Küfermeister Simon Diekmann
Auszug aus der
Buchreihe „Heimatland Lippe“ von 1987
In einem Beitrag über das
Böttcherhandwerk in Lippe, veröffentlicht in „Heimatland Lippe”, schreibt
Wilhelm Hansen im Januar 1964: „Im Jahre 1863 verzeichnet der Lippische
Kalender noch 30 Meister und 15 Gesellen... Vor dreißig Jahren gab es noch drei
handwerksmäßige Traditionsbetriebe: die Böttcherei August Brand in Detmold, die
Böttcherei Wilhelm Beckmann in Lage und die Böttcherei Wilhelm Walter in
Schötmar... Der Bedarf an handwerklich angefertigten Böttcherwaren wurde immer
geringer, und vor wenigen Jahren löste man die Böttcherinnung in Lippe auf. Ein
altüberkommenes Handwerk hatte sein Ende gefunden.”
Zu den letzten lippischen
Meistern des alten Böttcherhandwerks muss auch Simon Diekmann (geb. 1855, gest.
1939), der in Oerlinghausen tätig war, gezählt werden. Seine Tochter Else
Diekmann (geb. 1898) hat Heinz Wiemann im April 1982 und im Dezember 1985 über
ihn und seine Arbeit berichtet. Mit Ergänzungen konnte Marie Diekmann (geb.
1894), ebenfalls Tochter des Küfermeisters, behilflich sein.
Erste Werkstatt in einer
Scheune
„Es ist keine größere
Kunst erfunden, als Holz mit Holz gebunden.” Diesen Spruch habe ich sehr
oft von meinem Vater gehört. Früher wurden die Dauben der Fässer nämlich mit
Reifen aus gespaltenen Weidenstöcken zusammengehalten. Doch bevor mein Vater
die Kunst des Fassbinders beherrschte, genauer: sie zu beherrschen lernte,
musste er mit seinem Vater zur Ziegelei gehen. Mein Großvater war
Ziegelmeister, und er nahm seine drei Söhne, sobald sie aus der Schule gekommen
waren, erst einmal mit zur Ziegelei. Geboren wurde mein Vater Simon Diekmann im
Jahre 1855 in Lage. Dort ist er auch zur Schule gegangen, und dort hat er, von
der Ziegelei zurückgekehrt, das Böttcherhandwerk in der Werkstatt des Meisters
Brand erlernt. An die Lehre schloss sich die Wanderzeit an. Er sah sich in
Werkstätten in Süddeutschland gehörig um und fand schließlich Arbeit bei einem
Böttchermeister in Lippstadt.
Der Wunsch meines Vaters,
sich in Lippe selbständig zu machen, erfüllte sich im Jahre 1881. In Lage
versorgten damals zwei Küfermeister die Bewohner mit den notwendigen
Holzgefäßen. Ein dritter hätte dort nicht existieren können. In Oerlinghausen
sah die Zukunft verheißungsvoller aus. Hier war der einzige Küfermeister des
Ortes verstorben.
In der Scheune des Kaufmannes
Ludwig Pustkuchen nahe der Kirche konnte mein Vater
seine erste Werkstatt einrichten. 1883 hat er geheiratet - eine Lagenserin von der Meierstraße.
Meine Mutter war von Kindesbeinen an mit dem Böttcherhandwerk vertraut, denn im
Nachbarhaus ging Böttcher Meier seinem Handwerk nach. Im Jahre 1888 ließen
meine Eltern am Gehrenberg auf dem Grund und Boden eines abgebrannten
Bauernhauses ein Wohnhaus mit einer Werkstatt und einem Verkaufsladen errichten.
Der Standort war günstig. Er erwies sich beispielsweise auch für die
Kirchgänger aus den umliegenden Ortschaften als vorteilhaft. Sie haben oft die
Bestellung oder den Kauf von Böttcherwaren mit dem sonntäglichen Kirchbesuch
verbunden. Meine Schwester und ich wohnen heute noch im elterlichen Haus. Der
Laden ist längst geschlossen. In der ehemaligen Werkstatt sind Öltanks für die
Zentralheizung montiert worden, und Wind und Wetter haben den Buchstaben auf
der vorderen Hauswand arg zu schaffen gemacht. „Küfermeister Simon Diekmann
- Holz- und Korbwarenhandlung” stand dort zu lesen.
Mein Vater hat sich immer als
Küfermeister bezeichnet. Er hätte sich genauso Böttchermeister nennen können.
