Der 30-jährige Krieg

Auszug aus der Oerlinghauser Reuter-Chronik

 

Mehrere Male schon habe ich in den vorhergehenden Kapiteln diese furchtbare Zeit von 1618 bis 1648 erwähnt. Zwar hat der dreißgjährige Krieg dem Dorfe Oerlinghausen keine weltbewegenden Ereignisse, keine entscheidenden Schlachten oder Gefechte, aber desto mehr Drangsale, Durchmärsche, Raub und Plünderung gebracht. In den ersten Jahren blieb Lippe vom Kriege verschont. Die eigentlichen Kampfhandlungen spielten sich in Böhmen und der Pfalz ab. In die Kriegswirren wurde Lippe zuerst durch den Herzog Christian von Braunschweig gerissen. Dieser erst 22-jährige Prinz, der jüngere Bruder des regierenden Herzogs Friedrich Ulrich von Braunschweig, hatte den nach Holland entflohenen Pfalzgrafen seine Dienste angeboten [Fußnote: Vergleiche "Die Grafschaft Lippe im dreißigjährigen Kriege" von R. Stegmann. In Band III der Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde. Detmold 1905]. Er war dazu veranlaßt durch die Furcht, sein Bistum Halberstadt zu verlieren, zum Teil auch durch die Verehrung für die schöne Pfalzgräfin Elisabeth; besonders aber trieb ihn eine leidenschaftliche Kampflust in den Krieg, durch den er über dies Macht und Reichtum zu gewinnen hoffte. Durch ihn wurden die Kämpfe nach Niedersachsen getragen. Der kaiserliche General Tilly, der den Herzog Christian bei Höchst am Main empfindlich geschlagen hatte, folgte ihm nach Norden und kam mit seinem Heere auch nach Lippe. Oerlinghausen berührte er selbst zwar nicht, - er hatte sein Hauptquartier in Stukenbrock - aber einzelne Truppenteile kamen nach hier, wo sie furchtbar hausten. Besonders die Nyvenheimb'schen Reiter richteten, von der Senne kommend, entsetzliche Verheerungen und Plünderungen an. Diese Reiter des Rittmeisters Arnd Henrich von Nyvenheimb, die zu der Truppe des Obersten Lindtloc gehörten, waren im ganzen Lande berüchtigt. Graf Simon VII schrieb am 24. Juli 1623 an den Grafen Tilly:

Daß Ew. Excell. mir jüngst unter anderen die sonderbare favenz bezeigt, daß dero Armee meine Grafschaft vorbeipassieren solle, deswegen thue ich mich gegen dieselbige dienstfreundlich bedanken. Ich mag aber Ew. Exc. darbey nicht verhalten, daß, ungeachtet dero ungezweifelten ern sten Befehls, gleichwohl viel unterschiedliche eint zelichte trouppen bey 10, 20 auch hundert und darüber häufig hereingeritten, und sonderlich im Kirspel Oerlinghausen die arme Leute, die neben anderen bis dahero zur Unterhaltung des Lindtloischen ganzer siebenzehn Wochen in dieser Grafschaft einlogirten Regiments alle das Ihrige und was sie sunsten darzu entbehren und aufbringen können, gehorsamb und willig dargeschossen, und also deswegen zu Ihr und der Ihrigen a limentation fast nicht behalten, überfallen, Häuser, Mühlen, Höfe, Fenster und Thüren mit Gewalt aus- und aufgeschlagen, was noch übrig gewesen, daraus genommen, alles Hausgeräth, Kisten und Kasten in Stücke zerschlagen, auch die Leute jämmerlich verwundet und beleidigt, die Kirchen uffgebrochen, ja auch , welches doch dieser Örter unerhört und abscheulich, der Todten Gräber nicht geschonet, die Särke und Leichnam heraus genommen und alles, was irgendwo in Kirche und Häusern zu finden, geplündert und mitgenommen haben. Und ob man woll nicht eigentlich wissen kan, war eins nach dem andern gethan, so ist doch der Obrist Nivenheimb umb Mitternacht in gedachtes Örlinghausen gefallen und hat alles, was dar vorhanden gewesen, ausgeplündert und weggeführt. Wan nun aber solcher großer Frevel, Gewalt, Muthwill und Schade ganz unverantwort- und erbermlich und Ew. Exc. daran ein ungezweifeltes Mißfallen tragen werden, als die zur Ver hütung solcher und dergleichen Ungelegenheit zweifels frei andere Ordinantz werden gemacht haben, dahero um so viel mehr zu hoffen, Sie werden dieses der Gebür ernstlich anden, und den Verbrechern solches ungestraft und ohne restitution nicht gut sein lassen. So gelangt denn allen nach an Ew. Exc. meine dienstfreundliche Bitte, Sie wollen ernstlich befehlen, hierüber in gemein Nachfrage und Er kundigung einzuziehen und, soviel den großen Muthwill und Schaden zu Örlinghausen belangt, den Obrist Nivenheimb und dessen Regiment zu billiger Erstattung desselbigen ernst anhalten, auch darneben der Verbrechung halber gebürlich ansehn und belegen lassen, das will zu Ew. Exc. Ich mich meiner hochbeleidigten Leute halber, uund damit sie zu dem abgenommenen oder dessen Werth hinwiederumb gelangen mögen, ganz zuversichtlich getrösten, und bin es umb dieselbige nach höstem Vermögen jederzeit hinwiederumb dankbarlich zu beschulden erbietig und willig. Ew. Exc. dem Allmächtigen zu glückseligem Wohlstand und allen guten freundlich empfehlende.

