Oerlinghausen vor 100 Jahren
Zeitungsartikel unbekannter Herkunft
Auf die Qualität kommt es an. Man kann wohl behaupten, dass die in Oerlinghausen hergestellten Fabrikate sich eines guten Rufes erfreuen, ganz gleich, ob es sich um die Erzeugnisse der Leinen- oder Möbelindustrie handelt. Dass der Grundsatz, nur Qualität zu liefern, auch schon vor 100 Jahren den Oerlinghauser Geschäftsleuten Richtschnur war, ergeht aus einer Eintragung, die wir in dem 10 Jahre alten Hauptbuch des Leinenhändlers Christoph Niemeyer ausgezeichnet finden:
Heute schrieb ich an Herrn Breitenbach in Marckelsheim folgendes: Auf meine Zuschrift vom14. März d. J. antworten Sie mir mit Vorwürfen. Indem Sie erstens bemerken, dass Ihnen alle Fabrikanten, mit denen Sie in Geschäftsverbindung stehen, 6 Mt. Credit oder gegen Comtand 6% Skonto geben. Zweitens, um mich mit mehr Recht auf diese Leistungen hinweisen zu können, werfen Sie mir vor, Ihnen die Sachen mit zu viel Nutzen verkauft zu haben. Suchen Sie mir dies zu beweisen, indem Sie auf Ihre Ehre versichern, dass Ihr Herr Pfarrer 1 Stück Lwd. für 36 Gulden gekauft hat, welches noch schöner sei als die von mir gekauften, welche doch auf 40 Gulden und noch darüber kommen. So unwahrscheinlich, dies auch ist, so muss und will ich es doch glauben, denn ich glaube, dass Sie Ihre Ehre nicht so in den Tag hineinverpfänden. Zweitens, weil man nicht immer in jedes Geschäft hineinsehen kann, ob es reel oder unreel betrieben wird. Diese Handlung war vielleicht gerade in Geldverlegenheit oderhatte die Absicht, sich in Ihrer Gegend erst in Renommee zu setzen. Gab es darum vielleicht 4-8 Gulden billiger als es Ihnen selbst kam? Um dies habe ich mich weiter nichts zu kümmern. Ich habe das reine Bewusstsein, Ihnen so christlich wie nur immer möglich behandelt zuhaben, indem ich Ihnen vorzüglich gute Ware gegeben und die äußersten billigsten Preisegemacht habe. Können Sie es aber irgendwo ebenso gut und billiger bekommen, was Sie hernach zu tun haben, das brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen. Mein Guthaben von161 Gulden bitte ich mir mit erster Gelegenheit portofrei hierher zu schicken. Es wäre mir sehr unangenehm, wenn ich müsste, zu Maßregeln meine Zuflucht nehmen, die Ihnen starkbeleidigen. Würzburg, den 20. Mai 1837.
Niemeyer hatte das Bewusstsein, seinen Kunden so christlich wie immer möglich behandelt zu haben, durch vorzüglich gute Ware zu äußerst billigen Preisen. Den Vorwurf, dass andere Fabrikanten billiger liefern und ein längeres Ziel gewähren, weist er dahin zurück, dass sich die Firma, die hier zum Vergleich herangezogen wird, vielleicht in Geldverlegenheit befände oder in der Gegend erst ins Geschäft kommen wolle. Trotz der „Vorwürfe“ lässt er sich in Bezug auf seine Qualität und Preise nicht beeinflussen, vielmehr empfiehlt er seinem Kunden, wenn er irgendwo ebenso gut oder billiger kaufen könne, dort zu kaufen. Dass Niemeyer seine Kunden und besonders zahlungsfähige Kunden nicht gern preisgab und von anderen beliefert sah, geht aus folgender Eintragung hervor:
Heute schrieb ich an die Kammerfrau Burckhardt bei Ihrer Durchlaucht der Frau Fürstin Hohenlohe-Langenburg zu Langenburg: Wenn der rotköpfige Hamayer, mein Landsmann, auch dort käme, so möchte Sie ihn doch nichts abkaufen, und möchte doch auch sehen, dass ihn die Frau Fürstin nichts abkaufe. Ich würde für diese Freundschaft gewiss erkenntlich sein und immer ausgesucht gute Ware hergeben und immer billige Preise machen. Und auch an die Hausmeisterin Müller in Kirchberg der Fürsten Hohenlohe Kirchberg zu Kirchberg schrieb ich einen Brief in diesem Sinne. Nürnberg, den 13. September 1837.
