am Lebensende gewinnen lasse, ist hier nicht selten. Eigentlich hält das Volk alle Gestorbenen für selig, die nicht gestohlen, abgepflügt, abgegraben oder nicht etwas versprochen und nicht Wort gehalten haben. In Bezug auf die Sittlichkeit ihres Nächsten sind sie sehr duldsam; nur bei Diebstahl, Betrug, falschen Eiden und Ehebruch verstehen sie keinen Spaß. Auch hier muss man bemerken, dass Kinder, die „wegen des engen Beisammenseins und der Indelikatessen der Eltern das Eheleben der Eltern sahen", an ihrer Sittlichkeit Schaden nahmen. Ein Mädchen sitzen zu lassen, ist bei ihnen ein seltener Fall. Die Ehe beginnt mit der Verlobung, und die Trauung ist nur öffentliche Bestätigung. Es kann dann manchmal vier Wochen nach der Hochzeit zur Kindtaufe sein, wofür im Lippischen acht Reichstaler Strafe erlegt werden müssen. Ehescheidungen sind selten, selbst Ehebruch scheidet selten; denn wenn auch am Ehebruch große Schande hängt, so zwingt das gemeinsame Interesse oft das Ehepaar zusammen zu bleiben. Sehr verbreitet ist der Aberglaube. Wahrsageweiber, die mit Weihwasser heilen und Segen sprechen, sind dem Volke Orakel. Gegen Ärzte haben sie Misstrauen. Ein gewisser Fatalismus und der Gemeinspruch: „Gott ist der beste Arzt" verhärtet manchen so sehr, dass er dort keinen Rat sucht. Gespenstermärchen und Hexengeschichten sind noch im Schwange, verschwinden aber doch allmählich. Neben dem Aberglauben findet man auch Unglauben. Man hört hier schon Ansichten wie die, dass die Religionslehre nur gelehrt würde, um die Leute im Zaun zu halten, u. a. m. „Es ist Zeit, die alten Postillen mit weiseren Predigten fürs Volk zu vertauschen."
Die Sprache ist hier äußerst platt und für einen Oberdeutschen ebenso schwer auszusprechen wie das Englische. Aber edel und einfach sind die Grußformen: Sie geben sich die Hand, drücken sie herzhaft, und dieses Drücken sagt dem Kenner alles! Doch Luxus und Ziererei machen sich auch hier schon bemerkbar; so drücken die Meier aus Stolz vielfach die Hände nicht mehr. Man kann es mit dem Handgeben leicht versäumen; so halten sie es für eine große Beleidigung, die Hand im Handschuh zu geben.
Hiermit wollen wir die vorliegenden Betrachtungen abschließen, denen unser alter Gewährsmann den Schlusssatz anfügte: „Alles, was ich hier gesagt habe, kann ich mit meiner Erfahrung beweisen. Ich habe Gutes und Böses ohne Parteilichkeit hingeschrieben in der Absicht, jeden Menschenfreund auf das Volk aufmerksam zu machen. Ein schönes Wort, das zeigt, wie der alte Oerlinghauser Pastor den Beruf des Landgeistlichen begriffen hat, nämlich Kenner und Pfleger des heimischen Volkstums zu werden! Was hier in Bezug auf unsere ländlichen Vorfahren gründlich beobachtet und sorgfältig aufbewahrt ist, kann in mehr als einer Beziehung ein Spiegel für die Nachkommenden sein.
Dr. Löhmann
Quellennachweis: Auszug aus einem Artikel aus den „Ravensberger Blätter“ von Dr. Löhmann, Ausgabe Nr. 5, Mai 1929, Seite 38.