Vergessen verhindert Versöhnung
Leser erinnern sich an das Landtagspräsident Karl Josef Denzer bei DGB-Veranstaltung - Zahlreiche Bürger gedachten der Pogromnacht vor 50 Jahren
Bielefeld (zor). „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung“, sagte Landtagspräsident Karl Josef Denzer bei der Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes zur Mahnung an den Tag vor 50 Jahren, als der Völkermord an den Juden Gestalt annahm. In der vom NS-Chefpropagandisten Goebbels so genannten „Reichskristallnacht" wurden Gotteshäuser niedergebrannt — unter Aufsicht der Feuerwehr, Wohnungen und Geschäfte verwüstet und geplündert — die Polizei schritt nicht ein, 91 Menschen gemordet — die Justiz blieb untätig. Auch in dieser Stadt ging die Synagoge in Flammen auf, wurden Jüdische Mitbürger gequält und deportiert. Manche scheinen das bereits vergessen zu haben wie die Bielefelder Firma, die vor kurzem die vor 50 Jahren erfolgte’ Arisierung feierte. Denzer wandte sich in seiner Ansprache gegen derartige Ignoranz, die sich auch In Forderungen nach einem Schlußstrich zeige. Rund 1.000 Teilnehmer waren dem DGB-Aufruf gefolgt und schwelgend zum Rathaus gezogen. Am Platz der alten Synagoge wurden rote Rosen niedergelegt.
Die grauenvollen Verbrechen seien nicht rückgängig zu machen, erklärte der Landtagspräsident. Sechs Millionen Juden seien von Deutschen in den Tod getrieben worden, 55 Millionen Opfer habe der von Hitler begonnene Zweite Weltkrieg gefordert. „Indem wir uns den Daten stellen, zeigen wir aber hoffentlich, daß wir bereit sind, von damals zu lernen, damit sich Ähnliches niemals wiederholt.“
Die Deutschen dürften angesichts ihrer Geschichte nicht Versöhnung fordern, sondern nur um Versöhnung bitten. Denzer wunderte sich, daß bei NS-Prozessen noch immer strengere Anforderungen an den Beweis der Täterschaft gestellt werden als bei Terroristenprozessen, obwohl jene doch das gewandelte Selbstverständnis unseres Staates dokumentieren sollen.
Dennoch gebe es hoffnungsvolle Ansätze. So habe Micha Guttmann, der amtierende Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, kürzlich geäußert, die Zeit, da die meisten der 30.000 Juden in der Bundesrepublik auf gepackten Koffern säßen, sei vorbei. Dieses Vertrauen bedeute eine Verpflichtung. Von Normalität sei man noch weit entfernt, solange rechtsextremistische Gruppierungen ihr Unwesen trieben.
Der DGB-Kreisvorsitzende Heinz Neu stellte heraus, daß am Anfang der Nazidiktatur die Gewerkschaften verboten worden waren. „Überall in der Welt garantieren freie Gewerkschaften Menschenrechte und Demokratie.“
Am Morgen hatte Oberbürgermeister Klaus Schwickert am Gedenkstein für die zerstörte Synagoge Blumen niedergelegt. Pfarrer Hans-Joachim Falkenberg von der Altstädter Nicolaikirche sprach im Beisein mehrerer Schulklassen ein Gebet. Am Abend wurde von Bürgern bis 6 Uhr morgens gewacht, auch um gegen wiederaufgelebte nazistische Tendenzen und Gruppen zu protestieren.
In der Altstädter Kirche wurde ein ökumenischer Gottesdienst gehalten. Evangelische und katholische Kirche sowie Freikirchen bekannten, in der Zeit des Nationalsozialismus schuldig geworden zu sein. Es wurde „um Kraft der Herzen“ gebetet, „den Unmenschlichkeiten in unserer Zeit zu widerstehen“.