Die Konkurrenz war dem Leinenhändler ein Dorn im Auge, er versuchte durch obige Zeileneinen besonderen Einfluss auf seine Kundinnen zu gewinnen. Aber er wird sich damit abgefunden haben müssen, dass ihm die Konkurrenz auch einmal einen Auftrag wegnahm. Interessant ist folgende Eintragung:
Der Frau Gräfin Ark in München muss ich bis Jakoby dieses Jahres 120 bayr. Ellen Tischzeug und 120 Ellen Handtücher gleichen Musters liefern. Das muss man ausrechnen, wieviel das nach unserer Elle macht. Unsere Elle ist ein Drittel weniger, einen Zoll kürzer als die bayrische. München, den Mai 1832.
Man ersieht hieraus, dass selbst die nebensächlichsten Sachen im Buch eingetragen wurden. Zum Schluss unseres Artikels über die Geschäftsvorgänge des Leinenhändlers Christoph Niemeyer aus Oerlinghausen wollen wir unseren Lesern noch einige Namen nennen, mit denen Niemeyer in Geschäftsverbindung stand:
Des Webers Name Christoph Blome in Oerlinghausen, Lander Bartold in Oerlinghausen, Grabert im Blockshauße, Christoph Hollmann in Oerlinghausen, Tölke zu Buhlholze, Wind aus Aßemißen, Franz Hütte aus Dettenhausen, Hold von der Panzheide, Schäfer aus dem Barkhauser Bruch, Reuter aus dem Menkhauser Bruch, Löhmeyer aus dem Lähmershagen.
Ferner finden wir Namen ausgezeichnet aus Wellenbruche, Stukenbrock, Hörste, Werentrup, Senne usw. Die älteren Oerlinghauser werden die aufgeführten Personen zum Teil noch gekannt haben, zumindest aber die Nachkommen.
Unsere Betrachtungen über das Hauptbuch Niemeyers wollen wir schließen mit einem Auszugaus der Eintragung über die „Münchner Dreikönigs Dult (Messe) 1835". Hier werden zunächst die Namen der Personen, an die er verkauft, und die Preise der verkauften Ware aufgeführt. Wir lassen einige Namen folgen:
Doctor Ullersberger bei den Herzog von Leuchtenberg, Oberstabsarzt Traßer, 12 persönliche Tafelzeuge Gräfin Lerchenfeld, päpstlicher Nuncius, Anton Dubois Bedinter b. Nuntius, Freulein Kellerhofen, Kammerfrau bei der Königin Wtw., ein geistlicher Herr zu Kloster Alben u. a. — Der Nachsatz dieser Eintragung lautet: In dieser Messe habe ich viel Mallaer (Pech) gehabt, habe aber das meiste mir selbst zuzuschreiben. Gott sei mir doch gnädig, ein anderes Mal will ich’s besser machen.
Also auch vor 100 Jahren hat es schon Messen, sog. Dult, gegeben. Es ist erstaunlich, dass der Leinenhändler Niemeyer zu diesem Zweck nach München reiste, um dort die Oerlinghauser Ware anzubieten. Dass die Ware gut sein musste, beweisen wohl am besten die Namen der Personen, die er bei dieser Messe bediente.
Möge es daher weiterhin Oerlinghauser Geschäftsleute geben, die in gleicher Weise, wie es der Leinenhändler Niemeyer tat, dafür sorgen, dass die Oerlinghauser Erzeugnisse ihren Ruf, den sie schon vor 100 Jahren hatten, bis in die fernste Zeit behalten.
Br.