Viel Rummel um Hermann Löns
In der Stadtgeschichte geht es diesmal um einen Gedenkstein auf dem Tönsberg
[Bild: Festtag 1928: Hunderte von Gästen waren zur feierlichen Einweihung des Löns-Gedenksteins auf den Tönsberg gekommen. Quelle: Archiv Höltke | © Horst Biere]
Oerlinghausen. Riesentrubel herrschte auf dem Tönsberg im September 1928. Hunderte von Festgästen - Männer mit Anzug und Krawatte, Frauen mit Hut und in schönstem Sonntagskleid, Jugendliche mit adretten Schülermützen - strömten zu einer der größten Feierstunden, die Oerlinghausen bisher erlebt hatte. Ein großer Gedenkstein für den damals außerordentlich beliebten Heimatdichter Hermann Löns wurde eingeweiht.
Ortshistoriker Werner Höltke berichtete kürzlich von dem früheren Großereignis vor dem Heimatverein im Jägerhaus. Er beleuchtete auch das Leben des besonders von den Nazis geschätzten Dichters Hermann Löns, und er sprach ebenfalls die dunklen Seiten des Heimatpoeten an. Hermann Löns war eine Kultfigur in den Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg. Seine Heimatromane, seine Gedichte über Heidelandschaften, seine Wanderbeschreibungen und Jagdbeobachtungen in der Natur genossen höchstes Ansehen. Überall in Deutschland entstanden Gedenkstätten für den 1914 gestorbenen Autor und Dichter.
Ein kleiner Platz kurz unterhalb des Kammweges
Der Lippische Jägerverein suchte ebenfalls nach einem Ort für einen Erinnerungsplatz - und fand ihn auf dem hinteren Tönsberg. Dort wo man zu jener Zeit noch einen ungestörten Blick in die Sennelandschaft hatte. Die Jäger fragten im April 1928 beim Oerlinghauser Stadtrat an, ob man ein Löns-Denkmal auf dem Berg errichten könne. Ganz ohne Kosten für die Bergstadt. Bürgermeister August Reuter teilte voller Freude die Zustimmung des Rats mit. Der abgestimmte Entwurf fand die Zustimmung von Jägern und Stadtverwaltung, die Bauarbeiten begannen recht schnell auf dem kleinen Platz kurz unterhalb des Kammweges.
Maurermeister Oberdiek beauftragte man mit den Bauarbeiten für ein Monument von 2,80 Metern Höhe. Auf den gemauerten Kern setzten die Bauleute einige rotbraune Granitsteine mit der Aufschrift „Löns", Bruchsteine aus der Umgebung umrahmten das ganze Gebilde. Ziegeleibesitzer Kochsiek aus Helpup hatte die Steine zur Verfügung gestellt, mit seinen Pferdefuhrwerken transportierte Bauer Hanke aus Oetenhausen die großen Blöcke auf den Tönsberg.
Zu einer Großveranstaltung entwickelte sich am Sonntag, 9. September, die öffentliche Einweihung des Löns-Gedenksteins in Oerlinghausen. Der Lippische Jägerverein hatte zahlreiche Einladungen verschickt, weit angereiste Gäste holte man am Bahnhof in Asemissen mit Autos und Kutschen ab.
Von grünen Birken in Heid' und Moor
Zur Einstimmung trug der Gesangverein „Eintracht" einige Lieder von „grünen Birken in Heid' und Moor" vor. In vielen Reden heroisierten die Jäger und weitere Ehrengäste die Leistungen des Heimatdichters und Jagdgenossen. Auch Bürgermeister August Reuter lobte den Naturfreund Hermann Löns und versprach, die Stadt Oerlinghausen wolle ein „treuer Hüter" des Denkmals sein. Mit Kranzniederlegungen des Jägervereins und des Heimat- und Verschönerungsvereins sowie mit dem „Lönslied" des Gesangvereins „Eintracht" schloss die Feierstunde auf dem Tönsberg.
Doch der Rummel ging weiter. Im Saal des Stadthotels startete am Abend des Festtages eine weitere große Löns-Veranstaltung. „Heimatlieder zur Laute", wechselten ab mit Gedichtvorträgen und Lesungen, sowie weiteren Berichten aus dem Dichterleben von Hermann Löns. Das Finale bildete noch einmal ein Beitrag des Gesangvereins mit dem Stück „Jägerchor" aus der Oper „Freischütz" von Weber.
Die Anlage um den Gedenkstein auf dem Tönsberg aber, die auch heute noch vom Kammweg aus gut erkennbar ist, wurde erst zwei Jahre später endgültig fertig gestellt. Erst dann waren die Außenflächen um das Monument begradigt und einige Sitzbänke aufgestellt.
Doch dass der Heimatdichter Löns auch tatsächlich in Oerlinghausen war und hier gewandert ist, gilt als unbestritten. Werner Höltke zitierte in seinem Vortrag einen Absatz aus der Löns-Geschichte „Frau Einsamkeit": „So wanderte ich von Bielefeld über sonnige Höhen nach Oerlinghausen, dort stieg ich bergan, ging an der Hünenkapelle auf dem Tönsberg vorüber, wanderte durch Buchenwälder und enkeltiefen Treibsand, bis sie vor mir lag - die herbe Senne."
Hermann Löns - viermal beerdigt
Heidedichter, Journalist, Intellektueller, Naturschützer und Jäger - so sah die Öffentlichkeit oft Hermann Löns. Aber auch seine Schattenseiten sind heute bekannt: Alkoholiker, Frauenheld, gescheiterte Existenz. Hermann Löns, der 1866 in Westpreußen geboren wurde, arbeitete viele Jahre für Zeitungen in und um Hannover und Bückeburg. Als freier Schriftsteller beschrieb er oft in Romanen und Gedichten die Natur, vor allem in Wald und Heide. Als Freiwilliger meldete er sich noch mit 48 Jahren sofort nach Ausbruch des 1. Weltkriegs an die Front. Bereits im September 1914 fiel er in einer der ersten Schlachten des Krieges bei Reims in Frankreich. Viermal wurde er begraben: Sofort auf dem Schlachtfeld, dann umgebettet auf einen Militärfriedhof in Frankreich. Auf Anweisung Hitlers wurde er 1934 exhumiert und auf „deutschem Boden" begraben. Zunächst von der SA auf einem „Ehrenfriedhof" auf dem Grundstück eines Gauleiters an der Straße Walsrode-Hamburg. Später wurde er noch einmal durch die Reichswehr exhumiert und dann auf einem Heidegelände bei Walsrode endgültig bestattet.