Beide Bezeichnungen waren damals in Lippe geläufig; mit beiden war hier
derselbe Beruf gemeint. 1934 wurde das Böttcher- bzw. Küferhandwerk in zwei
Vollberufe gegliedert. In der 1979 von der Bundesanstalt für Arbeit
herausgegebenen Schrift „Blätter zur Berufskunde” heißt es: „Im Vollberuf
des Böttchers wird seitdem vorrangig die Herstellung, Reparatur und Montage von
Behältern, Fässern, Bottichen und Gefäßen betrieben. Der Vollberuf des Küfers
(Weinküfers) zählt jetzt zum Nahrungsmittelgewerbe und ist ganz spezialisiert
auf die Arbeitsgebiete der verfeinerten Kellerwirtschaft mit der Kelterung,
Filtration usw. bis zur Flaschenfüllung des Weines und anderer Getränke.” Der
gleichen Schrift ist weiter zu entnehmen: „Das Böttcherhandwerk hat sich in den
zurückliegenden Jahrzehnten fachlich und strukturell der technischen Entwicklung
angepasst. Durch ständig erweiterte Fertigungen ist es sehr vielseitig,
besonders durch die Möglichkeit, jetzt alle zweckmäßigen Werkstoffe, wie Holz,
Kunststoff, Metall usw., einsetzen und verarbeiten zu können. In den Betrieben
wird mit umfangreichen technischen Ausrüstungen und neuzeitlichen Maschinen und
Apparaten gearbeitet.”
[Bild: Böttcher schlägt
Reifen um ein Faß. Holzschnitt aus dem 16.
Jahrhundert. German. Museum Nürnberg.]
[Bild: Küfermeister Simon
Diekmann (Oerlinghausen) beim Auftreiben der Reifen. 1930. Foto: Büker]
Da scheint das alte
Küferhandwerk, wie es mein Vater ausgeübt hat, um Jahrhunderte zurückzuliegen.
Und doch haben er und die anderen Böttcher im Lande weitgehend im 20.
Jahrhundert noch so gearbeitet wie ihre Vorgänger Jahrhunderte hindurch. Wenn
man auch sagen muss, dass sich besonders nach dem 1. Weltkrieg der Niedergang
des Böttcherhandwerks herkömmlicher Prägung abzuzeichnen begann. Namen fallen
mir ein und Todesdaten. Böttchermeister Wilhelm Beckmann (Lage) ist 1954
gestorben. Meister August Brand (Detmold) wurde 1960 zu Grabe getragen.
Böttchermeister Wilhelm Walter (Schötmar) schloss 1969 die Augen für immer.
Wie schnell sich die Zeiten
ändern! In unserer Werkstatt, in der einmal unter den geübten Händen meines
Vaters in althergebrachter Weise Holzgefäße entstanden sind, haben mit den
Öltanks unserer Heizungsanlage Produkte einer modernen Böttcherei ihren Platz
beansprucht.
Fässer, Wannen,
Waschmaschinen
Eine besondere Kunst war es,
die bauchigen Bier- und Weinfässer herzustellen. Da musste der Böttcher schon
sehr auf Genauigkeit achten, denn zwischen den Dauben durfte ja kein Tropfen
Flüssigkeit durchdringen. Dauben, diesen Fachausdruck für die gebogenen
Fassbretter, hat mein Vater übrigens nie gebraucht. Mit der sorgfältigen
Auswahl der Eichen in Schloß Holte begann bereits die
Arbeit an den Fässern. Die gefällten Baumstämme wurden im Sägewerk Bobe in Asselborn in Bretter verwandelt. Die Bretter
erhielten neben unserem Haus einen Platz zum Trocknen und wurden vor Einbruch
des Winters auf den Dachboden geschafft.
In unserer kleinen Werkstube
standen Hobelbank und Zugbank. Besonders auf der Zugbank rückte mein Vater den auf Länge geschnittenen
Eichenhölzern mit den verschiedenen Zugmessern zu Leibe. Der Böttcher saß auf
der „Tougbank”, hatte das Brett festgeklemmt
und konnte ihm mit dem jeweiligen Zugmesser, das in beide Hände genommen wurde,
auf der einen Seite eine leichte Wölbung und auf der anderen Seite eine flache
Höhlung „beibringen”. Ohne ein gutes Augenmaß konnte aus der Sache
allerdings nichts Gutes werden. Die Schmalseiten der Fassbretter, das sei
hinzugefügt, verliefen nicht parallel, sondern verjüngten sich nach oben und
unten.
