Oerlinghausen und der Dreißigjährige Krieg

Auszug aus Hermann Diekmanns „Die Geschichte der Bergstadt Oerlinghausen“

 

Mancher Oerlinghauser wird fragen, was haben denn wir und unser Ort mit dem Dreißigjährigen Kriege zu tun; hier sind doch keine entscheidenden Schlachten geschlagen worden. Schon recht, aber wir werden hören, daß auch Oerlinghausen, wenn auch nicht zu Beginn des furchtbaren Krieges, so doch später mit hineingerissen wurde. Zwar verstand es die damalige Lippische Regierung durch stete Beteuerung ihrer Neutralität und durch geschickte Verhandlungen, den eigentlichen „Krieg“, wenn wir überhaupt von einem solchen sprechen wollen, von den Grenzen und dem Lande fernzuhalten, aber durch die vielen Durchmärsche, durch Drangsale, Plünderungen und Mord hatte auch unsere Landbevölkerung sehr zu leiden. Man lese einmal „Die Grafschaft Lippe im Dreißigjährigen Kriege“ von R. Stegmann, und man wird seine Hellen Wunder erleben! Es handelte sich erst um Truppen des Herzogs Christian von Braunschweig, dann um Truppen des Generals Tilly, der zwar selbst nicht in Lippe sein Lager aufschlug, aber in dem nahen Stukenbrock, ferner waren es später die Pappenheimschen Reiter und auch die Schweden, die hier samt und sonders plünderten, raubten, Mädchen und Frauen verschleppten, Männer marterten, die Kirche aufbrachen und stahlen wie die Raben. — Wie waren denn nun die Soldaten jener Zeit? Es waren keine „alten frummen Landsknechte“, die noch wenigstens National- und Standesgefühl an den Tag legten, sondern Söldner aus allerhand Gesindel, die stets dahin liefen, wo ihnen reiche Beute winkte. Der „Soldat“ hatte meistens bei sich Weib und Kind, so daß eine Armee aus beispielsweise 40.000 Mann etwa 180.000 Mann an Troß aufwies. Alle wollten leben, und da eine regelrechte Verpflegung nicht durchgeführt werden konnte, waren alle auf Plündern und Diebstahl angewiesen.

Tilly wandte sich, nachdem er den Herzog Christian von Braunschweig bei Höchst a. M. geschlagen hatte, nach Norddeutschland, um Mansfeld und Christian zu verfolgen. Mansfeld brandschatzte Ostfriesland, während Christian in Westfalen einfiel. Da die Tillyschen Truppen in Stukenbrock lagerten, ist es begreiflich, daß auch unser Ort in Mitleidenschaft gezogen wurde. Seine Reiter unter Nyvenheimb richteten in Oerlinghausen entsetzliche Verwüstungen und Plünderungen an. Die Oerlinghauser erheben Beschwerde bei ihrem Grafen Simon, und dieser richtet darauf ein längeres Schreiben an den Grafen Tilly, welches wie folgt lautet:

„Daß Ew. Excell. mir jüngst unter anderem die sonderbare faveur bezeigt, daß dero Armee meine Grafschaft vorbeipassieren solle, deswegen thue ich mich gegen dieselbige dienstfreundlich bedanken. Ich mag aber Ew. Excell. darben nicht verhalten, daß, ungeachtet dero ungezweifelten ernsten Befehls, gleichwohl viel unterschiedliche eintzelichte Truppen bey 10, 20 auch hundert und darüber häufig hereingeritten, und sonderlich im Kirspel Oerlinghausen die arme Leute, die neben andern bis dahero zur Unterhaltung des Lindtloischen ganzer siebenzehn Wochen in dieser Grafschaft einlogierten Regiments alle das Ihrige und was sie fünften darzu entbehren und aufbringen können, gehorsamb und willig dargeschossen, und also deswegen zu Ihr und der Ihrigen alimentation fast nichts behalten, überfallen, Häuser, Mühlen, Höfe, Fenster und Thüren mit Gewalt aus- und aufgeschlagen, was noch übrig gewesen, daraus genommen, alles Hausgeräth, Kisten und Kasten in Stücke zerschlagen, auch die Leute jämmerlich verwundet und beleidigt, die Kirchen uff- gebrochen, ja auch, welches doch dieser Oerter unerhört und abscheulich, der Todten Gräber nicht geschonet, die Särke und Leichnam heraüsgenommen und alles, was irgendwo in Kirche und Häusern zu finden, geplündert und mitgenommen haben. Und ob man woll nicht eigentlich wissen kann, wer eins nach dem andern gethan, so ist doch der Obrist Nivenheimb umb Mitternacht in gedachtes Oerlinghausen gefallen und hat alles, was dar vorhanden gewesen, ausgeplünderat und weggeführet. Wan nun aber solcher großer Frevel, Gewalt, Muthwill und Schade ganz unverantwort- und erbermlich und Ew. Exc. daran ein ungezweifeltes Mißfallen tragen werden, als die zur Verhütung solcher und dergleichen Ungelegenheit zweifelsfrei andere Ordinantz werden gemacht haben, dahero um so viel mehr zu hoffen, Sie werden dieses der Gebür ernstlich anden, und den Verbrechern solches ungestraft und ohne restitution nicht gut sein lassen. So gelangt denn allen nach an Ew. Exc. meine dienstfreundliche Bitte, Sie wollen ernstlich befehlen, hierüber in gemein Nachfrage und Erkundigung einzuziehen und, soviel den großen Muthwill und Schaden zu Oerlinghausen belangt, den Obrist Nivenheimb und dessen Regiment zu billiger Erstattung desselben ernstlich anhalten, auch darneben der Verbrechung halber gebührlich ansehn und belegen lassen, das will zu Ew. Exc. Ich mich meiner hochbeleidigten Leute halber, und damit sie zu dem abgenommenen oder dessen Werthe hinwiederumb gelangen mögen, ganz zuversichtlich getrösten- und bin es umb dieselbige nach höchstem Vermögen jederzeit hinwiederumb dankbarlich zu beschulden erbietig und willig. Ew. Exc. dem Allmächtigen zu glückseligem Wohlstand und allem guten freundlich empfehlende.