Geben uff'm Hause Dettmold

den 24. July Anno 1623

Ew. Exc. dienstwilliger Simon

(Ob wohl nach 300 Jahren unsere Nachkommen über meine Schrift und über meinen Stil auch so schimpfen werden, als ich es über das Schreiben des Grafen Simon zur Lippe getan habe? -Leicht möglich! Denn nach 300 Jahren wird man wohl nur noch Schreibmaschinenschrift lesen können.)

Der Krieg ging weiter. Pappenheim kam mit seiner Reiterei nach Lippe. Auch die Schweden hausten 1632 im Lande. Am 17. April 1633 beklagen sich die Oerlinghauser, daß am Tage vorher eine Partei zu Pferde von ungefähr 50 - 60 Mann in das Dorf eingefallen sei, die Kirche erbrochen und gedroht hätten, sie auszuplündern, wenn ihnen nicht 100 - 150 Thaler erlegt würden. Ein Korporal habe sich dann erboten, die Plünderung zu verhüten, wenn er 4 Thaler erhielte; aber dessen ungeachtet hätten die Reiter einen Schrank herausgenommen aus der Kirche und ihn zerschlagen und Hemden und Betttücher daraus geraubt. Von der Kirche hätten sie sich in das Dorf begeben, alle Häuser durchsucht, und was darin an Pferden, Kleidern, Brot und Speck vorhanden gewesen, weggenommen. Dabei hätten sie die Bewohner übel geschlagen, um Geld zu erpressen. So hätten sie Kramers Frau am Arme verwundet. Der Vogt sei auch ausgeplündert, und man habe ihm das Kontributionsgeld, welches er gehoben hätte, fortgenommen, alle seine Register zerstreut und zerrissen. Johann Hattenkerl hätten sie ein Pferd genommen, für das er ihnen ein Lösegeld von 1 ½ Thalern gegeben hätte; aber sie wären mit dem Pferde samt dem Lösegeld fortgeritten.

Im folgenden Jahre wurden sechs Oerlinghauser von "Schnaphänen" aufgegriffen und fortgeführt. Man erpreßte von den Angehörigen zunächst ein Lösegeld von 250 Thalern. Das genügte den Schnapphähnen aber noch nicht. Drei der Gefangenen wurden erschossen, darunter ein Schneider, welcher eine Frau und viele Kinder hinterließ; den 3 übrigen gelang es zu entkommen. Wieviel Angst und Unruhe lebte damals in den Herzen der hiesigen Bewohner! Und wie lange hat das gräßliche Leid dieser Jahre noch nachgewirkt!

Im weiteren Verlauf des Krieges wurde das lippische Land ein Tummelplatz sowohl für die kaiserlichen, als auch für die Schweden. Beide Parteien ließen sich vom Lande Kontribution für den Unterhalt ihrer Truppen bezahlen. Für Oerlinghausen wurde besonders die kaiserliche Besatzung von Wiedenbrück verhängnisvoll. Wenn die Kontribution vom Lande nicht pünktlich bezahlt wurde, dann fielen die kaiserlichen in die Vogtei Oerlinghausen ein, weil sie ihnen am nächsten lag. Hier wurden dann die Rückstände beigetrieben. Ich habe bei der Lebensbeschreibung des Vogts Tofal schon diese Überfälle erwähnt. Das Dorf wurde stets ausgeplündert, auch die Kirche, in der man das noch übriggebliebene Hausgerät, Kleidung usw. untergebracht hatte. Als wieder Gefangene nach Wiedenbrück geschleppt wurden, versteckten sich viele Bewohner in den Wäldern, wo sie sich wochenlang aufhielten, lieber allen Unbilden der Witterung mit Weib und Kindern ausgesetzt, als der fremden Soldateska.

