Wie Währentrup zerlegt wurde
Stadtgeschichte: Die Busses, die Besitzer des Gutes Wistinghausen, hatten sich finanziell kräftig verhoben und mussten einen ganzen Ortsteil Stück für Stück verkaufen
[Bild: Ländlich: Das Währentrup der 1970er Jahre hatte noch ein ganz anderes Aussehen. Das große Gebäude rechts ist das Hotel Mügge am Iberg. Fotos: Horst Biere | © Horst Biere]
[Bild: Postkartenidylle: Der Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommende Fremdenverkehr führte auch zum Druck von Ansichtskarten vom Dorf Währentrup. | © Horst Biere]
Oerlinghausen. Es war schon abenteuerlich, was die Familie Busse in Währentrup anrichtete - damals Mitte des 19. Jahrhunderts. Friedrich August Busse aus Heerse (Amt Schötmar) hatte die wohlhabende Friederike Amalie Wistinghausen geheiratet und besaß nun große Teile des heutigen Währentrup. Er wohnte aber nach wie vor mit seiner Frau in Heerse und bewirtschaftete von dort aus die beiden großen Höfe Wistinghausen und Ostmann. Mit wenig Erfolg, denn mit seinen quasi industriellen Plänen in Währentrup verhob ersieh kräftig.
Hella Sander hatte sich intensiv mit der Währentruper Ortsgeschichte beschäftigt und viele Dokumente ausgewertet. In einem Vortrag führte sie den Oerlinghauser Heimatverein-Gästen im Jägerhaus den Aufstieg und den Fall eines Großgrundbesitzers vor Augen. Sie zeigte auch, wie Währentrup damals praktisch in seine Einzelteile zerlegt wurde.
Friedrich August Busse ließ um 1840 ein repräsentatives Wohnhaus auf Gut Wistinghausen bauen. Doch statt sich auf den Hausbau und Landwirtschaft zu beschränken, übernahm er zugleich auch noch einen Steinbruch, ließ eine Ziegelei errichten, beantragte eine Konzession fürs Kalkbrennen und baute dann auch noch mehrere Häuser für die Mitarbeiter.
Ölförderung in Währentrup
[Bild: Blickpunkt Währentrup: Hella Sander (l.) erforscht die Geschichte des Ortsteils und lenkt in ihrem Vortrag das Interesse auf den Hof Ostmann und auf das Gut Wistinghausen. Ingrid Hoffmann drehte 1969 einen Videofilm über den Abriss des Ostmannschen Hauses. | © Horst Biere]
Vollständig verkalkulierte ersieh, als er auch noch ins Ölgeschäft einstieg. Er beantragte die Genehmigung beim lippischen Fürsten, in Währentrup eine Fabrik zur Förderung von Steinöl aus Bitumen-Schiefer aufzubauen. Die Genehmigung kam, und 1863 ging das Bergwerk „Friederike II“ in Betrieb. „Doch die Ölförderungstand die meiste Zeit still“, erzählte Hella Sander, „denn der Schiefer mit Bitumen-Öl lag zu tief und konnte erst nach der Beseitigung einer dicken Tonschicht gefördert werden“. Ungeeignete Maschinen und viele auswärtige Fachleute ließen die Kosten explodieren.
Hochverschuldet Übertrugerden Landbesitz, das Gut Wistinghausen und den Hof Ostmann, 1868 auf seinen Sohn Eduard Busse. Der schloss als erstes die unrentable Mineralölfabrik, die Ziegelfabrik hatte schon zuvor einen neuen Betreiber gefunden, war aber auch in Konkurs gegangen. Stück für Stück musste Eduard Busse praktisch ganz Währentrup veräußern. Ein Brand des Gutshauses Wistinghausen hatte die Lage noch verschlimmert.
Das Filetstück seines Besitzes, das Gut Wistinghausen, verkaufte Eduard Busse 1880 an seinen jüngeren Bruder Carl Busse. Doch auch der verhob sich offenbar kräftig, denn er ließ das abgebrannte Wohnhaus durch ein neues großes Gutshaus ersetzten. Unter mysteriösen Umständen allerdings starb Carl Busse kurz darauf. „Ein unglücklicher Zufallsschuss brachte ihn um“, berichtete Hella Sander, „ob Gewehr oder Pistole ist unbekannt. Ebenso weiß man nicht, wo es passiert ist. Es gibt keine Polizeiakte.“
Doch der Ausverkauf von Währentrup war bereits im vollem Gang. Eduard Busse hatte die Felder, Wiesen und den Waldbesitz von Wistinghausen und Hof Ostmann in 15 kleinere Höfe, sogenannte Colonate, aufteilen lassen und veräußerte alle Grundstücke und Häuser einzeln.
Wie ein heutiger Bauträger arbeitete Eduard Busse, denn er wollte nicht nur Grund und Boden verkaufen, sondern plante auch gleich noch genormte Siedlungshäuser darauf zu errichten. Er ließ Pläne von Gebäuden mit kompletten Grundrissen und Außenansichten ausführen. Er schaffte es allerdings nur, drei Häuser zu bauen. Dann ging ihm offenbar wieder einmal das Geld aus. Denn das verschuldete Gut Wistinghausen seines verstorbenen Bruders Carl war ebenfalls an ihn zurückgefallen.
An die Zuckerfabrik verpfändet
„Wieder einmal stand Eduard Busse im Jahre 1884 vor einem riesigen Schuldenberg“, erzählte Hella Sander. Er musste an seine Schwester Helene und seinen Bruder Gustav, die nicht hier wohnten, eine lebenslange Rente zahlen. Die Lieferanten schickten ständig Rechnungen und Mahnungen: Zimmermann Becker für Holzarbeiten oder Müller Schulze für geliefertes Knochenmehl. Und eine gewaltige Steuernachzahlung von 50.000 Mark drückten ihn heftig. Hella Sander: „Für diese riesige Summe verpfändete er sein komplettes Gut Wistinghausen mit allem Zubehör und auch den Ostmannschen Hof an die Zuckerfabrik Lage.“ Nach einem Jahr, konnte er den Kredit allerdings zurückzahlen - offenbar aus dem Erlös der anderen verkauften Hofstätten.
Im April 1892 verkaufte Eduard Busse die letzte der neu eingeteilten Währentruper Hofstätten, das Colonat Nr. 8. an den Arbeiter August Hellkamp und seine Frau Karoline. Damit konnte sich Busse offenbar endgültig finanziell sanieren. Er lebte mit seiner Frau auf Gut Wistinghausen, wurde 88 Jahre alt und starb im Jahr 1927 in Detmold.
Das 200 Jahre alte Ostmannsche Haus an der Währentruper Straße allerdings, fiel erst im Jahre 1969 dem Abrissbagger zum Opfer, denn es stand dem Ausbau der Kreisstraße im Wege. Sein Ende zeigte ein historischer Super-8-Film, den die Anwohnerin Ingrid Hoffmann seinerzeit davon drehte. Der Filmvortrag beschloss den „Währentruper Abend“ im Jägerhaus.