Leinenhopser liefen mit schweren Ochsenfellrucksäcken nach Italien
Kunsthistoriker Moll hielt Vortrag über die Oerlinghauser Geschichte
Oerlinghausen (fr). Bis nach Italien liefen die Leinenhopser im 18. Jahrhundert, um die Stoffe aus der Bergstadt zu verkaufen. Allerdings trugen sie ihre schweren Ochsenfellrucksäcke auch in kühlere Regionen: Alte Dokumente zeugen noch von Rußland und Hamburg als Reiseziel. Leinenweberei und der damit verbundene Handel ist der älteste Beruf in Oerlinghausen. Er hat den Ort frühzeitig geprägt. Der Handel blühte. So wird von einem Kaufmann berichtet, der mit dem Verkauf von Leinen einen Umsatz von 100.000 Talern machte. Zu seinem Besitz gehörte ein Zweithaus in Oberitalien.
Kunsthistoriker Alexander Moll hat sich ausführlich mit der Geschichte Oerlinghausens befaßt. Pünktlich zur 950-Jahr-Feier werden seine Ergebnisse im Rathaus vorgestellt. Die Ausstellung soll eine Ergänzung zu den bisher veröffentlichten Büchern über die Geschichte der Stadt sein. Zudem zeigt sie, wie überhaupt jemand zu der Aussage kommen kann, daß der Leinenhandel hier so frühzeitig Fuß gefaßt hat. In seinem Vortrag, „Auf den Spuren der Oerlinghauser Geschichte“, wußte der Kunsthistoriker den Mitgliedern des Verkehrs- und Verschönerungsvereins aber noch mehr über die Leinenhopser zu berichten: „Der Beruf war mit hohem Risiko verbunden. Denn die Stoffe wurden auf Kredit mit auf die Reise genommen. Wehe dem, das Leinen verschwand!"
Bis weit nach 1800 war Tölke Monopolist in Oerlinghausen. Und der geschäftstüchtige Händler drohte, falls andere Kaufleute herzögen, um ihm seine Stellung streitig zu machen, gehe er eben nach Bielefeld. Die Drohung wirkte. Erst drei Jahre später bekamen die Gebrüder Becker für 3.000 Taler eine Konzession. Zwischen 1820 und 1925 gab es in dem Ort bereits über 20 Leinenhändler.
Neben den wichtigsten Berufen der damaligen Zeit - dazu gehören auch Zigarrenmacher, Ziegler und Tischler - gibt die Ausstellung auch einen Einblick in die Entwicklungs- und Siedlungsgeschichte der Stadt.
„Oerlinghausen war immer schon was Besonderes. Handel und Verwaltung beherrschten das Leben und nicht - wie allgemein üblich — die Landwirtschaft. Das Dorf hatte deshalb schon damals eher städtischen Charakter", erläuterte Moll. Der Handel wirkte sich auch auf die Infrastruktur aus. 1901 gab es bereits das erste Telefon Auch Stromleitungen wurden früh gelegt.
Die Siedlungsgeschichte führt bis auf das Jahr 1528 zurück Laut ältester Einwohnerliste bestand die Siedlung in dem Jahr aus zwölf Hausstellen. Dazu gehörten noch Vogt, Pfarrer und Küster. Der Nachname richtete sich zu der Zeit stets nach dem Namen des Hauses. Wenn der Hausbewohner umzog, änderte sich damit auch der Name. Und nicht immer konnte man von ihm die Blutsverwandtschaft ablesen. „Deshalb ist es so problematisch. heute nachzuweisen, wer wo gewohnt hat", führte der Kunsthistoriker aus.
„Oerlinghausen wäre nie eine Stadt geworden, wenn die Bürger nicht so viel Einsatz gezeigt hätten", meinte der Geschichtsforscher weiter. So zeigt eine Sammelliste aus der Zeit nach der Jahrhundertwende, daß 10.000 Taler von privater Hand gespendet wurden. Nur, damit der Name „Oerlinghausen" öffentlich am Bahnhof prangte ...
Die Ausstellung „950 Jahre Oerlinghausen. Vom Vorwerk zum Kirchort - vom Industriedorf zur Stadt“ wird am 25. Mai im Rathaus eröffnet und ist bis zum 8. September zu sehen.