Wenn solch ein Wahnsinn nur nicht wieder passiert!

Leser erinnern sich an das Kriegsende - Rosemarie Froböse erlebte den Einmarsch in Brackwede

 

Bielefeld-Brackwede. Rosemarie Froböse, Cheruskerstraße 78, schildert den 4. April, den Tag des Einmarsches amerikanischer Truppen in Brackwede. Sie war damals 16 Jahre alt und hatte gerade ihr „Pflichtjahr“ hinter sich. Die ganze Sinnlosigkeit des Krieges wurde ihr damals aus eigenem Erleben deutlich:

Am 4. April ging in Brackwede der sinnlose Krieg zu Ende. Wenige Tage vorher wurde in der Gaststätte Waymann, Niederstraße 145 (heute Cheruskerstraße 7) noch ein deutscher Befehlsstand errichtet, kommandiert von einem SS-Offizier, der nur einen Arm hatte.

Jemand hatte diesem Offizier gesagt, mein Vater, Karl Depenbrock, kenne das Gelände um Brackwede genau. Das stimmte. Aufgewachsen in Brackwede und aktiver Wanderer und Naturfreund, war mein Vater mit dem Ort und der Umgegend bestens vertraut.

So wurde er also gerufen und gebeten, anhand einer Karte das „Gelände“ zu erläutern. Er kam erschüttert nach Hause und sagte: „Brackwede soll tatsächlich verteidigt werden.“ Es waren nur wenige deutsche Soldaten zu sehen. Abends kamen sie in die Häuser und nahmen an unseren kargen Mahlzeiten teil, denn mit der Verpflegung der „Truppe“ war es nicht mehr weit her. Die Leute erklärten rund heraus, bei der nächsten Gelegenheit würden sie sich verdrücken. Einer hatte bereits einen Malerkittel im Tornister. Diesen Tornister fanden wir später tatsächlich im Gebüsch und wünschten, der Soldat möchte den Weg nach Hause heil gefunden haben.

Am Morgen des 3. April sahen wir eine alte Nachbarin mit einer Einkaufstasche die Straße überqueren, während Soldaten hinter den Pfeilern der Gartenmauern Posten bezogen. Der Offizier schrie die alte Frau an: „Verschwinden Sie von der Straße, Sie helfen dem Feind. Ich bringe Sie vors Kriegsgericht."

Verängstigt zog die Frau sich zurück, sie verstand schon lange nicht mehr, was los war. Die Niederstraße wird durchschnitten von der Bahnlinie, die von Fußgängern durch eine Unterführung passiert werden kann. Den unteren Teil der Niederstraße (heute Cheruskerstraße) waren die amerikanischen Panzer bereits heraufgekommen. Aber an der oberen Seite des Bahndamms zwang der SS-Offizier seine Leute noch immer zum Widerstand. So schoß ein einsames kleines Geschütz über den Bahndamm. Dort inspizierten die Amerikaner die Häuser und sahen, daß Herr Meier zu einem zivilen Hemd eine Militärhose trug. Sie nahmen ihn mit und postierten ihn wie auch seinen Schwager vor der Bahnunterführung. Trotzdem ließ der deutsche Offizier weiterschießen. Während Meiers Schwager wohl in einem toten Winkel stand, fiel in diesen buchstäblich letzten Kriegsminuten Herr Meier den Kugeln zum Opfer. Es ist nie geklärt, ob er von den deutschen oder amerikanischen Kugeln fiel, für ihn und seine Familie ist es ja wohl auch gleich sinnlos gewesen. Am späten Abend konnte er zum Möllerstift gebracht werden, wo sich damals ein Totenkeller befand.

An der Gütersloher Straße nahe der Einmündung Marienfelder Straße hatte sich noch für längere Zeit ein deutsches MG postiert. Daß die deutschen Soldaten beim Nahen der amerikanischen Panzer sich zurückzogen und Amerikaner die Stelle einnahmen, war dem Herrn Kleineberg, der leider an diesem tragischen Tag seine Volkssturmuniform trug, ganz entgangen. So war er gänzlich überrascht, als die vermeintlichen Kameraden plötzlich auf ihn schossen. Erstaunt schrie er noch: „Was macht ihr denn, ihr schießt ja ...“ Dann war für ihn alles zu Ende.

In der damaligen Fahrradfabrik Stricker, dem heutigen Jugendheim gleichen Namens, waren Amerikaner einquartiert. Abends schellte es bei uns, und zwei schwarze Soldaten standen vor unserer Tür. Etwas unsicher aber freundlich grinsend kamen sie herein und setzten sich ohne Umstände. Sie behielten mißtrauisch ihre Gewehre zwischen den Knien und wollten auch nichts von unserem Essen annehmen, das wohl auch nicht besonders einladend aussah. Sie sprachen einen fürchterlichen Dialekt, so daß bei unseren wenigen Englischkenntnissen nicht viel Unterhaltung stattfand. Sie legten einige Fotos auf den Tisch, und wir hatten den Eindruck, daß auch diesen Siegern der Krieg zum Hals heraushing. Was sie eigentlich richtig gewollt hatten, ist mir bis heute nicht ganz klar.

Entscheidend für uns war an diesem Tag nur das eine, der Krieg war endlich aus, wir konnten wieder ruhig schlafen. Oft haben wir damals gesagt, wir wollen uns gerne einschränken und alle Widrigkeiten in Kauf nehmen, wenn nur so ein Wahnsinn nie wieder passiert.

Leider ist der Mensch sehr vergeßlich, und wenn wir heute aus jenen Tagen erzählen, könnte es manchen jungen Menschen vielleicht wie ein zwar gefährliches aber auch spannendes Abenteuer vorkommen. Davor kann man nicht genug warnen. Nichts ist so kostbar wie der Friede!