Der Tunnel wird 20
Stadtgeschichte: Vor zwei Jahrzehnten fahren die ersten Autos durch die Röhre unter dem Menkhauser Berg. Ein Tunnellauf bildet den Auftakt, die Bergwacht schenkt Tunnelschnaps aus
[Bild: Sportlich: Ein Tunnellauf bildete den Auftakt zu einem ersten Tunnel-Besichtigungstag für alle Oerlinghauser im November 1998. Foto: Horst Biere | © Horst Biere]
Oerlinghausen. Es ist der 14. November 1998 in der Bergstadt. Ein trüber und regnerischer Herbsttag. Doch Hunderte von Oerlinghausern sind an diesem Samstagnachmittag unterwegs, um „in die Röhre zu gucken“: der 492 Meter lange Autotunnel durch den Menkhauser Berg wird erstmals für Besucher freigegeben.
Ein spektakulärer Auftakt findet am südlichen Ausgangstatt. Die LG Oerlinghausen veranstaltet den „ersten und einzigen Tunnellauf“, und viele andere Besucher bummeln zum ersten Mal durch das hell erleuchtete Gewölbe. Die Bergwacht der Schützen ist mit von der Partie und schenkt einen Tunnelschnaps der Melmschen Apotheke aus. Aus Lautsprechern dröhnt fetzige Musik, und ein Imbiss- und ein Getränkestände geben der Eröffnung einen Volksfestcharakter. Drei Tage später wird’s dann offiziell: vor deutlich weniger Besuchern halten der damalige Bürgermeister Martin Weber und einige Landespolitiker die Festreden, denn ab diesem Dienstag wird die Tunnelstraße für den Autoverkehr freigeben.
[Bild: Politiker: Als Johannes Rau noch NRW-Ministerpräsident war, konnte Horst Steinkühler als Landtagsabgeordneter viel Düsseldorfer Hilfe für das Oerlinghauser Großprojekt bekommen. Repro: Horst Biere / Quelle: Steinkühler | © bi]
Der Tunnel gilt auch heute noch als das größte Oerlinghauser Bauprojekt. Doch er spaltete die Menschen der Bergstadt über Jahrzehnte hinweg in zwei Glaubensrichtungen, in die Befürworter und die Gegner der neuen Entlastungsstraße - der L 751 neu.
Schon um 1960 liefen erste Gespräche im Rat, um eine Umgehungsstraße für Oerlinghausen zu bauen. Denn zahllose Autos und Lkw rollten täglich mitten durch die enge Durchfahrt der Stadt oder aber entlang der Robert-Koch-Straße und dann Richtung Lämershagen oder Asemissen.
Erst Anfang der 70er Jahre beschloss der Oerlinghauser Rat, sich erneut mit dem Thema Umgehungsstraße zu befassen. Nun aber wurden konkrete Trassenplanungen diskutiert. Soll die Schnellstraße westlich vom Menkhauser Berg, also durchs Schopketal, verlaufen? Soll die Trasse durch einen tiefen Bergeinschnitt gelegt werden? Oder aber will man den Verkehr künftig durch einen wesentlich teureren Tunnel lenken? Es dauerte noch bis zum Januar 1981 - dann einigte sich der Stadtrat und die Landschaftsbehörden auf die jetzige Straßenführung mit einem „mindestens 560 Meterlangen Tunnel“.
»Etwa 40 Millionen Mark sind einfach ein zu großer Brocken«
Die hohen Kosten waren das Problem. „Etwa 40 Millionen Mark sind einfach ein zu großer Brocken“, sagte der Landesverbandsvorsteher Helmut Holländer im August 1986. Bei chronisch knappen Finanzen empfahl er das Projekt Oerlinghausen erst einmal nach hinten zu schieben. Oerlinghausens damaliger Bürgermeister Horst Steinkühlerzeigte sich kämpferisch. „Wenn das Land Nein sagt, muss etwas passieren“, warnte er in einem Interview. Fast 20.000 Fahrzeuge seien an einem Tag gezählt worden, „das ist viel zu viel“.
Die heiße Phase des Entstehens lag eindeutig Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre, denn nun kam richtig Druck von den Anwohnern der betroffenen Straßen. Bürgerinitiativen „Ruhiges Oerlinghausen“ oder „Umgehungsstraße Jetzt“ hinter denen die rührigen Anlieger unter der Federführung von Klaus Biere und Waltraud Bartsch standen, wurden gegründet.
Mit „Fahrrad-Demos“ protestierten Bewohner und die örtliche SPD mehrfach. In zwei Gruppen rollten die Radfahrer ganz langsam über die Robert-Koch-Straße und die Holter Straße und blockierten damit den Autoverkehr. Und Bürgermeister Horst Steinkühler, der seit 1980 in den NRW-Landtag gewählt worden war, gelang es, immer mehr Abgeordnete des Parlaments für das Oerlinghauser Tunnelprojekt zu gewinnen.
„Ich habe viel außerparlamentarische Unterstützungsarbeit in der Düsseldorfer Altstadt leisten müssen“, sagt er später humorvoll. Denn er hatte es tatsächlich geschafft, die notwendigen Landesmittel für den Bau der Straße nach Oerlinghausen zu lenken. Immer wieder auch holte er prominente Landesminister, Bauminister Christoph Zöpel, Sozialminister Friedhelm Farthmann oder Umweltminister Klaus Matthiesen in die Bergstadt, um ihnen die Dringlichkeit einer Entlastungsstraße vor Augen zu führen. Mit Erfolg.
Letztlich konnte der Bau beginnen, die ersten Bagger rollten im Frühjahr 1994 an. Gewaltige Erdmassen mussten bewegt werden. Ein Tunnelbauunternehmen aus Österreich bohrte mit einer Riesenfräse den Stollen in den Menkhauser Berg. Doch die Gegner der neuen Straße fuhren immer mehr schweres Geschütz auf. Es gab vier Klagen von Grundstücksbesitzern. Und die lokalen Umweltschützer - allen voran Roland Tischbier und der verstorbene Pädagoge Günter Ober - machten enorm mobil. Ihr Einwand richtete sich auch gegen die mittlerweile auf 490 Meter verkürzte Tunnellänge. Der Naturschutzbund, der in Oerlinghausen maßgeblich von Roland Tischbier gesteuert wurde, rief noch bei den ersten Bauarbeiten zu einer Demo gegen die „Killer-Trasse“ auf. Immer wieder gab es Anträge für einen Baustopp, doch alle Klagen wurden abgewiesen.
»Ohne Tunnel - das wäre ein Desaster für Oerlinghausen«
Im Mai 1995 kam der entscheidende Moment: der Tunneldurchstich, denn von Norden und Süden hatten sich die Bergbauteams durch das Gestein gefräst und trafen exakt zusammen. Noch dreieinhalb Jahre dauerte es aber, bis alle Straßenbaumaßnahmen abgeschlossen und Tunneltechnik komplett installiert waren. Ab November 1998 floss der Hauptverkehr an Oerlinghausen vorbei und alle Anwohner atmeten auf. „Danke Horst“ war noch monatelang auf einem Transparent an der Robert-Koch-Straße zu lesen. Die Anlieger hatten es aufgehängt, um Horst Steinkühler für sein politisches Engagement zu danken. Klaus Biere fasst heute, nach 20 Jahren, die Bedeutung der Entlastungsstraße zusammen: „Ohne den Tunnel - das wäre ein Desaster für Oerlinghausen.“