Was den Brettern jetzt
bevorstand, war ein heißes Bad. Die Hölzer wurden im Waschtopf „weichgekocht”,
sie mussten ja zu Dauben gebogen werden, sie mussten die Form hergeben können,
die den Bauch des Fasses ausmachte. Dann wurde es dramatisch. Es galt, die
senkrecht stehenden Bretter, unten im Rund befestigt, nach oben gespreizt, mit
einem im oberen Bereich um sie herumgelegten Seil und einer Winde
zusammenzudrücken. Die Arbeit an der Winde haben meine Schwester und ich oft
übernommen. Damit das Gefäß auch ganz dicht wurde, kamen zwischen die einzelnen
Dauben Schilfhalme. Das Schilf holte mein Vater gewöhnlich aus einem Teich in
Kachtenhausen und ließ es auf dem Dachboden trocknen. Für den Fall, dass im
Verlauf der Arbeit das Fass wieder in seine einzelnen Bestandteile zerlegt und
erneut zusammengesetzt werden musste, hatte Vater die Dauben mit Kreide nummeriert.
Das Aufschlagen der Eisenreifen schließlich geschah mit Hammer und Setzhammer.
Vater hat noch Fässer hergestellt, deren Dauben mit gespaltenen Weidenruten
zusammengehalten wurden. Meine Schwester und ich haben das aber nicht mehr
erlebt; unsere Erinnerung reicht bis in die Zeit um die Jahrhundertwende. Oft
haben wir allerdings den alten Spruch vernommen: „Es ist keine größere Kunst
erfunden, als Holz mit Holz gebunden.”
[Bild: Küfermeister Simon
Diekmann auf der Zugbank in seiner Werkstatt am
Gehrenberg (Oerlinghausen). 1930. Foto: Büker]
[Bild: Waschwanne,
Waschbrett und Waschfrau - Anzeige einer Waschmittelfabrik, Lippische
Landeszeitung, 4. Mai 1910 (Abbildung links)]
[Bild: Else Diekmann,
Tochter des Küfermeisters Simon Diekmann, zeigt das Modell der Waschmaschine,
die in Oerlinghausen und Umgebung „groß in Mode kam". In der rechten Hand
hält sie den Einsatz (zu sehen ist die Unterseite des „Deckels"), in der
linken den Waschbottich. 1982 (Abbildung rechts). Foto: Wiemann]
Sauerkrautfässer und
Bohnenfässer konnten bei Küfermeister Simon Diekmann ebenso in Auftrag gegeben
werden wie Tonnen mit weitaus größeren Ausmaßen: die Jauchefässer, die auf
Pferdewagen transportiert wurden. Einen Bauch hatten die Jauchetonnen nicht
aufzuweisen. Wie hätte Vater ihre langen Bretter auch in den Waschtopf bekommen
sollen! Lag solch ein Fass ohne Boden am Haus, war es für die Schulkinder immer
wieder ein Vergnügen, hindurchzukriechen. Große Bottiche wurden einmal für die
Papierfabrik in Dalbke, ein anderes Mal für die Papierfabrik in Stukenbrock
hergestellt.
Zu den kleineren Gefäßen, die
aus der Werkstatt hier am Gehrenberg kamen, gehörten Holzeimer, die die Maurer
und die Arbeiter auf dem Kalkwerkgut gebrauchen konnten. Ein besonderer Eimer
war das Stünsken. Bei diesem Gefäß, das vor allem als
Futtereimer für Ziegen Verwendung fand, ragte ein Brett über den Rand hinaus,
war mit einem Loch ausgestattet und diente als Griff sowie zum Aufhängen des
Eimers.
Bei dem Gedanken an das
Füttern der Ziegen fällt mir das Buttern ein. So manche Butterkerne sind in
unserer Werkstatt entstanden. Die Deckel mit dem Loch und der Vertiefung in der
Mitte stammten von Drechsler Brokschmidt hier in
Oerlinghausen. Das Stoßbutterfass wurde bald abgelöst vom Drehbutterfass. Bei
dieser „Bottermaschine” lag das Fass
waagerecht. Drehte man die Kurbel, wurden im Inneren vier durchlöcherte Bretter
in Bewegung gesetzt, die kreuzweise an einer Welle befestigt waren. Wiesen die
Bretter zu wenig Löcher auf, klappte das Buttern nicht.
[Bild: „
... Holz mit Holz gebunden”. Mit Holz gebundenes Modell-Faß aus der Werkstatt des Meisters Diekmann, Rechts: Modell
der Waschmaschine. 1982. Foto:
Wiemann]
[Bild: So ähnlich sahen
auch die Holzbadewannen aus, die Simon Diekmann hergestellt hat. Diese Wanne steht
im Stadt- und Bädermuseum Bad Salzuflen. 1985. Foto:
Niemann]
Das Wäschewaschen Anno
dazumal ist ein Kapitel für sich. Kurz: Mein Vater hat auch entsprechend
bearbeitete Hölzer zu Waschzubern zusammengesetzt. Waschwanne nannten wir die
auf drei verlängerten Brettern der Wandung stehende Vorrichtung. Wir stellten
das Waschbrett in den Bottich und dann wurde gerubbelt, was das Zeug hielt.
