Als Oerlinghauser Arzte auch noch Barbiere waren

Stadtgeschichte - Mediziner im alten Oerlinghausen nannten sich Chirurgus oder Sanitätsrat. Und manchmal hatten sie abenteuerliche Ideen, um Menschen zu heilen

 

[Bild: 1830 wurde die erste Apotheke Oerlinghausens von Friedrich Melm eröffnet Die Fotografie entstand 1880. Im Anbau der heutigen Apotheke haben die Ärzte Dr. Christian Wachsmuth-Melm und Dr. Ines Lay ihre Praxisräume | © Repro Horst Biere / Quelle Henner Wachsmuth-Melm]

Oerlinghausen. In früheren Jahrhunderten waren Ärzte offenbar Allround-Talente - auch in Oerlinghausen. Sie schnitten ihren Patienten die Haare, ließen sie kräftig zur Ader, verordneten Badekuren, zogen faule Zähne und nahmen ganz locker auch chirurgische Eingriffe vor. Der erste Heilkundige, den die Oerlinghauser Dorfchronik erwähnt, ist ein Feldscher - eine Art Militärmediziner - aus dem Jahr 1703. Er arbeitete nebenbei als „Barbier“ und wurde deshalb als Mediziner erwähnt, weil er dem Oerlinghauser Bernd Bunte 27 Groschen für ärztliche Leistungen berechnete.

Mit "Mühewalt" die Nase gerichtet

Bunte hatte dem jungen Grote die Nase blutig geschlagen, und der Feldscher musste die Nase nun richten. Eine aus heutiger Sicht amüsante Rechnung tauchte 50 Jahre später in der Chronik auf. Dort beschreibt der „Chirurgus“ Gerhard Friedrich Pott aus Oerlinghausen ganz präzise die Behandlung seines Patienten Kahmann, dem er „2 temperierende Pulver zu 5 Groschen, 4 Pflaster zu 8 Groschen, einen Aderlass und den Weg (die Anfahrt) zu 8 Groschen und zweimalige chirurgische Mühewalt zu je 3 Groschen“ in Rechnung stellte.

Der erste Oerlinghauser „Amtschirurg“ wurde 1765 ernannt. Er hieß Reese, wohnte in Woestmanns Krug an der Hauptstraße 61 und schwor einen „Eid zu Gott mit besten Fleiß alles dasjenige thun, was einem Amtschirurg zustehet“. Als beliebten und trinkfesten Mediziner erwähnt die Chronik den Chirurgus Kirchner, der an der Hauptstraße 5 seine Praxis betrieb. „Er galt auch weit im Preußischen als ein tüchtiger Doktor. Abends trank er gern seine Schnäpschen und sang dazu alte Studentenlieder“, heißt es. Die meisten „Chirurgi“ hätten sogar ein bis zwei Semester eine Universität besucht, beschreibt die Chronik.

Erst als Apotheker Friedrich Melm um 1830 die erste Apotheke Oerlinghausens eröffnete, begann die Zeit der freien Ärzte in Oerlinghausen. Dr. Georg von Papen aus Pyrmont machte 1831 den Anfang.

Die Kellnerin ruinierte "den fleißigen Mann"

Als tüchtiger Arzt galt später der Mediziner Lammers aus Holland, der in Deutschland aber eine Kellnerin heiratete, „die den fleißigen Mann leider ruinierte“. Für kurze Zeit praktizierte Lammers 1874 noch in Lage, doch dann heuerte er als Schiffsarzt an und ließ sich in den niederländischen Kolonien im heutigen Indonesien nieder.

Auch den Arzt Dr. Eduard Schnitger erwähnt die Dorfchronik, der eine Tochter des Textilfabrikanten Carl David Weber heiratete und der der Vater der bekannten Oerlinghauser Frauenrechtlerin Marianne Weber war.

