Fernab der Front
Auszug aus der Reihe „Heimatland Lippe 2014“
[Bild: Ein langer Übungs-Schützengraben zieht sich entlang des Südrandes des Teutoburger Waldes. Zwischen den Soldaten promenieren Bürger im Sonntagsstaat.]
In der spätwilhelminischen Epoche gab es im Deutschen Kaiserreich einen regelrechten Wettbewerb unter den Gemeinden um Garnisonsstandorte. Es wurde deshalb in der Oerlinghauser Bürgerschaft sehr positiv vermerkt, dass das wirtschaftlich aufstrebende Dörfchen im August 1914 zwei provisorische Lazarette zugesprochen bekam. Im April 1915 institutionalisierte man diese Einrichtung: Oerlinghausen wurde zum Standort der Verwundetenkompanie der 145er des Ersatz Bataillons Metz, später kam noch die Ausbildungskompanie hinzu. Ab dieser Zeit dürfte das Militär ortsbildprägend gewesen sein, sämtliche bedeutende Gasthäuser und zentrale öffentliche Gebäude waren vom Heer belegt.
Diese Situation wurde von der Bevölkerung in einem ungewöhnlichen Maß fotografisch dokumentiert. 2013 konnte auf zwei Speichern in Währentrup und Billinghausen ein Bildarchiv entdeckt werden. Die Fotografien zeigen oft ein nahezu surreales Nebeneinander von schwer gezeichneten Frontsoldaten in der Rekonvaleszenz und unbeschwert wirkenden Bürgern im Sonntagsstaat. Drei besondere Aufnahmen
aus diesem Konvolut werden hier erstmals vorgestellt. Manöverplatz war das Gelände des heutigen Segelflugplatzes. Manche Bilder zeigen, dass das Übungsgelände bis zum Barkhauser Berg vorgeschoben wurde. Nach ihrer Vereidigung auf dem Marktplatz marschierten die Soldaten feierlich zum bekanntlich weit außerhalb gelegenen Bahnhof. Von dort transportierte man sie an die Front. Die Märsche wurden stets von Bevölkerung und Blasmusik begleitet. Viele dieser Soldaten blieben auf den Schlachtfeldern. Von den Überlebenden siedelten sich einige später in Oerlinghausen an, der Liebe wegen.
Das Verhältnis von den meist aus dem Rheinland und dem Elsass stammenden Rekruten zu den Oerlinghausern illustriert vielleicht ein Lied, das damals beim Marschieren gesungen wurde:
„Oerlinghausen, schönes Städtchen, das im Lipperlande liegt,
idealer Luftschnappkurort, von Kultur nie beleckt,
in dich hat ein Bataillönchen Königskinder gesteckt,
und wie freut sich die Stadt, dass sie Soldaten jetzt hat.“
Erhalten haben sich aber auch Fotos von Kriegsgefangenen, wahrscheinlich aus dem Lager Senne. Ihnen verdankt Oerlinghausen eine wesentliche Verbesserung seiner Infrastruktur. Ein Foto zeigt die Arbeiten für eine neue Wegeführung durch die Wistinghauser Schlucht, einem der wichtigsten Durchlässe durch den Teutoburger Wald. Ursprünglich verlief der Weg direkt am Haferbach. Die neue Trasse zog darüber eine weite Bahn entlang des Fußes der Hunekenkammer. Das bewaffnete Wachpersonal besteht wie so häufig in Kriegsgefangenenlagern aus älteren Soldaten. Der Gutsbesitzer von Wistinghausen (mit Panamahut) begutachtet die Szene. Die Gefangenen scheinen durch Coolness ihre inferiore Position ausgleichen zu wollen, die ihnen der Fotograf mit der angeordneten Bildersprache (etwa durch die Platzierung von Gutsherren und Wache auf dem Bild) zuschreiben möchte. Die neuen Fotos werden auch im Lions-Kalender 2015 aufgegriffen, der ab September zu erwerben ist.
[Bild: Begleitet von der Dorfjugend marschieren die frisch vereidigten Soldaten zum Bahnhof, auf dem der Zug an die Front abgeht.]
[Bild: Kriegsgefangene trassieren einen neuen Weg durch die Wistinghauser Schlucht.]
Karl Banghard
Oerlinghausen