Eine Erleichterung brachte
eine Waschmaschine, die auch eine große Nachfrage in Oerlinghausen und den
Orten der Umgebung hervorrief. Ein Böttcher in Pivitsheide
stellte diese hölzerne Maschine her. Vater bekam sie zum ersten Mal zu sehen,
als ein Kunde seine Errungenschaft aus der Waschküche zur Reparatur in die
Werkstatt brachte. Unser Vater war recht angetan von dem „Wunderwerk”,
fuhr zu seinem Berufskollegen nach Pivitsheide und
bekam die Erlaubnis, diese Maschine auch zu bauen. Sie bestand aus einem auf
vier Füßen stehenden Bottich mit einer senkrechten hölzernen Achse in der
Mitte. Auf dem Boden wurden gespaltene Rundstäbe befestigt, die strahlenförmig
von der Mitte aus zur Bottichwandung verliefen. Waren
Wasser, Waschmittel und Wäsche eingefüllt, kam ein „Deckel” darauf, der
um die Achse - mit Hilfe von zwei Griffen - bewegt werden konnte. Da unter
dieser Holzscheibe, in gleicher Weise wie auf dem Boden, halbierte Rundhölzer
angebracht waren, ging es der Wäsche beim Hin- und Herbewegen des „Deckels”
ganz schön an den Kragen. Die Maschine konnte von einer Person, aber auch von
zwei Leuten „bedient” werden. Als Baumaterial verwendete Vater teures,
astfreies Pitchpine-Holz. Drechsler Brokschmidt
lieferte die Achse und die Griffe. War keine Maschine vorrätig, konnten wir den
Kunden mit Hilfe eines Modells zeigen, wie alles funktionierte. Wir selbst
haben bis in die zwanziger Jahre hinein mit der „Pivitsheider
Waschmaschine” gearbeitet und uns dann eine Miele-Maschine gekauft, die dem
Waschtag noch mehr von seiner Mühsal nahm.
Saubere Wäsche macht keinen
sauberen Menschen. Hier am Gehrenberg wurden auch Holzgefäße zum Füßewaschen hergestellt und sogar Badewannen aus bestem
Eichenholz. Und was die Gesundheit angeht, so hatte mein Vater Holzbadewannen
im Gebäude der hiesigen Krankenkasse aufgestellt, die zu Sole- und Moorbädern
benutzt wurden.
Korbwarenhandlung
hinzugefügt
Als sich für meinen Bruder
Gustav im Jahre 1899 die Schulzeit dem Ende näherte und für ihn die Frage nach
einem Beruf beantwortet werden musste, war es mein Vater, Küfermeister Simon
Diekmann, der von einer Nachfolge abriet: „Das Küferhandwerk hat in Lippe
keine Zukunft mehr.” Die in Fabriken und zudem teilweise aus anderen
Materialien produzierten Waren begannen bereits, den handwerklich hergestellten
Gebrauchsgegenständen den Rang abzulaufen. Mein Bruder wurde Kaufmann.
Dem Geschäft mit hölzernen
Gefäßen haben meine Eltern schon früh das Angebot von Korbwaren hinzugefügt.
Von der Böttcherei allein konnten wir nicht leben. Meine Mutter war meinem
Vater übrigens eine große Hilfe; sie war vorwiegend im Laden tätig, Vater hatte
sich selbst das Körbeflechten beigebracht, bezog aber
die Mehrzahl der Körbe aus Fabriken und hatte vorwiegend mit dem Ausbessern
gebrauchter Körbe zu tun. Gearbeitet hat er bis ins hohe Alter. Als der Pastor
ihm zu seinem 83. Geburtstag gratulieren wollte, musste er in die Werkstube
gehen. Dort war der Böttchermeister mit der Reparatur eines Korbes beschäftigt.
1939 ist unser Vater gestorben. Meine Schwester Marie hat das Korbwarengeschäft
bis 1964 weitergeführt.
Fast hätte ich vergessen,
dass der alte Spruch meines Vaters zeitweise wieder zur Geltung kam - sieht man
allerdings auf den Böttcherberuf, zu einer wehmütig stimmenden Bedeutung. Für
eine Zigarrenfabrik haben wir einmal Verpackungskisten hergestellt. Diese
Kisten wurden, wie einst die kunstvoll gefertigten Fässer, mit gespaltenen
Weidenruten zusammengehalten. „Es ist keine größere Kunst erfunden, als Holz
mit Holz gebunden.”