Killer- gegen Horror-Trasse

Fraktionen warfen sich gegenzeitig Fehler und Täuschungsmanöver vor

 

Oerlinghausen (SL). Vor den Augen zahlreicher Bürger lieferten sich im Sitzungssaal des Rathauses die Fraktionen einen Schlagabtausch - nicht nur zur Umgehungsstraße. Eigentlich sollte umfassend über das Selbstverständnis des ANUK diskutiert werden, ausgehend von der L 751 n. Doch die Bewertung der bisherigen Arbeit und die möglichen Aufgaben für die Zukunft wurden durch die Enthaltung der CDU bei Stimmengleichheit in die Nichtöffentlichkeit verbannt. Blieb das Thema L 751 n, weshalb die Bürger - diesmal waren die Anlieger von Holter Straße und Robert-Koch-Straße in der Mehrheit - ins Rathaus gekommen waren.

Zunächst wurde der Bürgerantrag von Hans Dessloch beraten, der eine erneute Verkehrszählung fordert, um festzustellen, ob die Umgehungsstraße aus finanziellen, ökologischen und lärmschutztechnischen Gründen überhaupt noch sinnvoll ist (die NW berichtete). Da war man sich noch einig, daß ein solcher Antrag nicht viel ändern kann, aber auch nicht schade. „Der Antrag weckt nur Hoffnungen, die nachher nicht erfüllt werden können", sagte Joachim Hermann von der SPD. „Die Notwendigkeit der Umgehung würde durch neue Zahlen nicht in Zweifel gestellt. Die Anbindung der A 33 an die A 2 wurde in die Planung miteinbezogen."

Thomas Hagemann von der CDU hielt es für sinnvoll, die Abnahme des Verkehrs durch Zahlen zu belegen. „Wenn man feststellt, daß die Bemessungszahlen für eine Umgehung nicht erreicht werden, muß man überlegen, ob man in Oerlinghausen wohnt oder in Schilda." Thomas Reimeier von den Grünen stimmte dem Antrag zu, erweiterte ihn sogar um die Forderung nach Vergleichszahlen vorheriger Zählungen und Prognosen nach der Zunahme des Verkehrs. „Das wird nichts ändern, aber wir wollen uns später nicht vorwerfen lassen, nicht alles getan zu haben."

Roland Tischbier war da radikaler in seinen Äußerungen: „1,8 Millionen verbaute Mark bedeuten nicht zwangsläufig, daß weiter 56 Millionen verbaut werden müssen. Wir sollten nicht vor zwei Betonbrücken und einer geschlagenen Schneise die Segel streichen." Die Landesregierung habe in der Vergangenenheit größere Projekte gestoppt. Bei einer Enthaltung wurde der erweiterte Antrag dem Rat schließlich zur Annahme empfohlen.

Was folgte, waren gegenseitige Vorwürfe und Anschuldigungen - vor allem von SPD und FDP. Joachim Hermann warf Tischbier und Günter Ober gezielte Stimmungsmache gegen seine Partei vor, während auch CDU und FDP für die Umgehung gestimmt hätten. Wenn von der „Killer-Trasse" die Rede sei, müsse man auch von der „Horror-Trasse" Holter Straße sprechen, die viele Bürger belaste. Es sei nicht wahr, daß die Straße nicht ausdiskutiert worden sei. Die Ratsbeschlüsse zum Bau seien mit breiter Mehrheit gefaßt worden, und die Minderheiten hätten Gelegenheit gehabt, den Rechtsweg auszuschöpfen. Deshalb sei die Attacke des Naturschutzbundes „fragwürdig und unseriös", wie Hermann in einem Pressegespräch vor der Sitzung betonte.

Roland Tischbier konterte, bei den Bürgern habe sich erst jetzt Betroffenheit eingestellt, nachdem sie die Eingriffe sehen und hören könnten. „Die Konflikte zwischen Ökologie und den Anliegern der Holter Straße kann man auf diese Weise nicht lösen." Tischbier empfand es als mutig, daß die SPD den Bürgern mehr Ruhe verspreche, was seiner Ansicht durch die Hochtrasse der Umgehungsstraße nicht gewährleistet sei. „Sie werden uns nachher dafür kreuzigen, daß wir nicht wenigstens auf den 560-Meter-Tunnel mit Tieflage bestanden haben."

Thomas Reimeier versuchte immer wieder auf das eigentliche Thema, das Selbstverständnis des Fachausschusses, zurückzukommen. Die vergangenen Beschlüsse bestätigten lediglich die auto-hörige Denkweise. „Der Bau einer solchen Straße ist die logische Konsequenz. Der Landschaftsschutz wird dabei immer unterliegen." Hier einen Umdenkprozeß in Gang zu bringen gehöre auch zu den Aufgaben des ANUK. „Als politisch Verantwortliche müssen wir gemeinsam mit den Bürgern versuchen, etwas in den Köpfen zu verändern." Dazu gehören Mut und Durchhaltevermögen. „Es nützt uns nichts, uns auf grüne Inseln zurückzuziehen, sie mit Zähnen und Klauen zu verteidigen und hinterher dort den Heldentod zu sterben."

[Bild: Spontane Unterschriftenaktion gegen die L 751 n beim Ortstermin am Menkhauser Berg. Foto: Lahr]