Das Wirken eines „Dulldoktors“ im Gebiet Oerlinghausen
Von Werner Höltke
Eigentlich ist der Ostwestfale allen Arten der Wunderheilung, verbunden mit Spiritismus und Okkultismus, nicht besonders zugetan. Doch haben sich in den Jahren von 1870 bis 1890 Begebenheiten zugetragen, die den Bewohnern schon damals Anlaß zum Denken gaben und auch heute noch nachdenklich stimmen.
Allerdings hat es auch in unserer Zeit immer wieder Wunderheilungen gegeben, ich erinnere an Gröning in Herford; auch auf das Wirken von Glücksengeln und Glücksfeen hat mancher nicht verzichten wollen.
Nach Erzählungen älterer Leute, denen diese Geschichten, auch von heute längst Verstorbenen, erzählt wurden, soll sich in dem jetzt zu Oerlinghausen gehörenden Mackenbruch folgendes abgespielt haben:
Im Stalle eines Hofes stand schon seit Tagen eine Kuh, die wahrscheinlich von der Tollwut befallen war und brüllte Tag und Nacht.
In der gleichen Zeit schrie im benachbarten Wohnhaus ununterbrochen ein wenige Monate altes Baby. Da es auch keine Nahrung mehr aufnahm, rechnete die Familie mit dem Schlimmsten.
In ihrer Not ging die Mutter zu einem im Nachbarort wohnenden sogenannten „Dulldoktor“, der hinter verschlossener Hand auch „Hexenmeister“ genannt wurde und hat ihm ihr Leid geklagt.
Dieser versprach ihr zu helfen und gab ihr als erstes eine aus Kräutern zubereitete Medizin mit. Zusätzlich gab er ihr folgende Anweisung mit auf den Weg:
„Wenn morgen früh jemand kommt, den darfst du nicht an das Bett des Kindes lassen, sonst ist alle meine Mühe umsonst. Die Person, die morgen früh zu Besuch kommt, bringt ein halbes Weißbrot, eine Mahlzeit Faßbohnen und einen Apfel mit.“
Am nächsten Morgen erschien die Großmutter der jungen Frau und brachte tatsächlich diese drei Dinge mit.
Da sie von keinem aufgehalten wurde, stürzte sie sofort auf das Bett des Babys zu, ohne ihm Schaden zuzufügen.
Ein Bewohner des Hauses machte sich sofort auf den Weg zum „Dulldoktor“ und berichtete ihr von dem Vorfall. „Wir wollen es noch einmal versuchen“, war dessen Kommentar.
Am anderen Morgen erschien die Großmutter erneut; sie wurde jedoch vor der Zimmertür des kleinen Kindes aufgehalten und fortgeschickt.
Das Schreien des Babys ließ nach und seine Gesundung machte Fortschritte, auch das Brüllen der Kuh hörte auf.
Über das Verhalten ihrer Großmutter machten sich die Angehörigen und Nachbarn schon damals Gedanken. Sie war sehr krank und fühlte sicherlich ihr Ende nahen. Um ruhiger sterben zu können, wollte sie, nach der Meinung der Familie, ihre teuflische Besessenheit auf das Baby übertragen.
Es lag damals nahe, die Großmutter auch als Hexe zu bezeichnen, doch auf dem Hexentanzplatz am Oerlinghauser Tönsberg ist niemals eine Hexe beim Tanzen beobachtet worden, es gab hier keine Hexen.
Nachdenkenswert ist sicherlich die Frage, ob die Großmutter oder der „Dulldoktor“ vom Teufel besessen waren.
Die Fähigkeiten eines „Dulldoktors“ erstreckten sich nicht nur auf Teufelsaustreibungen und das Heilen von Krankheiten, auch im Aufdecken von Diebstählen hatte er gewisse Fähigkeiten.
Ein Bewohner aus Währentrup hatte sich in Lage vier junge Apfelbäume gekauft. Da er sie erst am anderen Tage verpflanzen wollte, hatte er sie in seinem Garten mit Laub zugedeckt.
Am nächsten Morgen waren die Bäumchen verschwunden.
Da die jungen Apfelbäume auch damals schon einen Wert hatten, wendete sich der Bestohlene an den „Dulldoktor“ und hoffte, durch ihn seine Bäumchen zurückzubekommen.
Dieser machte ihn mit der Mitteilung Mut, daß die Bäume noch in erster Hand wären und nicht weit von seinem Garten aufbewahrt würden: „Ich mache dem Dieb so viel Angst, daß er sie nach Euch zurückbringt“.
Am anderen Morgen waren die Apfelbäumchen wieder da!
Ein anderes Mal wurden seine Dienste von einer Frau aus Oerlinghausen in Anspruch genommen; dieser waren Bettzeug und Schürzen gestohlen worden.
Sie wendete sich wegen des herben Verlustes an den „Dulldoktor“ und mußte sich zu ihrem Leidwesen sagen lassen: „Die Sachen bekommst Du nicht sofort zurück, die sind schon in dritter Hand“.
Bei einem Gespräch mit einer Nachbarin stellte sich heraus, daß ein Mausefallen-Verkäufer sie im dritten Haus von ihr verkauft hatte.
Einem Ziegelmeister aus Oerlinghausen war auf einer Ziegelei in Mahndorf bei Bremen seine silberne Taschenuhr gestohlen worden. Dieses berichtete er sofort seiner Frau, die schnellstens den „Dulldoktor“ aufsuchte.
Dieser beruhigte sie mit den Worten: „Ich stelle mir den Dieb vor und mache ihm Angst“.
Seine Angstmacherei hatte auch auf der entfernt liegenden Ziegelei Erfolg, denn am anderen Tage war die Uhr wieder da!
Oerlinghausen, im Juli 2001
Werner Höltke