Oerlinghauser Näherinnen stellten erstklassige Wäsche her

Oberhemden, wie zum Beispiel von Dornbusch, hatten in ganz Deutschland einen guten Ruf

 

[Bild: Produktive Idylle: Das Dornbusch-Gebäude links an der Robert-Koch-Straße um 1930. Millionen von Oberhemden wurden hier im Laufe der Zeit hergestellt. Dahinter ist die Alexanderkirche zu sehen. Im Vordergrund ruht sich ein junger Mann im Gras aus. | © Werner Höltke/Horst Biere]

Oerlinghausen. "Das Surren der Nähmaschinenräder und der Gesang der Näherinnen" - das waren die Klänge, die für August Reuter das Gefühl von Heimat bedeuteten. So schreibt es der Gemeindevorsteher um 1900 in seinen Aufzeichnungen. Das Kirchdorf am Tönsberg galt als eines der Zentren der Wäscheindustrie, und die Herstellung von erstklassigen Textilien stand als Markenzeichen für Oerlinghausen am Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch die Erfolgsgeschichte begann etwa 40 Jahre vorher.

[Bild: Festmarsch 1936: Im Gleichschritt marschieren die Dornbusch-Näherinnen mit beim großen Umzug zur 900-Jahr-Feier durch Oerlinghausen. | © Werner Höltke/Horst Biere]

Heinrich Schütte gründete in Oerlinghausen um 1866 das erste Wäschegeschäft mit Nähereibetrieb an der Hermannstraße. Seine Spezialität: Maßgeschneiderte Oberhemden. Das Geschäft florierte von Anfang an. Schütte selbst fertigte die Zuschnitte an, seine Näherinnen setzten von Hand die Hemdenteile Stich an Stich zusammen.

Die Anfangserfolge brachten der jungen Fabrikation ungeahnten Schwung. Vor allem Bielefelder Wäschegeschäfte mit wohlhabender Kundschaft fragten nach den Hemden aus Oerlinghauser Produktion. In Spitzenzeiten soll Heinrich Schütte zweimal am Tag nach Bielefeld geliefert haben. Als Hemdentransporter diente ein alter Kinderwagen, der mit frischgenähten Waren vollgepackt wurde. Das verlangte natürlich nach einer rationelleren Fertigung. Und so war es wiederum Schütte, der die ersten mechanischen Nähmaschinen in Oerlinghausen gegen Ende der 1860er Jahre einführte.

Von nun an bestimmten immer mehr das Rasseln der Nähmaschinennadeln und das Surren der Laufräder die Geräuschkulisse der Gemeinde. Auch die Konkurrenz hatte längst Wind bekommen vom Erfolg der Oberhemden.

Oberhemden am laufenden Band:

[Bild: An zwei Bändern produzieren 1938 die Dornbusch-Näherinnen die begehrten Textilien. | © Werner Höltke/Horst Biere]

Firma Benkelberg zum Beispiel eröffnete bereits recht früh eine weitere Hemdenproduktion an der Detmolder Straße 16. Das Unternehmen entwickelte sich ebenfalls prächtig und avancierte bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs zu einem der wichtigsten Wäschehersteller der ganzen Region. Weitere kleinere Wäschefabriken folgten, vor allem viele Heimarbeiterfamilien profitierten als Zulieferer von dem guten Ruf der Wäsche aus Oerlinghausen.

Das Bergdorf blühte immer mehr auf nach der Jahrhundertwende. Im Jahr 1904 eröffnete man die Bahnlinie von Oerlinghausen nach Bielefeld und - ganz wichtig - es gab elektrisches Licht im Dorf. In der Silvesternacht 1901 lieferte das neue Elektrizitätswerk erstmals Strom für die Straßenlaternen und alsbald auch für Wohnhäuser und Betriebe.

Das gab der Oerlinghauser Oberhemdenfertigung frische Impulse. Den Transport der Wäschepakete ins Bielefelder Zentrum und dann in alle Welt übernahm von nun an die Eisenbahn. Die mühsame Wäschenäherei mit mechanischen Nähmaschinen wurde abgelöst von moderneren elektrischen Nähmaschinen.

Die Wäschefabrik E. F. Banck an der damaligen Stiftstraße (heute Robert-Koch-Straße) investierte sogleich in neuzeitliche Technik. Elektrisch angetriebene Näh- und Knopflochmaschinen in einem Saal voller Näherinnen und eine Plätterei (Bügelbetrieb) trieben die Hemden- und auch Nachthemdenproduktion auf immer neue Spitzenwerte. Doch der Erste Weltkrieg brachte viel Armut ins Leben der Menschen und viele Unternehmen zum Wanken.

Auch die Firma Banck und Co. wurde 1918 übernommen - vom Firmenverbund des Bielefelder Unternehmers Carl Theodor Dornbusch. Der Schwerpunkt der Dornbusch-Produktion lag in den Anfangsjahren auf der Fertigung von Hemdeinsätzen, Kragen und Manschetten. In den 1930er Jahren wurde eine eigene Herrenkollektion mit eleganten Hemden auf den Markt gebracht.

Den Zweiten Weltkrieg überstand der Oerlinghauser Nähereibetrieb von Dornbusch einigermaßen unbeschadet. Vielen Frauen gab das Unternehmen einen relativ sicheren Arbeitsplatz in den 1950er Jahren. Vor allem aus dem Süden der Bergstadt, wo die Arbeiterfamilien lebten, waren Mütter und Töchter in der Oberhemdenproduktion tätig. "Etwa 40 Frauen nähten in dem großen Saal", erinnert sich eine der ehemaligen Mitarbeiterinnen, "wir hatten zwei Bänder in der Fertigung".

Die Leitung der Näherei lag in den Händen der Direktrice Frau Jäger. Sie war als sehr bestimmend und rigoros bekannt. Aber sie liebte den Gesang der Näherinnen. Ortshistoriker Werner Höltke weiß Näheres: "Wenn die Mitarbeiterinnen zum Beispiel das Lied? Alle Vögel sind schon da? anstimmten", sagt er, "da wurde sie schwach". Das nutzten die Näherinnen offenbar gern am Schützenfestmontag aus, wenn der Spielmannszug vorbeikam, um die Damen zum Fest abzuholen.

Doch letztlich ging die Oerlinghauser Dornbusch-Produktion in einem anderen bekannten Bielefelder Unternehmen auf. 1963 übernahm Walter Seidensticker sen. seine ehemalige Lehrfirma Dornbusch. Die Fertigung wurde allmählich umgestellt. Kunststoffelemente stellte Seidensticker in seinem Oerlinghauser Werk schließlich her. Doch der Markenname Dornbusch, der für Qualität, gute Verarbeitung und Langlebigkeit von Freizeithemden steht, existiert bis heute. Nur in dem kleinen Oerlinghauser Betrieb an der Robert-Koch-Straße wird längst nicht mehr produziert.