Noch im Jahre 1646 wiederholten sich solche Überfälle. Aus diesem Anlaß richteten die Oerlinghauser am 18. Juli 1646 eine Eingabe an den Grafen Emich zu Leiningen, der damals Vormund der gräflichen Kinder und Administrator der Grafschaft Lippe war. Es heißt darin u.a.:

"Hochgeborener Graf, gnädiger Herr, Ew. hoch.g.G. können wir armen Leute mit höchst betrübten Hertzen in Under thenigkeit klagend nicht verhalten, wasgestalt wir bisher nicht allein durch die der Schwedischen Märsche ausge leeret und erschöpft worden sein, sondern itzo auch wegen der nachstehenden Contribution wird durch militärische Execution uns sehr zugesetzt, dergestalt, daß noch diesen Morgen eine starke Parthey aus Wiedenbrück in dies geringe Dorf gefallen und all dasjenige, was die schwedischen gelassen, an Pferden, Hausgerät und sonsten, davon wir leben sollen, neben etzlichen Mannspersonen executive weggenommen deswegen wir dann fast den wilden Tieren gleich in Büschen und Wäldern - Gott erbarm es - mit unsern armen Weib und Kindern liegen müssen, und weder Tag noch Nacht Ruhe haben. Auch was uns diesen Morgen wegen des ganzen Landes genommen, an der Contribution, wie billig, uns wieder erstattet und gut gethan werden möchte. Dessen thun wir arme Leuthe uns underthenigst getrösten und um gnedige resolution bitten. Oerlinghausen der 18 July anno 1646

Ew. hochg. G. arme Underthanen

die sämptliche Eingesessenen

der Dorfschaft Oerlinghausen."

Zur Beleuchtung der Zustände während des 30-jährigen Krieges möge auch der Inhalt einer Gogerichtsklage aus dem Jahre 1636 herangezogen werden: Der Meier zu Asemissen führt darin aus, er habe, als das Lager vor Bielefeld gelegen habe, eine zugeschlossene Lade mit "aufgedrügeden" Schaf- und Kuhfleisch, Schinken und Mettwürsten im Menkhauser Berge vergraben lassen. Als er nun nach etlichen Tagen die Lade wieder hervorgeholt habe, sei sie leer gewesen. Ein Oerlinghauser Bewohner wird der Täterschaft verdächtigt.

1648 kam denn in Münster und Osnabrück der Friede zustande; aber erst 1650 wurden in Nürnberg Vereinbarungen getroffen, durch die Lippe endlich von allen schlimmen Gästen befreit wurde. Der Graf zur Lippe hatte in den 30 Jahren immer nur seine Neutralität betont, immer um Verschonung seines Landes bei den Heerführern und beim Kaiser gebeten. Etwas hat das geholfen und gewiß ist durch das geschickte Verhandeln der lippischen Räte manches größere Unglück vermieden worden. Aber das Land ist doch an den Rand des Verderbens gebracht worden. Von dem früheren Wohlstand war so gut wie nichts geblieben. In der kleinen Grafschaft Lippe betrug allein der Verlust an Geld 2 Millionen Thaler, eine ungeheure Summe für damalige Zeiten. Darin sind alle Verluste durch Plünderungen und Räubereien nicht eingerechnet. Ganz unberechenbar war der indirekte Schaden durch Seuchen und dadurch, daß Jahrzehnte hindurch jede friedliche Tätigkeit gestört, daß die hiesigen Bewohner immer wieder der Mittel beraubt wurden, durch die sie sich hätten emporarbeiten können, und daß viele daher elend zu Grunde gingen. In Stegemanns Abhandlung lesen wir noch: Voller Freude berichtete der lippische Abgesandte am 23. Juni 1650 aus Nürnberg:

"Während der Unterzeichnung des Hauptregesses sind, die groben Stücke hin und wieder auf den Thürmen, Bolwerken und Schantzen, auch auff dem Marckt undt vor dem Rahthauß öffters die Musquetten gelöset, folgents der Friede öffentlich proclamiert, mit hellem Trompettenschall aus geblaßen und in allen Kirchen durch den Glockenklang verkündet, endlich diesen Sonntag in allen Kirchen ein öffendlich Dankfest angestellet und hochfeierlich celebriret worden, undt kan Gott für solche überschwengliche große Gnade, Gabe undt Wolthat nicht genug gedanket werden."

So war die allgemeine Stimmung. Man hatte wenigstens den Frieden wieder.