Das Faszinierende der Jahre 1933 bis 1938

Dokumentation: Die am meisten kritisierten Passagen der Jenninger-Rede

 

Bonn (dpa). Abgeordnete von SPD, FDP und Grünen haben die Rede von Bundestagspräsident Philipp Jenninger während der Veranstaltung zum Gedenken an die antijüdischen Pogrome kritisiert. Die meisten der Kritiker meinten, der gesamten Ansprache habe es an Sensibilität und historischer Genauigkeit gemangelt. Auf heftigsten Widerspruch stießen folgende Passagen:

„Die Jahre von 1933 bis 1938 sind selbst aus der distanzierten Rückschau und in Kenntnis des Folgenden noch heute ein Faszinosum insofern, als es in der Geschichte kaum eine Parallele zu dem politischen Triumphzug Hitlers während jener ersten Tage gibt." (Der Duden übersetzt Faszinosum mit „auf seltsame, geheimnisvolle Weise Faszinierendes, Fesselndes, Anziehendes“.)

Wiedereingliederung der Saar, Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, massive Aufrüstung, Abschluß des deutsch-britischen Flottenabkommens, Besetzung des Rheinlandes, Olympische Sommerspiele In Berlin, ‚Anschluß' Österreichs und ‚Großdeutsches Reich' und schließlich, nur wenige Wochen vor den November-Pogromen, Münchener Abkommen, Zerstückelung der Tschechoslowakei - der Versailler Vertrag war wirklich nur noch ein Fetzen Papier und das Deutsche Reich mit einem Mal die Hegemonialmacht des alten Kontinents.

Für die Deutschen, die die Weimarer Republik überwiegend als eine Abfolge außenpolitischer Demütigungen empfunden hatten, mußte dies alles wie ein Wunder erscheinen. Und nicht genug damit: Aus Massenarbeitslosigkeit war Vollbeschäftigung, aus Massenelend so etwas wie Wohlstand für breiteste Schichten geworden. Statt Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit herrschten Optimismus und Selbstvertrauen. Machte nicht Hitler wahr, was Wilhelm II. nur versprochen hatte, nämlich die Deutschen herrlichen Zeiten entgegenzuführen. War er nicht wirklich von der Vorsehung ausgewählt, ein Führer wie er einem Volk nur einmal in tausend Jahren geschenkt wird?

Sicher, in freien Wahlen hatte Hitler niemals eine Mehrheit der Deutschen hinter sich gebracht. Aber wer wollte bezweifeln, daß 1938 eine große Mehrheit der Deutschen hinter ihm stand, sich mit ihm und seiner Politik identifizierte. Die meisten Deutschen - und zwar aus allen Schichten, aus dem Bürgertum wie aus der Arbeiterschaft dürften 1938 überzeugt gewesen sein, in Hitler den größten Staatsmann unserer Geschichte erblicken zu sollen.

Und noch eines darf nicht übersehen werden: Alle die staunenerregenden Erfolge Hitlers waren insgesamt und jeder für sich eine nachträgliche Ohrfeige für das Weimarer System.

Das heißt, Hitlers Erfolge diskreditierten nachträglich vor allem das parlamentarisch verfaßte, freiheitliche System, die Demokratie von Weimar selbst. Da stellte sich für sehr viele Deutsche nicht einmal mehr die Frage, welches System vorzuziehen sei."

Im weiteren Verlauf seiner Rede beschrieb Jenninger antisemitische Entwicklungen in der deutschen Geschichte und sagte dann: „Hitlers sogenannter ‚Weltanschauung' fehlte jeder originärer Gedanke. Alles war schon vor ihm da: Der zum biologistischen Rassismus gesteigerte Judenhaß ebenso wie der Affekt gegen die Moderne und die Utopie einer ursprünglichen agrarischen Gesellschaft, die zu ihrer Verwirklichung des ‚Lebensraums' im Osten bedürfte. Sein eigener Beitrag bestand außer in der weiteren Vergröberung, Vereinfachung und Brutalisierung des von anderen übernommenen Weltbildes im wesentlichen in der fanatischen Besessenheit und massenpsychologischen Begabung, mit der er sich selbst zum wichtigsten Propagandisten und Programmatiker des Nationalsozialismus emporhob."

Nach dem Kriegsende, so sagte Jenninger weiter, seien alle Werte, alle Tugenden und Autoritäten kompromittiert gewesen: „Die Abkehr von Hitler erfolgte beinahe blitzartig; die zwölf Jahre des ‚tausendjährigen Reiches' erschienen bald wie ein Spuk. Darin äußerte sich gewiß nicht nur die vollständige Desillusionierung hinsichtlich der Methoden und Ziele des Nationalsozialismus, sondern auch die Abwehr von Trauer und Schuld, der Widerwille gegen eine schonungslose Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Die rasche Identifizierung mit den westlichen Siegern förderte die Überzeugung, letzten Endes - ebenso wie andere Völker - von den NS-Herrschern mißbraucht, ‚besetzt' und schließlich befreit worden zu sein. - Auch dies gehörte zu den Grundlagen, auf denen eine ungeheure Wiederaufbauleistung das von der Welt bestaunte deutsche Wirtschaftswunder hervorbrachte.

Heute stellen sich für uns alle Fragen im vollen Wissen um Auschwitz. 1933 konnte sich kein Mensch ausmalen, was ab 1941 Realität wurde."

Empört reagierten Abgeordnete auf die Rede Jenningers Im Parlament zum Gedenken an die antijüdischen Pogrome vor 50 Jahren. Rechts die Schauspielerin Ida Ehre, die die „Todesfuge" Paul Celans rezitierte.

[Bild: Foto: dpa]