Aus „Bad Oerlinghausen“ wurde nichts

Als schillernde Persönlichkeit galt Dr. Otto Caspari, der aus Oerlinghausen um 1890 ein Kurbad machen wollte. Er erwies sich als Gesundheitsapostel durch und durch. Dr. Caspari lobte die heilende Kraft des Oerlinghauser Wassers und die gute Luft. „Die köstliche Luft, die wir Kinder in reichstem Maße genossen und die einfache, aber kräftige Ernährung haben mich noch im Alter mit bester Gesundheit ausgestattet“, notierte er später in seinen Lebenserinnerungen. Er verschrieb seinen Patienten, die ihn in seinem „Kurhaus“ am Ende der Hermannstraße (heute St. Hedwigshaus) besuchten, Wannenbäder, kalte Güsse, Fichtennadel- und Dampfbäder und sogar Solebäder. Der Traum von einem offiziellen „Bad Oerlinghausen“ floss allerdings im wahrsten Sinne des Wortes den Bach runter, denn das Oerlinghauser Wasser besaß offenbar doch keine heilenden Kräfte und die Kurgäste blieben aus. Der Landwirt Eduard Bollhöfer übernahm das Badehaus, wandelte das Gebäude in eine Schankwirtschaft um und nannte es „Zum wilden Jäger“.

Der wohl bekannteste Arzt der Oerlinghauser Dorfgeschichte war Dr. Leopold Martheus, der aus Rischenau stammte und der später den Ehrentitel „Sanitätsrat“ verliehen bekam. Er ließ sich als 30-jähriger im Jahre 1887 nieder und eröffnete seine Praxis im Haus Nr. 3 am Anfang der Detmolder Chaussee.

Der geachtete und beliebte Martheus, hatte 30.000 Goldmark geerbt, deshalb konnte er sein altes Haus, die frühere Gastwirtschaft Kochsiek, völlig neu errichten. Im Jahre 1910 ließ er ein weithin erkennbares Gebäude mit riesigen Fenstern und einem eigenen Wasserturm im Garten erbauen – das Haus der heutigen Ärztegemeinschaft Dr. Kochsiek und Übelacker. Da der einzige Sohn des Arztes Martheus im Ersten Weltkrieg starb, übergab er seine Praxis im Jahre 1927 an Dr. Adolf Kochsiek, einen Nachfahren des vormaligen Gastwirts Friedrich Wilhelm Kochsiek. Für viele Jahrzehnte galt Adolf Kochsiek als eine der ersten medizinischen Adressen in der Region. Sein Sohn, Dr. Paul Gerhard Kochsiek, übernahm im Jahre 1975 von seinem Vater die gut laufende Praxis und führte sie sehr erfolgreich weiter.

Ein Arzt mit Spitznamen „Dr. Risiko

[Bild: Dr. Paul Rieso fuhr oftmals mit seinem Motorrad oder mit dem Taxi zu seinen Hausbesuchen und Geburtshilfen in Oerlinghausen und Umgebung. | © Repro: Horst Biere / Quelle Stadtarchiv]

Stets gab es nur einen Allgemeinmediziner in der Dorfschaft Oerlinghausen bis Ende des 19. Jahrhunderts. Im Jahre 1896 erst eröffnete Dr. Max Meyer, ebenfalls Sanitätsrat, als zweiter Arzt seine Praxis im Ort. Und im Jahre 1920 ließ sich Dr. Paul Rieso als praktischer Arzt und Geburtshelfer im Ort nieder. Mehr als 40 Jahre praktizierte Rieso im Haus Hauptstraße 30 (heute das Lokal Klappe 30). Vielfach nannte man ihn augenzwinkernd auch „Dr. Risiko“, doch er galt als sehr freundlicher und erfolgreicher Mediziner.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen im nun größer gewordenen Oerlinghausen weitere gute Ärzte hinzu: Dr. Nitz an der Bahnhofstraße 2 (heute Rathausstraße) im Jahre 1945 und nur ein Jahr später Dr. Karl Holste an der Detmolder Straße 50. Später dann praktizierte Dr. Hans Joachim Krüger in der Bergstadt, der im Gebäude der damaligen Ortskrankenkasse an der Marktstraße seine Räume besaß. Und in unmittelbarer Nähe lag auch die Praxis von Frau Dr. Meyer-Ruediger, der Frau des Fahrlehrers Harald Meyer.