Die „Stunde Null“ zwischen Teutoburger Wald und Weser
Vor vierzig Jahren - von Dietrich Eickmeier
Als der letzte Wehrmachtsbericht am 9. Mai 1945 meldet: „seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen“, sitzt Heinrich Lübke im Hause Marktstraße 8 in Höxter bereits wieder an einem Schreibtisch. Mit Angehörigen seiner Berliner Dienststelle war der spätere Bundespräsident in die Weserstadt gekommen und leitete dort in einem Baubüro den Wiederaufbau der ersten Weserbrücke zwischen Hameln und Hann. Münden. In Bielefeld funktioniert bereits wieder die Versorgung mit Strom und Wasser, die Menschen räumen den Schutt ihrer zerbombten Häuser beiseite, in den Städten und Gemeinden zwischen Teutoburger Wald und Weser beginnt mit der Frühjahrsbestellung in den Gärten der Kampf gegen den Hunger, in Paderborn werden noch immer Leichen des furchtbaren Luftangriffs vom 27. März geborgen. Die Nachricht vom endgültigen Ende des Krieges wird von den meisten Menschen nur noch registriert - mit Erleichterung. Nur ein paar wenige überzeugte Nazis wie ein Detmolder Studienrat können die „Schande“ nicht ertragen und nehmen sich das Leben.
An diesem 8. Mai 1945 finden sich 5.700 Bürger Bad Oeynhausens in Dörfern der Kreise Minden und Herford wieder. Über Nacht hatten britische Pioniere große Teile der Innenstadt mit Stacheldraht eingezäunt und die Bewohner zwangsevakuiert, weil der britische Oberbefehlshaber Feldmarschall Montgomery hier (mit Dienststellen in Minden, Lübbecke und Bünde) für einige Jahre sein Hauptquartier aufschlagen sollte. Nur mit dem wichtigsten Handgepäck fanden sie notdürftige Unterkunft in der Umgebung, auf engstem Raum mit zahllosen Flüchtlingen und Vertriebenen.
An diesem 8. Mai sind die Folgen des Krieges noch beinahe überall zu spüren: Zerstörte Städte, ausgebrannte Häuser, Trecks von Flüchtlingen mit ihren Handwagen, verstreut umherliegende in großer Hast weggeworfene Waffen und Uniformteile werden noch immer im Raum Warburg-Höxter gefunden, noch fünf Wochen nach dem eigentlichen Kriegsende in Ostwestfalen-Lippe irren versprengte Truppen durch die Wälder. Am 12. Mai geraten bei Lüchtringen 37 Offiziere mit General Karst in Gefangenschaft, sie hatten vom Kriegsende noch nichts mitbekommen.
Der Angriff der Alliierten auf den „Westfalenwall" Teutoburger Wald begann am 30. März. Doch nur 7.000 der eigentlich nötigen 100.000 Soldaten konnten, nachdem die Amerikaner 20 Divisionen mit 325.000 Soldaten im sogenannten Ruhrkessel eingekreist hatten, aufgeboten werden. Fast drei Tage lang wehrten sich SS-Verbände bei Wever und Kirchborchen verbissen gegen die heranrückende Übermacht. die Dörfer um Paderborn wurden beinahe vollständig zerstört. 16- und 17-jährige SS-Freiwillige lieferten im Raum Höxter-Warburg und zwischen Levern, Minden und Petershagen immer wieder fanatische Abwehrkämpfe, sehr zum Unwillen der Zivilbevölkerung. Denn die hatte unter dem sinnlosen Kampf besonders zu leiden. Als die Amerikaner das Dorf Tietelsen im Kreis Höxter nach fünfstündigem Beschuß am 6. April besetzten, bot sich den Überlebenden ein grausiges Bild: „Überall lagen Tote und Verwundete", so die Pfarrchronik, „lange noch war der Boden vom Blut rot getränkt.“
Die Amerikaner, erbittert über ihre Verluste von fast 100 Mann, nehmen blutige Rache: Ein junger SS-Soldat fleht: „Gnade, Gnade, meine Mutter!". Mit den Worten „Nix Mutter, nix Gnade“, schießt ihn ein Gl nieder. Ein paar Kilometer von Tietelsen, in einem Wald bei Erkeln, werden 13 deutsche Soldaten durch Genickschüsse getötet.
Den Vormarsch der Alliierten konnten auch die fanatischen SS-Jungmänner nicht aufhalten -nach einer Woche, am 8. April, setzten sie auf breiter Front beinahe ungehindert über die Weser, obwohl SS-Trupps sämtliche Brücken zuvor noch gesprengt hatten.
In den Städten und Dörfern Ostwestfalens atmete die Bevölkerung auf. Viele Menschen waren wochenlang nicht mehr aus den Luftschutzkellern herausgekommen.
Nun hörte endlich das todbringende Dröhnen der Bombergeschwader auf, es wurde beinahe unheimlich still. 130 Jahre war das Land vom Krieg verschont geblieben, als 1940 die ersten feindlichen Bomben fielen. Ab Herbst 1944 gab es beinahe täglich Luftalarm, warfen britische und amerikanische Bomber auch am helllichten Tag ihre tödliche Last ab. 130 Tote forderte der Bombenangriff auf den Bahnhof Löhne am 14. März 1945, 80 Tote beklagt die Stadt Gütersloh am 26. November 1944. In Bielefelds schwerster Stunde am 30. September 1944 finden mehr als 600 Menschen den Tod im Bombenhagel, mehr als 10 000 Menschen verloren ihr Heim.
Das Grauen des Krieges für die Zivilbevölkerung in seiner Heimatstadt beschrieb der Paderborner Priester Hermann Bieker so: „Überall Ruinen - überall Flammen - überall Schreie verzweifelnder Menschen.... Aus den Kellern krochen rauchgeschwärzte Menschen mit einem erschütternden Schrecken im Gesicht..., rannten mit aufgelöstem Haar, zerrissenen Kleidern, abgeschlagenen Gliedmaßen ...“ Über 1.000 Menschen sterben an diesem 27. März 1945 in nur zwanzig Minuten in der alten Bischofsstadt, 80 Prozent aller Gebäude fallen in Schutt und Asche. Den Helfern, die nach Verschütteten suchen, bieten sich schreckliche Anblicke. Bieker: „Nach der Freilage sahen wir sie - vier Erwachsene, kniend sich umschlungen. in ihrer Mitte ein Kind. Die Bombe war vor das Haus auf die Straße gefallen, hatte das Haus hochgehoben, die Erde des Bombentrichters um die Menschen gepreßt, dann fiel das stürzende Haus auf sie, und der Feuersbrand, der sie durch die Erdschicht nicht erreichen konnte, buk sie förmlich zusammen, wie in einer Form." Wie hatte Adolf Hitler einst erklärt? „Gebt mir vier Jahre Zeit und ihr werdet Deutschland nicht mehr wiedererkennen."