Geben uff'm Hause Dettmold

den 24. July Anno 1623

Ew. Exe.

dienstwilliger

Simon.“

Wenn auch vorübergehend eine gewisse Auflockerung in den Bedrängnissen unseres Dorfes eintrat, vorbei waren sie nicht, dazu dauerte der Krieg zu lange. Bald waren es die Pappenheimschen Reiter, die wieder eindrangen und nach Herzenslust plünderten und raubten, dann, 1632, glaubten auch die Schweden hier plündern zu dürfen. Es war eine trostlose, schreckliche Zeit, die unsere Oerlinghauser durchzumachen hatten. Am 16. April des Jahres 1633 dringt ein Reitervolk von etwa 50 Mann in die Mauern des Dorfes ein. Viele der Bewohner hatten aus berechtigter Angst in den unruhigen Zeiten ihre wertvolleren Habseligkeiten, vor allem Bekleidungsstücke und Wäsche sowie auch Wurst- und Fleischwaren in Kisten und Kästen verpackt, in die Kirche gebracht, da sie glaubten, daß kein Kriegsmann sie hier fortnehmen werde. Aber sie sollten eines andern belehrt werden. Kurzerhand hielt der Reitertrupp, der wohl Wind bekommen hatte, daß in der Kirche was zu haben sei, vor dieser. Alles Flehen der Bewohner nützte nichts, auch nicht die Versicherung, daß man geneigt sei, ein Lösegeld zu zahlen. Sie, die Reiter, drangen ein ins Gotteshaus, holten einen dort stehenden, mit Betttüchern, Hemden usw. ausgestatteten Schrank auf den Hof, erbrachen ihn und nahmen alles mit. Dann ging's ins Dorf hinein, wohl kein Haus wurde von ihnen verschont. Wer nicht rausrücken wollte, wurde gestoßen, gepeinigt, geschlagen. Alles Geld, soweit es die Bewohner nicht vergraben oder eingemauert hatten, mußte unter Drohungen ausgehändigt werden. Auch dem Vogt rückte man zu Leibe und stahl ihm die Kontributionsgelder. Hattenkerl, neben der Kirche, nahm man ein Pferd ab, trotzdem er den Reitern ein Lösegeld in Höhe von 1 ½ Talern gereicht hatte, und verschwand mit beiden auf Nimmerwiedersehn. Man hätte glauben sollen, die Schweden würden ein besseres Benehmen an den Tag gelegt haben, aber weit gefehlt, einer war nicht besser als der andere. Unser Dorf litt besonders unter der kaiserlichen Besatzung von Wiedenbrück. Und das hatte seinen Grund darin, daß unser Dorf Wiedenbrück am nächsten lag und von der Senne aus zuerst erreicht werden konnte. Gingen die vom Lande zu zahlenden Kontributionsgelder nicht rechtzeitig ein, sofort rückte ein Trupp der Schweden ein und nahm zunächst beim Vogt, dann bei der anderen Bevölkerung, was man irgendwie gebrauchen konnte. Die Angst unserer Oerlinghauser war bei manchen so gestiegen, daß sie vorzogen, Haus und Hof zu verlassen und sich ein Quartier in den Waldungen um Oerlinghausen aufzuschlagen. Andere setzten sich lieber den Unbilden der Witterung aus, irrten in den Wäldern um Oerlinghausen umher und wollten nicht wieder nach Hause zurückkehren.

