Weiße Fahne am Turm von Windelsbleiche

1,5 Millionen Meter Stoff gestohlen

 

Während in Oerlinghausen ein blutiger Kampf tobte, verhielten sich die Amerikaner unmittelbar südlich von Bielefeld an den beiden Ostertagen zurückhaltend: sie beschränkten sich auf einzelne Erkundungsvorstöße.

Am Ostersonntag, 1. April, wurden morgens bereits 70 Panzer auf der Autobahn gezählt. Einige Höfe ostwärts der Autobahn brannten, auch Panzer standen in Flammen.

Gegen 11 Uhr erschienen aus Richtung Buchkampstraße die ersten amerikanischen Soldaten beim Werk Windelsbleiche, gefolgt von einer größeren Menge bereits bewaffneter Russen.

Während die Amerikaner das Bürogebäude durchsuchten, begannen die Russen mit der ersten Plünderung. Sie drangen auch in das Wohnhaus des Firmenchefs Gustav Windel ein. In den Tagen bis zum 9. April wurden in den Fabrikhallen nicht weniger als eineinhalb Millionen Meter Webwaren gestohlen, nicht nur von Russen, sondern auch von der deutschen Bevölkerung. Recht und Ordnung waren aufgehoben.

[Bild: Erna Kwasny], Theodor-Heuss-Straße 12 in Oerlinghausen, war damals 23 Jahre alt und bei der Familie Windel als Hausgehilfin beschäftigt. Sie erinnert sich, wie die Russen ins Haus kamen, die Mäntel und Kleider von der Garderobe rissen, das silberne Eßbesteck vom eben gedeckten Mittagstisch zusammenrafften und alles mitnahmen, was nicht niet- und nagelfest war: „Wir hatten alle eine unheimliche Angst!“

In dem allgemeinen Durcheinander versuchte der Firmenchef noch das Schlimmste zu verhindern, indem er das Tischtuch vom Tisch nahm und zu Erna Kwasny sagte: „Kommen Sie mit, Erna, wir wollen die weiße Fahne hissen“. Mit einem Beil unterm Jackett ging er in den Wasserturm und öffnete gewaltsam den Holzverschlag in der Turmspitze. Um 13.30 Uhr hatten sie es geschafft - „mit weichen Knien“.