Wo die Spinnräder surrten

Stadtgeschichte - Die Oerlinghauser Spinnschule besaß einen guten Ruf und bildete in feiner Textil-Handarbeit aus - doch die modernen Maschinen machten Spinnen von Hand bald überflüssig

 

[Bild: Alt-Oerlinghausen in den 50ern: Am Marktplatz inmitten der Buswendeschleife lag Schindowskis Blumenverkauf. Hinter dem Häuschen begann die Marktstraße, an der im 19. Jahrhundert die Oerlinghauser Spinnschule angesiedelt war. | © Repro Horst Biere/ Quelle Archiv]

Oerlinghausen. Es surrte und brummte deutlich hörbar am Anfang der Marktstraße in der Dorfschaft Oerlinghausen um 1860. Die geschäftigen Drehgeräusche wurden begleitet von leisem Reden oder Erzählen, manchmal vielstimmigem Singen. Vor allem wenn die Fenster geöffnet waren konnten die Passanten die emsigen Arbeitsgeräusche und das Stimmgewirr vernehmen. Tagtäglich saßen nachmittags junge Mädchen in den niedrigen Räumen des Hauses Tasche an Dutzenden von Spinnrädern. Sie wurden unterrichtet in der ersten und einzigen Oerlinghauser Spinnschule - bereits 1835 wurde sie gegründet.

Spinnschulen gab es überall in Deutschland. Man baute sie vor allem in Gegenden aus, in denen viel Leinen produziert wurde. Spinnschulen waren so eine Art Zwischenform zwischen Berufsschule und beruflicher Fortbildung für junge Frauen. „Ein Zwang zur Spinnschule bestand nicht", schreibt der damalige Dorfchronist August Reuter, „wer aber am Spinnunterricht teilnahm, war zum regelmäßigen Erscheinen verpflichtet. Der Unterricht fand jeden Nachmittag zwischen ein und sieben Uhr statt."

[Bild: Junge Spinnerin: Beim Spinnen von Hand hielt man das große Rad durchs Fußpedal in Schwung. Aus einem Flachswollhaufen führte die Spinnerin einen dünnen Faden in die Maschine. Der Faden wurde möglichst gleichmäßig verdreht dann auf Spulen aufgerollt. | © User]

Die Schülerinnen kamen vor allem aus dem Mittelstand und den wohlhabenderen Kreisen. August Reuter berichtet: „Die Töchter des minder bemittelten Teils der Oerlinghauser Bevölkerung blieben dem Spinnunterricht fern, denn sie hatten zu Hause mit Hausarbeit, Kinderverwahren, Viehhüten und ähnlichem genug zu tun."

»Verwilderung und Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen entgegenwirken«

Doch andernorts wollte man gerade den Kindern ärmerer Leute mit dem Erlernen von Spinnen eine Beschäftigung geben. In Bielefeld-Schildesche zum Beispiel eröffnete eine „Arbeits- und Spinnschule", um „der Verwilderung und Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen in dieser Gegend entgegenzuwirken" (Protokoll Stadtarchiv Bielefeld). Doch im Fürstentum Lippe ging es vor allem darum, mit besonders gutem, handgefertigtem Garn, die Leinenhersteller für die Oerlinghauser Qualitätsware zu gewinnen.

Also investierte die lippische Landesregierung erheblich in die Ausbildung der junger Frauen. Die Eltern wurden verpflichtet, die Mädchen so lange in der Spinnschule zu lassen, bis sie gute Spinnerinnen waren. In seinen Aufzeichnungen beschreibt August Reuter: „Auf diese Weise wurde erreicht, dass in Oerlinghausen bald die feinsten und sehr gleichmäßigen Fäden gesponnen wurden." Er konnte das mit Zahlen belegen, denn für handgefertigtes Material gab es gute Preise auf dem Markt: „Von Ostern 1864 bis Ostern 1865 wurden hier von 29 Kindern 715 Stück Garn gesponnen für das ein Preis von einem bis eineinhalb Silbergroschen gezahlt wurde. Das Garn wurde an Leinenhändler in Oerlinghausen, Bielefeld und Herford verkauft."

Der Leiter der Spinnschule war viele Jahre lang der rührige Kantor Steinhagen. Für noch längere Zeit unterrichtete als Spinnlehrerin Frau Soll, die Mutter des Zigarrenherstellers Fritz Soll und Großmutter der späteren Frau Langeworth in der Hauptstraße 7 die Kinder. Sie stammte aus Darmstadt und war bei den Schülerinnen sehr beliebt. Sie habe während der Spinnausbildung den Mädchen unzählige Märchen und Geschichten erzählt. Sie beeindruckte die Oerlinghauserinnen - so heißt es bei August Reuter - vor allem durch ihre Erzählungen und Gedichte, die sie in süddeutscher Mundart vortrug. Noch Jahrzehnte später hätten die einstigen Schülerinnen Kindergedichte in südhessischen Dialekt vortragen können.

"Wir schließen die Spinnschule"

35 Jahre lang existierte die Spinnschule an der Oerlinghauser Marktstraße - dort wo der spätere Marktplatz und die Buswendeschleife lagen. Während dieser Zeit zahlte die lippische Landeskasse Tausende von Reichstaler als Unterstützung für den Lehrbetrieb. Dann, im Jahre 1869 kam die Entscheidung der Landesregierung: Wir schließen die Spinnschule, denn die Einrichtung ist zu teuer für das Fürstentum, und obendrein hat das Spinnen von Hand seinen Sinn verloren.

Die Leinenindustrie hatte sich mittlerweile ganz auf das mechanisch gesponnene Material eingestellt und das Handspinnrad völlig verdrängt. Aber einige Jahre später entstanden in Oerlinghausen neue Arbeitsplätze durch die Weberei, die vom Leinenhändler Carl David Weber und der Fabrikantenfamilie Müller gebaut wurde. Spinnen von Hand, also das Herstellen des Garns, das man zum Weben brauchte, war nun längst nicht mehr gefragt. Doch immerhin brachte der Industriebetrieb vielen Oerlinghauser Familien ein gesichertes Einkommen.