Friedrich Berkemeier blickt auf sein Leben zurück

Von August-Wilhelm Peter - Menschen unseres lippischen Lebensraumes – „Von der Wiege bis zum Grabe mußt du stets den Tischler haben“

 

Seit vier Generationen üben die Berkemeiers das Tischlerhandwerk aus. Das schmucke Geburtshaus Fritz Berkemeiers (geb. 1903) liegt am oberen Hange des Tönsberges über Oerlinghausen, nur noch überragt von der Jugendherberge und von dem Kegelstumpf der Windmühle, dem eindrucksvollen Wahrzeichen der Bergstadt.

Seit Menschengedenken führt der alte kopfsteingepflasterte Tönsbergweg von der Hauptstraße bis auf den Berg hoch. Auf ihm trug einst der Esel des Müllers die Kornsäcke hinan, auf ihm mußten aber auch die Holzvorräte und Werkstücke - teils mit einer zu diesem Zweck gebauten Trage - der Werkstatt Berkemeier befördert werden. Besonders im Winter mit Glatteis und hohen Schneefällen war dieser Umstand beschwerlich, so daß rechtzeitig Wintervorräte angelegt wurden.

Die Garage neben dem Wohnhaus nimmt den Platz der älteren Werkstatt ein, in der der Vater Fritz Berkemeiers bis zur Errichtung der neuen und viel geräumigeren gearbeitet hat. Diese „neue” Werkstatt ragt wie ein Schiffsleib mit nach Westen gerichtetem Bug aus dem Berg heraus auf den Turm der St. Alexanderkirche zu, oft genug von Regen- und Schneestürmen umbraust, aber auch umflossen vom warmen Licht der Sonne

Diese schöne Werkstatt ist heute verwaist. Im Maschinenraum stehen noch die großen Holzbearbeitungsmaschinen, die seit dem ersten Weltkrieg angeschafft wurden, als man von der Handarbeit zur Maschinenarbeit überging, was mit einer zunehmenden Spezialisierung in der Produktion verbunden war. Berkemeiers, die einmal „alles gemacht” hatten, stellten seither vor allem Türen und Fenster her. In dem zweiten Raum der Werkstatt hat die Hobelbank vor einem großen Fenster ihren Platz; von hier schweift der Blick nach Norden auf die Baumgruppe des alten Judenfriedhofes und nach Süden zu auf den tiefgelegenen Steinbült und den buchenbewachsenen Menkhauser Berg mit dem hohen Himmel der Westfälischen Tieflandsbucht. Hier ist der Lieblingsplatz des alten Berkemeier für lange Jahre gewesen, umgeben von dem vielfältigen Werkzeug an den Wänden und in den Schränken, greifbar nahe die Geräte, die zum Bearbeiten, Verbinden, Leimen, Beizen usw. benötigt werden, überhaucht von der Patina der Vergänglichkeit.

Hier ist die Stätte der Arbeit, aber auch die ideale Stelle des Gespräches, in das er wie in einen kostbaren Teppich die Menschen und Stationen seines Lebens einwebt: den Großvater Berkemeier, der als Tischler und Zimmermann von Asemissen nach Menkhausen zog, wo „im Heu” das Haus liegt, das er als letztes gerichtet hat; den Vater, der durch seine Heirat nach Oerlinghausen kam und hier als perfekter Tischlermeister weitum einen guten Namen gewann, einen leistungsfähigen Werkstattbetrieb von kleinen Anfängen her entwickelte und sogar einmal für den Direktor der Zementfabrik Breite Grund ein 13 m langes und 3,60 m breites Schiff baute Er berichtet auch gern über seine eigene Lehr- und Gesellenzeit und das Gesellenstück, einen kunstvoll furnierten und mit Schnitzarbeiten geschmückten Jagdschrank; von seinem Eintritt in die Firma seines Vaters, von den Umständen bei der Ablegung seiner Meisterprüfung, von den Schwierigkeiten nach dem letzten Kriege infolge der exponierten Lage der Werkstatt und der Veränderungen durch eine fortschreitende Mechanisierung, Spezialisierung und Serienproduktion in den immer größer werdenden Betrieben; nicht zuletzt von seinem Sohn, der als Tischlermeister in ein leistungsfähiges auswärtiges Möbelstudio eintrat und sich so eine Lebensstellung erarbeitete. Für diese Entscheidung hat der Vater, der allein in seiner Werkstatt zurückgeblieben ist, volles Verständnis.

[Bild: Foto: B. Goselingk]

„Die Werkstatt steht heute verwaist. Hauptsache, ich habe keine Schulden. Mancher sagt, mach ’ne Wohnung daraus oder verpachte! Aber wer will hoch oben denn solch eine Bude haben ...

Ich bin mit Leib und Seele im Tischlerhandwerk gewesen und hänge mit Leib und Seele an meiner Heimat. Aber wenn ich heute ein junger Kerl wäre, ich würde nicht Tischler werden; in der Holzindustrie sieht doch manches böse aus…“

So mischt sich im Hinblicken auf die Zukunft seines Berufsstandes doch noch ein Wermutstropfen in den Lebensbericht des Tischlermeisters Berkemeier.

Wir danken der Sparkasse Lemgo für die freundliche Genehmigung, das vorstehende Lebensprofil zu veröffentlichen.