Der Künstler aus dem Hinterhaus

Der Bildhauer Ernst Bannmüller lebte mehr schlecht als recht von seinen Holzskulpturen. Am Lebensende allerdings sorgte er für Schlagzeilen

 

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Oerlinghausen. Ernst Bannmüller war wohl so etwas wie ein Oerlinghauser Original. Er war ein Holzkünstler, der Heiligenfiguren ebenso wie Möbelverzierungen schnitzte. Er baute im Winter künstlerische Schneemänner, gestaltete aber zu anderen Zeiten auch Steinskulpturen für den Brunnen an der Apotheke. In der Bergstadt lächelte man über den etwas schrulligen Bannmüller, der aus dem baden-württembergischen Schelklingen stammte und 1926 nach Oerlinghausen kam. Heute ist Bannmüller weitgehend in Vergessenheit geraten. Es gibt kein Foto von ihm, diverse Kunstwerke aber können ihm zugeordnet werden.

Bannmüllers außergewöhnliches Leben in Oerlinghausen beleuchtete Werner Höltke in einem Vortrag vor den Mitgliedern des lippischen Heimatbundes im Jägerhaus.

Das Schnitzen von Heiligenfiguren für katholische Kirchen seien seine bekanntesten Arbeiten gewesen. Stets fuhr Bannmüller mit einem kleinen Moped mit großem Holzkasten auf dem Vorderrad, um seine Kunstobjekte zu transportieren. Er war immer fröhlich, von kleiner Statur und so dick, dass er sogar seine Fußnägel nicht mehr selbst schneiden konnte. „Dafür ließ er sich alle paar Wochen jemanden kommen“, erzählte Höltke humorvoll. Ernst Bannmüllers Wohnung und Werkstatt lagen in einem Hinterhaus an der Detmolder Straße, gegenüber dem Verwaltungsgebäude von Ceweco.

Skulpturen aus Schnee erfreuen Passanten

[Bild: An der Detmolder Straße lebt der Bildhauer Ernst Bannmüller für viele Jahrzehnte. Unser Foto aus dem Jahr 1960 zeigt im Vordergrund das Schuhgeschäft Saak. Durch den schmalen Gang zwischen den hinteren beiden Häusern führte der Weg zu Bannmüllers Wohnung. | © Repro Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke]

Die größte Aufmerksamkeit im Oerlinghauser Stadtleben erzielte Bannmüller vor allem im Winter. Dann, wenn alles tief verschneit war, begann er, Schneeskulpturen auf dem Parkplatz vor dem Ceweco-Gebäude zu errichten. Er baute dort gegenüber seinem Haus überlebensgroße Figuren aus Schnee und Eis, die bis zum Frühjahrstauwetter die vorbeiziehenden Passanten und spielenden Kinder erfreuten.

[Bild: Die „Pieta" von Ernst Bannmüller steht in der Krypta der St. Michael-Kirche an der Marktstraße. Bannmüller schuf die Skulptur im Jahre 1945. | © Repro Horst Biere / Quelle: Werner Nowak]

So habe man manchmal für viele Wochen den Preußenkönig Friedrich II. mit seinem Dreispitz auf dem Kopf dort bewundern können, sagte Werner Höltke. Im Oerlinghausen der 30er und 40er Jahre seien auch Bannmüllers absonderlichen Waschgewohnheiten im Gerede gewesen.

Immer im Frühling habe er seine über Monate gesammelte ungewaschene Bettwäsche gereinigt. Dann breitete er seine nassen Bettlaken, Bezüge oder auch andere Wäsche zum Trocknen auf der Böschung am Marktplatz aus. Um sie zu bewachen, habe er sich so lange neben seine Wäsche ins Gras gesetzt, bis sie trocken war. Oftmals sei Bannmüller dann auf seinem Rasenplatz eingeschlafen.

In den 60er Jahren ging’s bergab

Seinen offenbar kargen Lebensunterhalt verdiente Bannmüller wohl hauptsächlich durch Holzschnitzereien für die Oerlinghauser Möbelhersteller. Die Firma Heißenberg an der Hermannstraße zählte zu seinen wichtigsten Kunden. Werner Höltke berichtete, dass auch in seinem Elternhaus ein dunkel gebeizter Schrank stand, dessen Front mit vielen künstlerisch gestalteten Holzfiguren verziert war.

In den 60er Jahren ging es mit Ernst Bannmüller bergab. Er wurde allmählich zu alt für eine regelmäßige künstlerische Arbeit. Die Wohnung an der Detmolder Straße wurde ihm zu teuer, so bot ihm die Stadt eine Bleibe im alten Wächterschen Haus unter dem Menkhauser Berg an.

Hermann Heidschuster, der in Oerlinghausen nur als „Kockherm“ bekannt war, lebte dort bereits auf der sogenannten „Ponderosa Ranch“. Und obwohl Kockherm sehr stark dem Alkohol zugeneigt war, hat es wohl zwischen Hermann Heidschuster und Ernst Bannmüller keine Probleme gegeben.

Echte Schwierigkeiten aber machte ein anderer Bewohner der „Ponderosa“. Der Stadtstreicher Paul Kuras, der vorübergehend in dem alten Haus unter dem Dach lebte, überfiel Ernst Bannmüller Ende November 1967, nachdem dieser seine Rente vom Oerlinghauser Postamt abgeholt hatte.

Die Lippische Landeszeitung berichtet später: „Paul Kuras rechnete mit einer fetten Beute. Er lauerte Bannmüller an der Deelentür auf und schlug ihn zweimal mit einem dicken Knüppel auf den Kopf. Ernst Bannmüller lief um sein Leben, und Kuras gab die Verfolgung auf. Er ging in dessen Wohnung und stahl seine Geldbörse, in der nur 31 Mark waren.“ Bannmüllers monatliche Rente von 260 Mark fand Paul Kuras nicht. Er wurde jedoch festgenommen, ein halbes Jahr später verurteilte ihn ein Gericht in Detmold zu einer dreijährigen Haftstrafe.

Verkohlte Reste vom Erbe stecken in der Matratze

Anfang März 1968 schließlich starb Ernst Bannmüller in ziemlich verwahrlosten Verhältnissen. Sein Bruder, der aus Süddeutschland angereist war, türmte die gesamte Wohnungseinrichtung zu einem Scheiterhaufen auf und verbrannte die Habseligkeiten neben dem Haus. Eine faustdicke Überraschung allerdings gab es an einem der folgenden Tage. Sieben Jungen aus der Nachbarschaft stocherten in den verbrannten Resten herum und entdeckten in der angekokelten Matratze die gesamten Ersparnisse von Ernst Bannmüller: „Rund 2.500 Mark fanden die Jungen und gaben sie dem rechtmäßigen Erben zurück“, schreibt die Lippische Landeszeitung in einem Bericht vom 12. März 1968, „Bannmüllers Bruder zeigte sich großzügig. Jeder der Jungen erhielt einen 50-Mark-Schein zur Belohnung.“

Ernst Bannmüller wurde auf dem Oerlinghauser Friedhof bei gesetzt. Doch wie es hieß, hat sich niemand außer seinem Bildhauerkollegen Bruno Buschmann um das Grab gekümmert. Zwei von Bannmüllers Werken allerdings sind noch in Kirchen zu bewundern. In der Oerlinghauser St.-Michael-Kirche steht die Holzskulptur „Pieta“ in der Krypta, und in der St-Jakobus-Kirche im emsländischen Sögel ist eine Marienstatue von Bannmüller zu sehen.