Das eben beschriebene Elend hielt noch Jahre an. Immer wieder überflutete fremdes Volk unser armes Dorf. In wiederholten Bittschriften wandte sich die Oerlinghauser Bevölkerung an den Grafen zur Lippe und legte darin das auszuhaltende Leid klar. Es war schon so, wie Hermann Löns in seinem Werwolf schreibt. Wie viele Schätze mögen in jener Zeit von der Bevölkerung vermauert, eingegraben und versteckt worden sein, ohne daß sie wieder ans Tageslicht gekommen sind.

Der Friede wurde mit Schweden am 8. August und mit Frankreich am 17. September zu Münster geschlossen. Unser sonst so blühendes Vaterland bot jetzt einen erschütternden Anblick dar. Tausende von Dörfern und Stätten lagen in Schutt und Asche. Viele Häuser in Oerlinghausen standen leer oder waren so zugerichtet, daß sie nicht wieder aufgebaut werden konnten. Vielleicht gehört zu diesen Gebäuden auch jenes im Menkhauser Berge auf dem sogenannten Kriegerbrinke, unweit des Wellenkruges, ein mächtiger Bau von nahezu 50 Meter Länge und 15 Meter Breite, das heißt mit Nebengebäuden. Die Felder lagen unangebaut, Handel und Gewerbe stockten, der Aberglaube machte sich breit, und viele irrten heimatlos umher. In unseren Waldungen hatten die Wölfe ihre Zuflucht gesucht, namentlich im Barkhauser Hinterberge lebten sie. Die Flurbezeichnung „Wolfseiche“ erinnert noch an jene Zeit. Auch die Menschen waren verwildert. Nirgends war Sicherheit, überall wimmelte es von Räubern und Strolchen. — Nur ganz langsam konnte sich auch Oerlinghausen wieder erholen. —

Lange sollte indes Oerlinghausen sich des ersehnten Friedens nicht freuen; denn schon 25 Jahre später, im Jahre 1675, zog von Westen her ein neues Unwetter über Oerlinghausen und über unser Land. Bernhard von Galen, der Bischof von Münster, rückte mit 8 Regimentern gegen die Schweden, die damals Bremen in Besitz hatten, und zog zunächst in das lippische Gebiet. Zwar stellte dieses für ihn einen gewaltigen Umweg dar, doch wollte er seine Truppen zunächst einmal in „dem ketzerischen Lande“ (wir waren Protestanten und er Katholik) reichlich verpflegen lassen und auch Beute machen. Wie gesagt, Lippe sollte Verpflegung und Ausrüstung liefern. Gerade der Westen unseres Landes, also auch Oerlinghausen, hatte unter der Invasion zu leiden. Als Simon Henrich von dem Anmarsch der Münsterschen Truppen hörte, ließ er sofort alle Pässe des Teutoburger Waldes mit Wachtposten besetzen. Er schickte den Landhauptmann Flörke mit wenigen Truppen nach Oerlinghausen, um unsere westliche Grenze, das Schopketal und die Hänge des Menkhauser, des Barkhauser und des Brunsberges zu verteidigen. Aber diese kleine Truppe war zu schwach, um denen des Bernhards von Galen ernstlichen Widerstand leisten zu können. Schon am 5. Juli 1675 standen etwa 6.000 bis 7.000 feindliche Truppen in und um Oerlinghausen. Zuchtlose Soldaten strömten beutegierig auch in unser Dorf und plünderten in der schrecklichsten Weise. Alles, was sie nur irgendwie gebrauchen konnten, schleppten sie fort. Weigerten sich die Bauern, so wurde sofort ein Haufe von 20 bis 30 Mann abgeschickt, um sie zu zwingen. Sie drangen in die Häuser, zerstörten die Möbel, das Geschirr, schlugen die Bewohner, und wenn sie nicht gleich mit allem Geforderten herausrückten, band man sie mit den Händen rücklings zusammen und hing sie an den Baum oder an die Zäune. Man zerschlug Öfen, Türen, Möbel und Geräte und nahm alles Wertvolle mit. Viele Landleute zogen es vor, ähnlich wie zur Zeit des großen Krieges, ihre Häuser zu verlassen und versteckten sich in Büschen und Gehölzen. Sieben Wochen lang hausten die Münsterschen Soldaten hier. Nichts von dem gestohlenen Gut wurde bezahlt, ja, das Land mußte sogar noch die Löhnung für die Truppen aufbringen. Furcht und Schrecken gingen durchs Land. Lange, lange noch nach der Invasion drohte man Kindern:

„Berndken van Galen

De wert di Halen!“